Als das Geld noch an den Bäumen wuchs.

Weiner, Dienstag, 05.01.2021, 10:38 (vor 54 Tagen) @ Dan the Man2763 Views

Hallo Dan, ich mißbrauche jetzt Deinen Thread mit einem anderen Thema, und bitte dafür um Entschuldigung. Zu Deiner Frage aber: ich hab mal im TV mit den Augenwinkeln eine Doku gesehen, in der zwei Frauen mit Pilzzucht begonnen hatten (und ich glaube, sie verwendeten Kaffeesatz als Nährboden-Basis). Die rechtlichen und behördlichen Probleme sind immer die größten. Ich rate Dir aber unbedingt, diese Idee praktisch anzupacken (eventuell auch inhouse-gardening, Auqaponik, Fermentierungen etc.). Es dauert immer ein paar Jahre, bis man alles versteht und Routine hat (und danach kannst Du auch Kurse geben ...). Und ich darf Dir voraussagen, dass irgendwann die Behörden Dich komplett in Ruhe lassen und stattdessen bettelnd vor Deiner Tür stehen und fragen, ob sie was kaufen können. Denn die Zeiten werden mies. Später sogar ganz mies.

Nachdem ich Deine Frage las, habe in der Suchfunktion ein Wort eingegeben, und es kam die Meldung: keine Einträge gefunden. Also darf ich bitte mal ein wenig aus dem Handtäschchen der Weltgeschichte plaudern.

Nachdem die Spanier 1520 im Tal von Mexico ankamen und Montezuma, der zuviel Kakao getrunken hatte, überrumpeln konnten, schauten sie sich in seinem Reich um. Sie suchten nach Gold und Geld, aber es gab keines. Erst auf den zweiten Blick entdeckten sie, dass die Leute immer wieder kleine Samen abzählten und offenbar beim Tausch von Waren als Wertmesser nutzten. Nur die professionellen Händler, die eine eigene Kaste bildeten, verwendeten Goldkörnchen als eine Art Geld- doch diese Goldkörnchen waren so klein, dass man sie in Federkielen umhertrug - sie waren nur ein hübscher High-Ende-Ersatz für die Samen. Auch die Händler nämlich verwendeten bei Kleinkunden die Samen, weil diese sich eben allgemeiner Wertschätzung erfreuten.

Es dauerte nicht lange, bis die Spanier lernten, dass diese Samen in kleinen kürbisartigen Früchten (direkt, aus der Rinde heraus!) an den Stämmen und Ästen von Bäumen hingen. Man konnte ein erstes, bierartiges Getränk daraus machen, indem man die ganzen, süßen Früchte gären liess. Noch wohlschmeckender aber waren die aus den Früchten gepulten Samen, wenn man sie vorsichtig röstete, brach, schälte, mahlte und ins Wasser rührte, mit einer Prise Salz dabei. Also: die Samen, nennen wir sie halt Bohnen, hatten für die Völker der Azteken einen gewissen Wert und dienten gleichzeitig als Zahlungsmittel - es war ein Zahlungsmittel, das auf Bäumen wuchs, man musste es nur ernten. Hier die Relationen:

eine große Tomate = eine Bohne
ein großer Kürbis = vier Bohnen
ein Fisch = drei Bohnen
ein Hase = 100 Bohnen
ein Truthahn = 200 Bohnen
ein Sklave = 1000 Bohnen

Warum waren Sklaven so billig? Nun, man beschaffte sie sich routinemäßig auf Raubzügen. Bei landesweiten Festivitäten für die Götter, die oft eine ganze Woche dauerten, konnten schon mal tausend Gefangene geopfert werden (verbrannt oder lebendig begraben, kurz vorher ihnen aber mit einem Obsidianmesser das Herz herausgeschnitten). Die Spanier haben stirnrunzelnd die aufgeschichteten Schädel gezählt (kann sein, dass die spanischen Berichterstatter übertrieben haben ...).

Vorsichtig ausgedrückt war die Herrschaft der aztekischen Könige und des aztekischen Adels also recht straff. Das waren perfekt ausgebildete, ausgerüstete und organisierte Krieger (warum nicht gegen die Spanier ....?). Was sie konsumierten und schön fanden, liessen sie sich als Tribut liefern. Ihre Bauwerke wurden mit Sklaven und mit erzwungenem Arbeitsdienst errichtet. Bei der Verschönerung war man mit Gold überhaupt nicht sparsam. Die drei Städte im Tal von Mexiko waren zusammen größer und schöner als jede europäische Stadt dieser Zeit - Tenochtitlan lag in einem See, Venedig war dagegen ein Pfahldorf. Nur die chinesischen, indischen und muselmannischen Hauptstädte hatten damals mehr Einwohner. Für Details zur Architektur und zum Kunsthandwerk der Azteken bitte die Google-Bildersuche nutzen.

Zusätzlich zu den Sach- und Diensttributen liess der Aztekenkönig sich natürlich auch die wohlschmeckenden Bohnen liefern. Montezuma soll eine Milliarde davon besessen haben. Sie waren ihm aber am Ende nutzlos, denn wenn er sie in Umlauf gebracht hätte, wäre eine Inflation die Folge gewesen. Also liess er sie rösten, mahlen und mit Wasser anrühren. Und wenn er nicht gestorben wäre, dann würde er heute noch trinken.

Nachdem Cortes die Sache mit den Bohnen verstanden hatte, liess er natürlich sofort Plantagen anlegen, um Geld zu züchten. Und nachdem die Azteken besiegt waren, ließ er ihr Gold einsammeln, das sie nicht als Geld genutzt hatten - echt blöd diese Azteks!! Als Geld für die kleinen Leute wurden die Bohnen übrigens bis ins 19. Jahrhundert genutzt. Und vor den Azteken kannten die Maya schon diese Art Zahlungsmittel. Vor den Mayas die Tolteken, das waren die Größten - ist aber ein anderes Thema.

Das Wort das ich in der Suchfunktion eingab: Kakaogeld.

Ich habe diese Geschichte geschrieben, weil die Antwort, die Ashitaka mir gab, mich nicht zufriedengestellt hat. Meine Frage war: gibt es andere Geldsysteme außer dem Kreditgeldsystem? Trotzdem danke ich Ashitaka natürlich herzlich! Gewissermaßen ist diese Geschichte mein Dank.

Ich halte nicht so arg viel von 'Debitismus'. Für mich ist er eine Sammlung von Binsenweisheiten. Ich gebe aber gerne zu, dass viele Menschen, diese Binsenweisheiten heute nicht mehr kennen. Deswegen habe ich nichts dagegen, wenn 'Debitisten' ein wenig Aufklärung in Bezug auf Geld, Staat, Macht, Kredit etc. betreiben. Wenn der 'Debitismus' allerdings benutzt wird, um Verschuldungszwänge zu rechtfertigen oder gar als unausweichlich und deterministisch hinstellen, dann lehne ich das ganz entschieden ab. Weil auch hinter diesen scheinbaren Zwängen (ob Wachstum oder Verschuldung) eine Binsenweisheit steht: Mensch kann nicht über die Verhältnisse leben. Gerne spitze ich es weiter zu: es geht im Debitismus überhaupt nicht um Geld, Kredit und Zahlungsfristen - sondern ganz allein um Macht. Genauer gesagt um den Mißbrauch von Macht. *)

Mit sehr bestimmten, aber freundlichen Grüßen - Weiner

*) Wobei ich zugebe: Die Vorsilbe 'Miß-' hat in der Menschheitsgeschichte keine Gültigkeit. Die Weltgeschichte ist keine Moralanstalt. In ihr setzen sich immer die physisch oder intellektuell 'Stärkeren' durch. Bislang wenigstens. Könnte sich aber auch mal ändern ...


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