Da hast du recht

Ashitaka, Sonntag, 26.07.2020, 23:42 (vor 13 Tagen) @ Jacques1101 Views
bearbeitet von Ashitaka, Sonntag, 26.07.2020, 23:52

Hallo Jacques,

nur noch ein paar Worte, weil du genau den Kern triffst (die Verführung).

Die zerstörerische Kraft von Texten ist bekannt - und manchmal übersteigt die Lust solches mit Wortgewalt tun zu können, den gesunden Menschenverstand sprich radiert den gegenseitigen Respekt mit einem Federstrich aus.

Da finde ich mich leider auch wieder. Worte (gesprochen, geschrieben und vor allem unterlassen) sind, wenn man alles, was von der Eskalation abhängt mit einbezieht, in ihrer Zerstörungskraft ohne Ausnahme durchschlagskräftiger als jede Kugel. Und der/die gegenüber merkt zunächst nicht einmal was vom Einschuss und findet sich kurze Zeit später in einer Position wieder, in der er sich gar nicht sehen will. Die multiplikativen, zeitlich exponentiellen Effekte eines einzigen Wortes können Berge aufschieben/versetzen/zerstören.

Nehme nur einmal die sich durch das Forum ziehenden Auseinandersetzung, die ich mit anderen Foristen hier über die Jahre, oft mit Erkenntnisgewinn, aber auch mit Verlust geführt habe oder leider aktuell aus was für verführerischen Gründen auch immer führe (Sorry Oblomow). An einem Stehtisch stehend würden wir uns, da bin ich mir meiner Neugierde wegen sicher, bestens verstehen, würden wir versuchen die innersten Beweggründe des Gegenübers aus hunderttausendfachen kleinsten Wahrnehmungen im Verlauf des Abends abzuleiten und gar nicht auf die Idee kommen, uns ein hinterhältiges Bewusstsein des Gegenübers aus einer bloßnen Hand voll Bildern zu simulieren und ihm ans Bein zu pinkeln. Da spreche ich hoffentlich vielen aus der Seele. Ich will gar nicht wissen, wieviele sich durch meine Worte oder weil ich mich aufgrund meines gewöhnungsbedürftigen Zeitmanagements einfach nicht zurückmelde schon so gefühlt haben. Wieviele Emails ich im Laufe der Jahre nicht beantwortet habe und mich manchmal erschrecke, wenn ich das Postfach Wochen später öffne. Passiert mir beruflich keine 60 Minuten :-(

Was wissen wir schon vom Gegenüber? Welchen Zeitdruck er/sie hat, welche Gedankengänge er/sie noch nicht in Worte fassen konnte, was er erfahren hat, woher oder von wem er es erfahren hat, wie leid ihm/ihr in Wahrheit manche Äußerungen tun und wie sehr man doch am Ende des Tages eigentlich den Rückhalt desjenigen/derjenigen fordert, mit dem/der man Tagsüber die Eskalation suchte. Was wissen wir von denjenigen, die draußen warten, die sich einen Hausmeister simulieren und ehrlicherweise auch über den Hausmeister, der benso dazu gezwungen ist sich das Gegenüber aus winzigen Bruchstücken zu simulieren. Was wissen wir über die Erfahrungen, die das Gegenüber gemacht hat, über die Bilder die ihm/ihr im Kopf schweben, die Orte und Ereignisse die ihre Eindrücke auf das Gegenüber hinterliessen, die Menschen mit denen das Gegenüber zu tun hat, die Ängste und Hoffnungen, die den Inhalt seiner/ihrer Texte tragen, die Handlungen begründen und aus der eigenen Wahrnehmung heraus nur darauf warten als Angriff verstanden werden zu wollen?

Die Simulation des Gegenübers, sie läuft unbewusst. Was dabei eben zum größten Teil mit einfliesst ist mangels Eindrücke (es bräuchte millionen Eindrücke, statt ein paar tausend sich oft in der Schleife bewegenden Beiträge) die Schattenseite unserer eigenen Seele. Sich mit der Schattenwelt zu beschäftigen, ist eine sehr unbequeme Sache. Sich zuzugeben, dass wir in allen Auseinandersetzungen meistens gegen uns selbst antreten (vor allem über Foren im ach so tollen Internet), fällt schwer.

Wo die Waage in diesem Fall ausschlägt, ist mir völlig Wurscht.
Einfach die Feststellung - falscher Weg.

Ja, falscher Weg. Wir müssen die Worte neu ordenen, uns ihrer Zerstörungs- und Heilungsskraft bewusst werden. Als Ziel die Vergebung. das ist leichter gesagt, als getan. Vielleicht muss man sich nur mal mehr unter Druck setzen, sich bewusst werden, dass die Zeit abläuft und man im Zweifel ewig in zerstörerischen Kreisläufen gefangen bleibt, in die man gar nicht rein geraten wollte.

Herzlichst,

Ashitaka

--
Der Ursprung aller Macht ist das Wort. Das gesprochene Wort als
Quell jeglicher Ordnung. Wer das Wort neu ordnet, der versteht wie
die Welt im Innersten funktioniert.


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