Ist ein (weitgehend) herrschaftsfreier Staat denkbar?

Weiner, Mittwoch, 13.01.2021, 19:56 (vor 11 Tagen) @ Talleyrand523 Views

Hallo Talleyrand!

1. Wenn es bei mir zeitlich klappt, werde ich einen Teil meines Zyklenmodells noch in diesem Jahr veröffentlichen. Darin werde ich auch darlegen, wie die Maxima und Minima (genauer die Umschlagspunkte) zu ermitteln sind. Im Augenblick kann ich das nicht weiter ausführen, weil dafür gewisse Definitionen nötig wären - eben in Abgrenzung von den Zugängen Realmacht (1942), Prestige (1941) oder Börse (1941). Alle drei sind nämlich nicht zutreffend. Außerdem hatten wir eigentlich einen Umschlagspunkt 'politisch treibender Weltanschauungen' im Auge, was auf einer sehr hohen Ebene der Abstraktion liegt.*) Und schließlich lassen sich die realen Ereignisse nicht auf einen einzigen Zyklus bügeln, sondern es handelt sich immer um Überlagerungszustände. Die Jahre bis 2024 (inklusive) werden gerade noch erträglich sein, danach wird es 'sehr happig'.

*) es ging um die linke, liberal-demokratische und globalistische Plutokratie gegen die rechte, nationale und konservativ-korporative Plutokratie. Bezogen auf die aktuelle Lage ausgeführt in etwa hier:

https://failedevolution.blogspot.com/2021/01/pro-trump-capitalists-fire-first.html

2. Wegen dem Schmitt'schen Parakleten bin ich nun beruhigt, vielen Dank für die Korrektur und Ergänzung! Ich mache generell nicht mit, wenn man Begriffe aus der religiösen Sphäre auf die Realgeschichte überträgt, denn dort haben sie nichts verloren. Ich räume aber den Alten (wie Schmitt) natürlich ein, dass sie sich in Bildern gegenseitig verständigen (meinetwegen auch aus der Apokalypse), die sie durch ihre Erziehung und Ausbildung verinnerlicht haben. Sachlich nehme ich zum 'Aufhalter' unten Stellung, zuerst noch ein paar Worte zu Jünger, der aus ähnlichem Bezug in die Diskussion kam.

3. Eigentlich habe ich mich nicht despektierlich über Jünger geäußert sondern über die Figur des 'Anarchen'. Wenn Du mich festnageln wolltest, würde ich auf die Pariser Jahre Jüngers verweisen (Besatzungsoffizier), wo er mit der Herausforderung konfrontiert war, einerseits Teil der Macht zu sein, andererseits persönlich nicht zu wollen, was die Macht will. Bei Gott, er war da nicht der Einzige, aber es gab Menschen, die haben sich gegen die Macht entschieden. Und die haben meinen größeren Respekt. Jünger hat nach meinem Wissen keinen akzeptablen Vorschlag gemacht, das Machtproblem zu lösen, möglicherweise hat er es überhaupt nicht verstanden. Der 'Anarch' bzw. 'Waldgänger' ist für mich einer, der ausweicht. In speziellen Situationen kann das vernüftig sein, menschliche Gemeinschaften kann man mit diesem Typ nicht gründen.

4. Damit zurück zur Grundfrage: lassen sich stabile und (trotzdem) entwicklungsfähige (d.h. offene) Menschengemeinschaften mit Tausenden oder gar Millionen Individuen gründen und lebendig halten, die nicht auf Herrschaft (allein) basieren? Diese Frage, auch wenn sie hypothetisch erscheint, darf gestellt werden - sie muss sogar gestellt werden.

Warum ist die Frage (scheinbar) hypothetisch? Weil rein empirisch fast alle Staaten der Weltgeschichte seit 5000 Jahre auf Herrschaft basierten. Warum ist die Frage jedoch nur scheinbar hypothetisch? Weil nach einer gewissen Phase der Konditionierung und des Lernens (stimuliert durch eine Herrschaft) auch größere, z.T. sogar sehr große Sozialverbände selbst dann 'funktionieren', wenn nicht 7/24 an jeder Straßenecke ein Panzer und in jedem Hausflur ein Polizist mit Maschinengewehr steht. Im Großraum Tokio leben vielleicht 30 Millionen Menschen, und die fühlen sich bestimmt nicht wie im Gefängnis. Vielmehr beruht die interne Stabilität einer solch großen Ansammlung (nicht die äußere, von Energie abhängige ...) auf einem sozialen Konsens und auf verinnerlichten Verhaltensweisen.

Die Frage, die mich beschäftigt: kann ein solcher Konsens auch ohne äußeren Zwang (durch den Samurai, den Frankenkönig, den Azteken, den Inka, den Pharao, den assyrischen Großkönig, den Imperator, durch das debitistische Schwert) hergestellt werden? Ich beantworte mir diese Frage mit JA, und ich handle entsprechend. Wer diese Haltung durchdenken und in allen Optionen durchspielen möchte, der wird darauf kommen, dass es bei mir für Anarchen, Monarchen und Katechonen zunächst keinen Platz gibt. Großzügigerweise kann man sie natürlich reinlassen, wenn sie das Gesamtgefüge nicht wesentlich stören. Und (ebenfalls in gewissem Umfang) Leute mit IQ unter 100 (ich beziehe mich auf den netten Beitrag von @Sylvia), solange sie nicht kriminell sind. Denn für das Erlernen und für die fortlaufende Ausübung gut sozialer Verhaltensweisen (Modell Tokio oder Singapur) reicht ein Score von 80-90.

Vielleicht wiederhole ich mich: soziale (Menschen-) Gemeinschaften haben nur drei Feinde, nämlich (menschliche) Parasiten, Räuber und Diebe. Wenn man diese drei Herausforderungen lösen kann, dann sind weitgehend herrschaftsfreie Gemeinschaften konstituierbar.

Denkt sich, freundlich grüßend, Weiner


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