Die Gesamtbetrachtung ist maßgeblich, nicht ein einzelner Faktor

Miesepeter, Samstag, 23.01.2021, 20:01 (vor 111 Tagen) @ BerndBorchert1201 Views
bearbeitet von Miesepeter, Samstag, 23.01.2021, 20:12

Mit Verlaub, ich bin seit 10 Jahren in diesem Forum und interessiere mich intensiv für das Geldsystem.

Nicht persönlich gemeint. Dennoch sind die Zwänge und Zusammenhänge der Geldpolitik im alten DGF breit dargestellt, also verweise ich darauf, und lasse es damit bewenden. Alles weitere ist dort bei Interesse nachzulesen.

Ich lese und schreibe in diesem Forum, und nicht im Goldseitenforum oder Freiwirtschafts/finanzcrashforum, weil ich vom Schuldgeld überzeugt bin, in dem Sinne, dass ich es für stabil halte, siehe das engl. Pfund seit 300 Jahren. Allerdings ist es das nur, wenn die Regeln eingehalten werden, d.h. Offenmarktgeschäfte weitestgehend vermieden werden. Darum geht es ja hier.

Schuldgeld ist aber nur stabil, solange Schulden auch bedient werden können. Und das setzt in der Praxis (wenn auch nicht in Theorie) immer weiter wachsende Schulden voraus. Nachschuldner. Ansonsten bricht das gesamte Schuldengerüst in einer kaskadierenden Insolvenzwelle zusammen (DeDe). Und wenn sich private Nachschuldner nicht mehr einstellen, dann bleibt nur noch der Staat als möglicher Nachschuldner. Die Bank of England und die FED, also die Angelsachsen, sind da auch wesentlich weniger dogmatisch als die Deutschen (traumatisert aufgrund von 2 Hyperinflationen, nach 2 verlorenen Kriegen). Dort wird getan was getan werden muss, um das System aufrecht zu erhalten, und das im Fall der BoE seit 300 Jahren, ohne Hyperinflation. BoE und FED kaufen heute ebenfalls Staatsanleihen im grossen Stil.

That's all there is to it.


Deine Argumentation würde ja auch noch gelten, wenn nicht nur 60%, sondern 100%, also alle eigenen Staatsanleihen von der ZB aufgekauft sind. Oder?


Genau so wurde bisher noch jedes Geldsystem gestartet. Ein Herrscher gibt 100% der Geldes heraus, so wurde auch die D-Mark gestartet. Währungsreform 1948, 100% der ZB-Assets waren Staatsschulden.


Sorry, es geht nicht darum, wieviel Prozent der ZB-Assets Staatsschulden sind, sondern darum, wieviel Prozent der Staatsschulden ZB-Assets sind.

Ok, das habe ich andersherum gelesen, in diesem Thread ging es ja um die Assetseite der Zentralbankbilanz und mögliche Abschriften darauf.

Wenn stattdessen 100% der Staatsschulden in der ZB monetarisiert sind, dann ist das sicherlich ein inflationärer Faktor. Die Stärke der Auswirkungen wäre dann vermutlich abhängig von der Höhe des Staatsanteils an den Gesamtschulden der Wirtschaft (sind es 10%, ist der Effekt gering, sind es 90%, entsprechend hoch) sowie von der Stärke eventuell vorhandener deflationärer Gegentendenzen.


Spätestens dann sollte aber eine Währungs-Katastrophe eingesetzt haben, oder? wahrscheinlich in Form einer enormen Inflation, oder?


Nein. Es kommt nicht so sehr darauf an, welche Form der Aktiva den Pasiva der ZB entgegenstehen, sondern vielmehr darauf, dass bzw wie knapp real umlaufendes Geld ist, und zwar im Verhältnis zu den anstehenden Zahlungsterminen aller Schulden und Verbindlichkeiten einer Wirtschaft. Nochmal anders gesagt: ob ZB-Geld nun emittiert wird, indem irgendetwas (hier Staatsanleihen) angekauft wird, oder durch Pensionsgeschäfte, ist zweitrangig (ersteres wirft sicher mehr Fragen nach Möglichkeiten der Sterilisierung/Gegensteuerung im Falle einer Inflation auf, das ist aber eine nachgeordnete Frage)


Richtig ist aber sicherlich, dass im Gesamtbild des Geldsystems "Regulierungsgeld" nicht eine bestimmte Relation zu "Schuldgeld" überschreiten darf, da dann der Leistungszwang in einer Wirtschaft entfällt und somit das Angebot nicht mehr zustandekommt. Dann wird natürlich auch das Geld wertlos sein, da es nichts mehr kaufen kann.


Das widerspricht aber eklatant Deinem "Nein." oben.

Nein.
Aussage oben: Eine Währungskatastrophe muss nicht zwangskäufig einsetzen, wenn sich 100% der ZB-Assets aus angekauften Staatsschulden zusammensetzen
Aussage unten: Das Regulierungsgeld sollte nicht 100% aller Zahlungsmittel in der Wirtschaft darstellen. Dieses umfasst aber ZBG und GBG.

Auch hier wieder gilt: wenn ZBG nur 10% aller wirtschaftlichen Operationen abdeckt, GBG aber 90%, dann sind die Auswirkungen jeglicher Neudefinitionen von ZBG auf die Gesamtwirtschaft gering. Sind es 90%, sind sie entsprechend hoch.

Ja was denn jetzt? Bist Du jetzt doch der Meinung, dass die EZB es mit den Ankäufen übertreibt, in dem Sinne, dass sie einen Wertverfall des Euros riskiert?

Meine Meinung ist irrelevant, ich versuche Zusammenhänge zu verstehen, die kognitiv die beobachtbare Realität verständlich machen und mir daraufhin eine bessere Antizipation der Zukunft erlauben.

Die auf das Verständnis folgende Antizipation, also die Meinung, krankt leider an meiner eingeschränkten Kapazität, die vielen Einflussfaktoren gleichzeitig zu erfassen und immer angemessen zu bewerten.

Nach diesem Disclaimer: Ich bin der Meinung, dass die EZB richtig handelt, wenn sie sich kurzfristig an den tatsächlichen Inflationszahlen orientiert und nicht an hehren Theorien. Richtig auch, dass es in Zeiten von Wirtschaftseinbrüchen wichtiger ist, eine Deflation zu vermeiden als die Risiken einer möglichen späteren Inflation überzubewerten. Man muss erst einmal die Deflation überleben, bevor man sich mit eventuellen inflationären Folgen auseinandersetzen sollte.

Darüberhinaus bin ich der Meinung, dass Europa wirtschaftlich gegenüber China und womöglich auch den USA soweit ins Hintertreffen geraten ist, dass der Versuch einer staatlich geförderten Neuorientierung mit Aufbau neuer Kapazitäten in Europa unausweichlich ist. Das notwendige Kapital wird zum Teil über weitere Staatsanleihen zusammenkommen (vielleicht auch analog der Ausgleichsforderung 1948 per Green Europe perpetual bond, vielleicht wie Mefo - New Europe Bank Holding), teilweise wird die Privatwirtschaft zur Investition gezwungen werden. Daß sich dann im Verlauf dessen irgendwann grössere inflationäre Tendenzen ausbilden werden, halte ich für äusserst wahrscheinlich.

Die einzigen Alternativen, die ich sehe: DeDe mit Ende Währungsreform oder Staatssozialismus, oder Vermögenssteuer einmalig von 50% zwecks Entschuldung, halte ich für nicht realisierbar. Es wird aufgeschuldet bis zum jüngsten Tag.

Gruss,
mp


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