Das Zeitalter der Aufklärung ist vorbei - und Opa Putin hat es nicht mitgekriegt

Miesepeter, Freitag, 09.02.2024, 12:57 (vor 24 Tagen) @ Plancius3154 Views
bearbeitet von Miesepeter, Freitag, 09.02.2024, 13:12

Als Carlson gleich zu Beginn nach dem Grund für den Einmarsch in die Ukraine fragt, hält Putin einen ellenlangen Vortrag über die Geschichte Russlands, beginnend 862, aus der er einen Anspruch Russlands auf die Ukraine - und zwar die ganze Ukraine ableitet.

Putin fragt gleich zu Beginn, ob Tucker hier ein journalistisches Interview führen möchte oder ob er - als studierter Historiker - ein ernsthaftes Gespräch führen möchte, und man legt sich auf letzteres fest.

Dann beginnt er mit diesem Abriss der russischen Geschichte in Verbindung mit der Bildung einer eigenständigen ukrainischen Identität. Meiner Ansicht nach keine gute Gesprächsstrategie, denn offensichtlich sind in der heutigen Zeit nur noch wenige Leute bereit, einem Staatsführer länger als 5 Minuten zuzuhören. Aber für ihn ist der geschichtliche Hintergrund nun einmal wichtig, entsprechend führt er ihn aus.

Einige Elemente, auf die er im Verlauf des Gespräches dann rekurriert, sind auch meiner Meinung nach erwähnenswert, so zb der Fakt, dass das Staatsgebiet der ukrainischen Sowjetrepublik (die dann zur Ukraine wurde) tws. auf Gebietsschenkungen Russlands bzw der UdSSR beruht. In diesen Gebieten, die vorher jahrhundertelang russisch waren und die ganz überwiegend weiterhin von Russen bewohnt wurden und werden(die wurden ja mitverschenkt), wollte nun die Ukraine die russische Sprache und die russische kulturelle Zugehörigkeit untersagen. Das macht zumindest verständlich, warum die dortige Bevölkerung nicht begeistert auf den Maidan-Umsturz reagierte - mit allen weiteren Folgen.
(Der im Maidan gestürzte President Yanukovitsch hatte übrigens in den Regionen Donetsk und Lugansk bei den Präsidentschaftswahlen jeweils über 90% der Stimmen erhalten - es verwundert also nicht, dass der Umsturz dort nicht als demokratisch empfunden wurde)

Ich bitte um Verlaub, das ist ein wahrlich dümmlicher Kriegsgrund, mit dem er das westliche Narrativ vom Aggressor bedient, der territoriale Gelüste nach alter feudaler Art hegt. Damit hat sich Putin ein riesiges Eigentor geschossen.
Wo und wann soll man denn anfangen, wer wo irgendwelche territorialen Ansprüche geltend macht?

Ich weiss nicht, wo du das gehört hast, aber Putin hat nach meinem Dafürhalten nirgendwo in dem Gespräch Gebietsansprüche auf die ganze Ukraine erhoben, und auch keinen Kriegsgrund aus irgendeinem territorialen Status im Mittelalter abgeleitet.

Er sagt explizit, und wiederholt, dass es die Ukraine war, welche den Krieg 2014 begonnen hat, und dass die Auslöser, die Russland dann 2022 zum militärischen Einschreiten auf (nach den Referenda ehemaligen) ukrainischen Territorien bewogen haben, die ukrainische Aufkündigung der Minsk Vereinbarungen und die intensivierten Natobeitrittsgesuche waren.


Ich hätte Putins Argumentation verstanden, wenn er den Rubikon mit einem NATO-Beitritt der Ukraine und einer möglichen Stationierung von NATO-Raketen dort als überschritten gesehen hätte und Russland das auf keinen Fall toleriert.

Genau das erwähnt er mehrmals und ebenfalls, dass er dies wieder und wieder den Amerikanern und den Europäern mitgeteilt hat, ohne jemals ernsthaft wahrgenommen zu werden.

Eine interessante Ausführung seiner Perspektive hierzu betrifft bspw. das oft gehörte Gegenargument, die Ukraine wäre aufgrund der Einstimmigkeitsanforderung ohnehin nie in die NATO aufgenommen worden, daher sei dieses russische Argument vorgeschoben.

Er erzählt dann, wie Deutschland und Frankreich vor dem Natogipfel 2008 in Bukarest bereits gegen eine Einladung der Ukraine in die NATO waren und ihm dies auch vermittelt haben. Dort aber wurde nun "Druck" seitens der USA auf sie ausgeübt, und am Ende wurde die Einladung an die Ukraine - wenn auch ohne Termin oder Festlegung der Prozedur - doch einstimmig beschlossen*. Nun würden wieder Deutschland und Frankreich sagen, ein tatsächlicher Beitritt der Ukraine sei aufgrund fehlender Einstimmigkeit völlig illusorisch gewesen. Was sei aber, wenn dann auch in diesem Falle erneut "Druck" ausgeübt werde?

Mein Fazit: Ein Interview über 2 Stunden, das dann eher einem Vortrag gleicht, ist ganz offensichtlich propagandatechnisch in der heutigen Zeit im Westen völlig untauglich. Die Aufmerksamkeitsspannen werden heute in Minuten bemessen. Seine Adressaten sind vielleicht die Historiker und einige wenige restneutrale Rationalisten, aber sicher nicht das breite westliche Publikum. Hier liegt die grösste Schwäche Putins - er glaubt anscheinend, er könnte mit seinem argumentativ-erzählerischen Ansatz und seinen Einladungen zu jahrhundertealten Verfahren von Diplomatie und Interessensausgleich eine Verständigung auf gemeinsamen, weil allgemein gängigen Kommunikationsprinzipien bewerkstelligen. Aber "Audiatur et altera pars" ist längst ein weitgehend überholtes Prinzip, vermutlich 90% der Zuschauer haben bereits nach 15 Minuten seines Monologs aufgrund mangelnder Reize oder Sensationen abgeschaltet, und so erreicht er letztendlich im Westen kaum jemanden. Stattdessen formt sich ein Image eines alten, schwatzhaften, verblendeten Autokraten, der in seiner eigenen, längst überholten Welt lebt.

Er hätte besser 10 emotionale Tiktok Shorts aufnehmen lassen, wenn er im westlichen Publikum einen bleibenden Eindruck erzielen wollte.

Auffallend ist auch, wie sich Putin verändert hat. Er ist spürbar emotionaler als in früheren Zeiten. Er wurde vom Westen oftmals aufs Glatteis geführt (Nato, Maidan, Minsk, Abzug aus Kiew) bzw. empfindet dies so, in jedem Falle zog Russland in seinen Verständigungsversuchen nahezu permanent den Kürzeren. Das hinterlässt Verbitterung, auch wenn er das explizit von sich weist, sieht man es ihm dennoch an. Durch Entgegenkommen wird Russland den Westen nun vermutlich eher nicht mehr umstimmen wollen.

Gruss,
mp

Aus der offiziellen Abschlusserklärung der NATO Bukarest 2008:
NATO welcomes Ukraine’s and Georgia’s Euro-Atlantic aspirations for membership in NATO. We agreed today that these countries will become members of NATO. Both nations have made valuable contributions to Alliance operations. We welcome the democratic reforms in Ukraine and Georgia and look forward to free and fair parliamentary elections in Georgia in May. MAP is the next step for Ukraine and Georgia on their direct way to membership. Today we make clear that we support these countries’ applications for MAP. Therefore we will now begin a period of intensive engagement with both at a high political level to address the questions still outstanding pertaining to their MAP applications. We have asked Foreign Ministers to make a first assessment of progress at their December 2008 meeting. Foreign Ministers have the authority to decide on the MAP applications of Ukraine and Georgia.


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