Das ewige, leidige Vorher-Nachher-Hinterher-Problem, das eigentlich gar keines ist.

Weiner, Dienstag, 05.01.2021, 21:33 (vor 55 Tagen) @ Ashitaka1325 Views

Hallo Ashitaka,

ich weiß Dein Antworten sehr zu schätzen und danke Dir dafür, wiewohl ich inhaltlich mit Deiner Antwort erneut nicht zufrieden sein kann. Bitte sieh das aber als eine Art "Gehirnerweichung" im Sinne von @Mephistopheles an, die nicht kurierbar ist. Ich entbinde Dich deswegen gerne von einer Replik!

Zur Darstellung meiner anderen Ansicht, greife ich diesmal nicht auf die Weltgeschichte sondern auf das Universum an sich zurück.

'Unser' hübsches kleines Universum ist bekanntlich prall gefüllt mit Energie, ein kleiner Teil davon kondensiert in Form von 'fester' Materie. Nirgendwo in diesem Universum ist Schuld und Mangel, sondern überall nur Fülle. Und niemand kann der Energie des Universums etwas wegnehmen oder hinzufügen. Auch der liebe GOTT nicht mehr.

Damit der HERRGOTT mit dieser Energie spielen und beim Zuschauen Spaß haben kann, hat er sie in einen ausreichend großen, leeren (!) Raum gelegt und sich ausreichend viel Zeit genommen - so daß er, wie zB. Johann Sebastian Bach, alle Varianten und Konfigurationen durchspielen kann. Bis er müde ist von diesem Universum. Und sich vielleicht das nächste ausdenkt ...?

Wie bei allen guten Spielen und bei aller Fugenkunst hat der HERRGOTT sich anfangs Regeln zurechtgelegt, und zu diesen Regeln gehört, dass die Energie ungleich verteilt werden können soll. Denn wie sonst könnten differenzierte Formen und Farben und Prozesse und Veränderungen entstehen, an denen GOTT so große Freude hat?

Es mögen jetzt bitte die Debitisten meiner Erzählung fern bleiben, die behaupten wollen, dass an den leeren Stellen Schuld sei und an den übervollen Orten Vermögen. Solche Argumente sind in meinen Augen spießig und krämerisch, eigentlich komplett daneben. Es ist, bei GOTT, alles da: Die Fülle und die Leere - umfasst von Fülle. Im Vielen das Eine.

Beim Wechselspiel der materischen Energie hat der liebe Gott den kleinsten Teilchen erlaubt, Komplexe zu bilden, selbstverständlich wiederum nach gewissen Regeln, von denen die harmonischen die wichtigsten sind (leider nur wenigen Menschen bekannt ...). Und so zeigen sich da draußen so genannte Komplexe wie etwa Atome und Moleküle und Gaswolken und Staubwolken und zufällig wie regelmäßig umherfliegende Gesteinsbrocken und Planeten und Sterne und Galaxien - und weiß der GEIER, was noch ...

Eine Sorte von solchen Komplexen ist wirklich sehr interessant - das muss ich unbedingt erzählen -, eine Art von flüssigen Kristallen, die so genannten Lebenkomplexe, die meisten von ihnen kohlenstoff- und wasserbasiert.

Wie die entstanden sind und was für außerordentliche Merkmale sie haben, das wäre nur sehr umständlich hier zu erklären. Wichtig ist für unseren Zusammenhang bloß zu wissen: die Lebenkomplexe haben sich an den Abgrund gestellt. Sie haben sich an der spitzen Stelle zwischen Fülle und Leere aufgebaut. Warum? Ich vermute: weil dort die Aussicht am besten ist.

An dieser extremen Position hat das Leben natürlich ein Problem. Es kann runterfallen. Was dann passiert, wird jede(r) hier Mitlesende eines Tages selbst erleben, deswegen brauch ich es nicht beschreiben. Bis zum Runterfallen aber ist jeder Lebenkomplex damit beschäftigt, das Gleichgewicht zu halten. Und das wiederum (ver-) braucht Energie.

Debitisten mögen sich bitte meiner Erzählung an dieser Stelle wieder fernhalten. Denn die Herausforderung und Chance, eigentlich das Geschenk, von der Fülle der Energie verbrauchen zu dürfen, um das Gleichgewicht über dem Abgrund zu halten - das ist keine Ur-Schuld. So zu reden ist spiessig und krämerisch und grenzt in meinen Augen fast an eine Lästerung GOTTES.

Zu den vielen wunderbaren Eigenschaften der Lebenkomplexe (die hier nichteinmal in Ansätzen beschrieben werden können) zählt die Klugheit und das Vermögen, sich zu erneuern. Denn so wie man sicher sein kann, dass man eines Tages in den Abgrund fällt, so sicher ist auch, und zwar von Anfang und ganz prinzipiell, dass man vorher eine ungefähre Kopie von sich selbst herstellen darf (die Juden sagen: sogar muss!). Wenn ein alter Lebenkomplex fällt, dann ist ein neuer schon wieder da. So bleibt das Leben am Leben. Und weil das Herstellen einer Kopie nicht wirkich schwer ist in diesem Universum der Fülle, kann ein Lebenkomplex, bis er in den Abgrund fällt, Dutzende, in Einzelfällen sogar Millionen oder Milliarden Kopien von sich herstellen. Die Summe aller Lebenkomplexe ist mithin ein (winzig kleines) Ab- und Spiegelbild der Energiefülle dieses Universums.

Der Stamm der Azteken, von dem ich in meinem vorigen Beitrag geschrieben habe, war nichts anderes als solch ein Lebenkomplex. Ein Vulkanausbruch hatte seine Heimat zerstört, er musste auswandern, und er fand glücklicherweise neue Landbau- und Jagd-, sprich Energiegründe. Und er war fleißig. Und fruchtbar. Und er mehrte sich. Und er lebte im Überschuss - nicht in der Schuld sondern im Überschuss. Im Überschuss - liebe Debististen! Und da begann er mit der Jagd auf Menschen.*)

Wenn Menschen andere Menschen erjagen, ihnen das Herz rausreißen oder sie als Haustiere halten, dann beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte humanoider Lebenkomplexe. Dann liebe Debististenfreunde - und erst dann! - beginnt manchmal die Erfindung der Schuld.

Adam, wo bist Du? ("Du Dieb!", hat ER nicht gesagt ...)
Kain, wo ist Dein Bruder Abel? ("Du Mörder!", hat ER auch nicht gesagt ...)

Schuld entsteht dadurch, dass der aus dem Überschuss kommende Azteke sagt: Du armer, wehrloser Bauer, liefere mir, aus Deinem eigenen Überschuss, am ersten Januar ein Schwert plus so viel Nahrung, dass ich Dich bis zum 31. Dezember beherrschen kann. Und auch dadurch, dass der Bauer akzeptiert. Weil er Angst hat, in den Abgrund zu fallen.

Und nun frage ich mich natürlich: wer hat in dieser Situation wirklich SCHULD? Der, dem sie passiv auferlegt wird, oder derjenige, der sie aktiv einem Anderen auferlegt? Meines Erachtens hat der Azteke die Schuld. Denn ich bin kein Debitist.

Ich bitte als wichtigsten Gedanken in diesem Beitrag festzuhalten und zu bedenken: das Leben ist eine Überschussveranstaltung, wenn es nach den Regeln des Universums arbeitet. Es geht gar nicht anders.

Bereits die neolithischen Bauern haben mit 200 kg Weizenaussaat pro Hektar einen Ertrag von 1000 kg erzielt. In der heutigen professionellen Agrarindustrie sind es 7000 Kilogramm. Bitte mir nicht erzählen, wie viel 'Fremdenergie' in den 7 Tonnen stecken, denn ich weiß das alles. Und ich könnte hier die natürliche oder neolithische oder moderne Fleisch- und Wolle- und Milchproduktivität von Schafen und Hühnern und von allem anderen Vieh auflisten oder das Gewicht des Winterspecks von Bären oder das Gewicht der Eichelsammlung von Hörnchen, wenn sie sie wieder finden, oder das Gewicht des Dotters und Eiweißes im Verhältnis zum Keimplasma bei Vogel- und Repitilieneiern, die Zahl der Eier der Schildkröte mal ganz beiseite gelassen.

Denn das Leben speichert seine Überschüsse (wir Schwaben nennen das 'Sparen' ...) nicht nur für die Reduplikation, sondern auch um energie- und ressourcenlose Perioden und Räume abzudecken und um Risiken auszugleichen. Und um Freude am Spiel zu haben. Wie GOTT.

Nochmals: das Leben ist keine Schuld sondern, als Teil des Universums, der reine Überfluss. Zum besseren Ausblick, den das am Abgrund stehende Leben hat, gehört bisweilen auch Einsicht in die Struktur des Universums sowie die Fähigkeit, neben dessen Energie auch seine Regelhaftigkeit für sich nutzen zu können. Am Ende beherrscht niemand im ganzen Universum so perfekt die Akkumulation von Überschuss (sprich Energie fern des Gleichgewichts) wie das Leben. Manche Lebenkomplexe schaffen es sogar, über den Abgrund zu fliegen und, je nach Wunsch und Gelegenheit, auf zweifache Weise wieder zurückzukehren - doch das ist ein anderes Thema.

Nichts aber ist dem Universum und dem Leben ferner als Schuld. Die Schuld ist ein Begriff in der Kommunikation zwischen Menschen, ein Begriff, der keinen Anhalt an der Realität hat, allenfalls einer Vereinbarung zwischen Menschen entspringt, die mit Gewalt erzwungen wird. Deswegen lehne ich die SCHULD - und alles weitere Reden darüber ab.

Ich habe meine Position mit hinreichender Klarheit dargestellt. Ich werbe aber nicht für sie. Jeder sei in seinem Denken frei.

Ich könnte mir natürlich vorstellen, dass wenn der Azteke zu mir käme, und mir vorschlagen würde, dass er für mich die Organisation des Straßenbaus übernimmt oder die Gewichtskontrolle von Kakaobohnen oder die Verteidigung gegen die Spanier, dass ich ihm dafür dann einen Teil meines Überschusses gebe. Und da könnten wir dann gerne eine Vereinbarung treffen (Fristen eingeschlossen), die die 'Debitisten' meinetwegen als 'Schuld' betrachten dürfen. Für mich ist das dann aber keine Schuld sondern ein Vertrag unter Freien und auf Gegenseitigkeit.

Mit gehirnerweichten, aber herzlichen Grüßen, Weiner

*) Historisch gesehen entsteht die Jagd auf Menschen (auf diese selbst oder auf ihre Ressourcen) immer aus einem Überschuß heraus. Es kann ein Männerüberschuß sein (dann Raubzüge), oft aber auch ein Überschuß in der gesamten Population (dann Völkerwanderungen). Die Bewegung setzt ein, wenn (meist intuitiv) bemerkt wird, dass Ressourcen knapp werden. Und sie setzt ein, wenn ein Hang zu Jagd und Totschlag vorhanden ist (denn oftmals können schwindende Ressourcen auch auf andere Weise ersetzt werden). Damit der Jagende den Gejagten überwinden kann, muss er 'stärker', 'schlauer' oder 'ausdauernder' oder ... oder ... oder ... sein. Diese Überlegenheit entspricht letztlich einem Energieüberschuß sprich -vorteil des Jägers gegenüber dem Gejagten bzw. dem Opfer. Alfred J. Lotka, Vito Volterra u.a. haben versucht, das mathematisch zu fassen, aber es gibt noch keine vollständig ausgearbeitete Theorie hierzu. Ob ein winziges pandemisches Virus, einem immungeschwächten(!), großen Infizierten energetisch überlegen ist, das ist eine höchst interessante Frage. Energie hat eine Beziehung zu Information (- ist eines der großen Wunder und Geheimnisse dieses Universums ...).


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