Ohne weitere Aufschuldung: Alle. Es braucht aber eine neue Narrative, um die alten Fesseln zu sprengen

Miesepeter, Samstag, 21.11.2020, 21:40 (vor 9 Tagen) @ Odysseus1129 Views
bearbeitet von Miesepeter, Samstag, 21.11.2020, 21:44

Der Schuldenturm ist hoch und wankt einmal wieder bedenklich. Bisher unvorstellbare Summen müssen auf Staatskonten gebucht werden, brachliegendes Verschuldungspotential muss aktiviert werden - notfalls auch unter Zwang - denn die Wirtschaft muss neugestartet werden: so oder so. Es sei denn, man wagte es, eine deflationäre Deflation zuzulassen : das würden nur politische Selbstmörder machen.

Einzig die Frage, wohin diese Mittel fliessen werden, steht zur Debatte. Bzw stand, denn zumindest für Europa scheint die Antwort festzustehen.


Wieviel Dutzendmal gab es diesen alten Wein in neuen Schläuchen?

Nach jeder Hochphase des Liberalismus kommt eine Hochphase des Sozialismus, der Staatswirtschaft. Ebenso sicher wie nach jeder Hochphase der Staatswirtschaft eine Hochphase des Liberalismus kommt.

Jede 30something Generation bastelt mindestens eine Version.

Ja, und das ist heute nicht anders. Der Neoliberalismus geht von der Bühne, und der Ökosozialismus erscheint, vermutlich in Form eines Ökofaschismus (d.h. als staatlich gelenkter Kapitalismus mit konfiskatorischer Besteuerung).

Weiterhin sind schon massenhaft ideale Verhaltensregeln eingestreut, ohne die es dann keine Zertifizierungen gibt. Sätze wie: "So wie Harvard gezeigt hat, dass Nachhaltigkeit gut für Unternehmen ist, ist es auch für uns als Menschen gut, zu positiven Veränderungen beizutragen, was unsere geistige und körperliche Gesundheit sowie unsere berufliche Leistung betrifft" sind die Leimruten, die leider viele nicht als solche erkennen.

Klar, aber viele erkennen sie, und stellen fest, das Neue ist nicht das Vorhandensein von Leimruten und Propaganda. Jetzt ist eben nicht mehr grenzenlose Freiheit für das Individuum und das Kapital im Zentrum der Narrative, sondern Nachhaltigkeit und Diversity.

Das Schlimme: Sie meinen das Ernst, ihre kaum zu bändigende Begeisterung ist nicht gespielt.

Jede Richtung hat ihre Priester und ihre Gläubigen. Da unterscheidet sich nichts von bisherigen Weltanschauungen.

Guter Einblick in den interlektuellen Feind von Freiheit und Selbstbestimmung, sofern ein möglichst großer Teil der Menschheit in diesen Genuss kommen soll.

Freiheit und Selbstbestimmung, so wie in den letzten 40 Jahren verstanden, wird es eine ganze Weile nicht mehr geben, und nur wenige werden sie (zunächst) vermissen, denn nur wenige haben sie tatsächlich gehabt (und von diesen wird ein guter Teil sie auch weiterhin behalten).

Folgende Zeilen fand ich zu einem Buch von Götz Aly und Susanne Heim (Vordenker der Vernichtung):

Die beiden Autoren versuchen in ihrem Buch, das seit seinem Erscheinen heftig diskutiert wird, die höchst widersprüchliche Politik des nationalsozialistischen Staates aufzuzeigen: Einerseits habe er eine in Deutschland bis dahin nicht bekannte Modernisierung und Dynamik entwickelt, andererseits eine bis heute unbekannte Systematik der Ausrottung und Zerstörung. Götz Aly und Susanne Heim arbeiten heraus, wie eine junge Wissenschaftlerelite ehrgeizig und äußerst effizient ihr Ziel verfolgt: zunächst Deutschland, dann aber auch dem gesamten europäischen Kontinent neue soziale, vor allem aber ökonomische Strukturen aufzuzwingen. Für diese »Expertokratie« war im moralischen wie im politischen Sinne alles machbar. Sie verfügte über ein Maß an Macht und Einfluß, wie es vergleichbaren Beraterstäben sonst nicht zugestanden wird. Ihre Pläne verbanden sich mit der aggressiven und inhumanen Ideologie des Nationalsozialismus zu dem alles beherrschenden Zweck, eine nach ihrem Verständnis »besser organisierte« Zukunft zu gestalten.

Auch der Nationalsozialismus beendete bekanntlich eine vorhergehende Hochzeit des Liberalismus, auch der Nationalsozialismus war eine frische Weltanschauung einer jungen Generation.

Man kann aber zwischen Mittel und Zweck unterscheiden. Mit den gleichen Mitteln können auch humanere Zwecke verfolgt werden.
Die Parallelen sind unübersehbar, aber ebenso deutlich sind die Unterschiede in der Ausrichtung und dem Inhalt.

Die Alten, die an ihrem Glauben festhalten möchten, werden die Entwicklung nicht aufhalten. Der Versuch wurde gemacht, er ist gescheitert, in den USA, in Europa. Denn die Eliten wie auch die "Eliten" sind nicht aufgesprungen. Die jungen "Eliten" sehen die Verwirklichung ihre Möglichkeiten nicht in der Beibehaltung des liberalen Status Quo, sondern in einer radikalen Nachhaltigskeitsumformung. Die Politik, die Medien, die Oligarchen und Philantropen, die Dienste, die Konzerne, die digitalen Monster, die Lehrer und Professoren, die Künstler, die Multiplikatoren sind in ganz überwiegender Mehrheit auf diesen Zug aufgesprungen und haben sich klar gegen das Modell des liberalen Nationalstaates positioniert: das halten ein paar Gestrige nicht mehr auf. Man sollte die Augen vor der Realität nicht verschliessen.

Eine entscheidende Herausforderung der neuen Normalität wird es sein, die von der Globalisation benachteiligten Unterschichten des Westens mit in die Erzählung einzubinden, um sie für populistische Verführungen durch den alten Liberalismus ausreichend unanfällig zu machen. Das dürfte man aus den letzten 4 Jahren gelernt haben, hier ist das momentan grösste Restrisiko der Neuausrichtung verortet. Neue Posten dürfen nicht nur für Nachhaltigkeitsinspekteure, Diversitätsmanager und Flüchtlingsbetreuer geschaffen werden. Nur wenn das nicht gelingt, könnte es eine Restauration des Gestrigen geben.

Gruss,
mp


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