Tainter liegt falsch. Er verwexelt ständig Korrelation und Kausalität

Mephistopheles, Datschiburg, Mittwoch, 21.07.2021, 13:12 (vor 3 Tagen) @ Ankawor578 Views

Es gab eine ähnliche Katastrophe in Australien, wenn auch in kleinerem Ausmaß. Ich habe die Hälfte meines Lebens dort verbracht und kriege oft Berichte von Betroffenen, nicht aus den Medien.

Als vor kurzem ein Sturm im Dandenong-Gebirge nur 40 km von Melbourne die Stromversorgung unterbrach, kam ebenso wie jetzt bei der Überschwemmung keine Hilfe. Viele Menschen saßen im Kalten, Dunkeln (Regen, Wind, Naßschnee), teils in beschädigten Häusern, ohne Kommunikation und ohne Trinkwasser, Straßen unpassierbar. Hilfe gab es nur untereinander, Hilfsorganisationen rückten nur in unzureichender Zahl an. Bis die Armee aus ihren nicht weit entfernten Stützpunkten sich in Bewegung setzte, vergingen sage und schreibe 10 Tage.

Warum es nicht geklappt hat, weiß keiner. Offensichtlich war das System der zusammenwirkenden Kräfte nicht in der Lage, sich effektiv zu organisieren.

Genau daran liegt es, dass das System nicht wie ein neuronales Netz organisiert ist, welches nicht nur in der Lage wäre, sich effektiv selbst zu organisieren, sondern genau darauf ausgelegt ist, dass es sich selbst organisiert. Statt desssen sind die heutigen Systeme nach dem Führerprinzip organisiert und scheitern an ihrer mangelnden Komplexität. Das begreift jedoch Tainter aufgrund seiner Verwexlung von Korrelation und Kausalität nicht und dieses Forum auch nicht.


Das legt die Vermutung nahe, dass es sich um ein weltweites Phänomen handelt. Es könnte am flächendeckenden Rückgang der Intelligenz liegen. Aber ich habe mir auf der Fahrt eben noch zweimal Tainters Collapse of complex societies angehört, und halte es für möglich, dass wir Zeugen eines solchen Ereignisses sind.

Tainter sagt zwar, es handele sich dabei um eine schnelle Vereinfachung einer Gesellschaft. Anhand seiner Beispiele ist aber zu erkennen, dass "schnell" nicht bedeutet, von einem Tag auf den anderen, sondern in einem geschichtlichen Maßstab gemeint ist. Also ein Kollaps, der über Jahre oder Jahrzehnte abläuft. Auch das Aufblähen der Administration durch zunehmende Komplexität erläutert er schlüssig.

So ist es. Das System wird sich noch einmal derrappeln, aber nur noch knirschend weiterfunktionieren und niemals wieder den vorherigen Level erreichen. Außerdem macht sich zunehmend der Energiemangel bemerkbar, nicht weil es objektiv an Energie fehlen würde, von der die Ungläubigen meinen, sie wäre noch für mehrere Jahrhunderte vorhanden, sondern deswegen, weil mit den Mitteln des Systems, und das ist v.a. der Preis, dem System immer weniger Energie zur Verfügung steht.

Dazu passt, dass ich mehrmals von Leuten vor Ort berichtet hörte, wurden Hilfszüge wie freiwillige Feuerwehren und ähnliche von den Behörden wieder weggeschickt oder gar nicht erst in die Überschwemmungsgebiete durchgelassen. Vielleicht fehlt nur Helmut Schmidt, aber vielleicht liegt das weit verbreitete "Systemversagen" auch an den Zusammenhängen, die Tainter aufzeigt.

Es liegt am Führerprinzip. Bei Schmidt machte sich das Führerprinzip nur umgekehrt bemerkbar. Muss man halt Glück haben. Wenn aber gerade kein Führer zur Hand ist, dann hätte das Unwetter in Frankfurt mit genau demselben Schlamassl geendet wie jetzt.

Gruß Mephistopheles

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Wenn wir nicht das Institut des Eigentums wiederherstellen, können wir nicht umhin, das Institut der Sklaverei wiederherzustellen, es gibt keinen dritten Weg. Hillaire Belloc


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