Zur Verteidigung Deines Freundeskreises

Miesepeter, Donnerstag, 12.01.2023, 14:15 (vor 20 Tagen) @ Manuel H.7358 Views
bearbeitet von Miesepeter, Donnerstag, 12.01.2023, 14:58

Ich amüsiere mich jedesmal fürstlich über deinen ideal- und prototypischen (und hoffentlich imaginären) Freundeskreis, daher hier einige Worte zu seiner Verteidigung:

Ein solch dumpfer, gehirngewaschener, kenntnisloser Freundeskreis - jeder kennt sicherlich einige Personen dieses Formats aus dem eigenen Umfeld - ist in seiner Meinung völlig irrelevant, ihm seien daher auch alle Meinungen erlaubt - immerhin zeigt es eine gewisse Loyaltät seinen Meinungsbildnern gegenüber. Die Mehrheit der Menschen wird über die Massenmedien zuverlässig gesteuert und hat weder die intellektuellen Voraussetzungen, noch die Zeit und Energie, die erhaltenen Informationen/Instruktionen zu verifizieren oder gar sich eine eigene Meinung zu bilden.

Der Einwurf, es handle sich aber doch um Akademiker und somit die Führungsschicht einer Gesellschaft, greift dabei nicht. Die Studienanfängerquote in Deutschland liegt inzwischen bei ca 55%, d.h. bei einem Durchschnitts-IQ von 100 liegt ein Teil der Studierenden sogar noch im zweistelligen Bereich.

Um komplexe Sachverhalte einigermassen erfassen zu können, setze ich einen IQ von mindestens 120 als Untergrenze voraus, das liegt im 91-sten IQ-Perzentil. Gerundet haben realistisch also maximal 10% der Bevölkerung die Anlagen, sich tatsächlich in komplexe Sachverhalte einzuarbeiten. Das wären dann ein Akademiker von 5,5 nach aktuellen Studienzahlen (für ältere Jahrgänge liegt die Quote bei 1:3).

Nicht alle, die theoretisch das Rüstzeug hätten, haben auch die Neigung, die Zeit oder das Interesse.
Wieviele derjenigen machen sich die Mühe, bei einem x-beliebigen Thema? 20%? 35%? 50%?

Kurzum:
90% der Bevölkerung erreicht man ausschliesslich über Narrativen und Propaganda.
10% kann man theoretisch über die Ratio erreichen, realiter jedoch nur einen Bruchteil hiervon.

Entscheidend sind dabei ohnehin nur diejenigen, die entweder direkt Einfluss auf Entscheidungen nehmen können, oder diejenigen, die als Narrativen-Multiplikatoren auf die inkompetenten 95%-98% einwirken könnten. Das sind dann insbesondere die professionellen Strukturen von Politik, Medien und Bildung.

In einer Debatte mit jenen, mag es daher durchaus Sinn machen, einzelne Problemstellungen zu debattieren. Als Beispiel:

B) Die gewählte Regierung der Ukraine darf jederzeit entscheiden, welchen Bündnissen es sich anschließt.

Ein absolut valides Argument. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass es für einen kleinen Nachbarn auch klug ist, sich einem Bündniss anzuschliessen, welches gegen seinen grossen Nachbarn ausgerichtet ist. Aber wie sie ihre Interessen am besten vertritt, muss die Regierung des kleinen Landes letztendlich selbst entscheiden.

Das Bündnis aber hat ebenfalls die Pflicht, in seinem eigenen Interesse und dem Interesse seiner Bündnisspartner zu entscheiden.

Es darf stark davon ausgegangen werden, dass zb. Syrien, Libyen, Irak, Iran, Nordkorea oder Cuba sehr gerne ein Verteidigungsbündnis mit Russland und China eingehen würden. Unabhängig von der Frage, wie ein solches Bestreben wohl von den USA bewertet würde, gibt es ein solches Bündniss nicht und es ist eher fraglich, ob Russland oder China sich von Cuba oder dem Irak in eine kriegerische Auseinandersetzung mit zb den USA verwickeln lassen würden.

Das gleiche Problem stellt sich identisch auch für Europa. Natürlich möchte die UKraine gerne eine Zusage Europas haben, sie bedingungslos gegen den übermächtigen Nachbarn zu verteidigen. Das ist aber nicht unser Problem. Unser Problem ist, was liegt in unserem Interesse? Sind wir bereit, in der Ukraine - einem korrupten Staat im russischen Einflussbereich mit einem jahrhundertealten Konflikt zwischen den westlichen Galiziern und den östlichen russisch-asiatischen Bevölkerungsgruppen - einseitig die Interessen der Erstgenannten gegen ihre inneren Opponenten wie auch gegen den übermächtigen Nachbarn zu verteidigen, und mit welchen Mitteln? Waffenlieferungen? Subventionen? Verzicht auf 50% des eigenen Rohstoffbedarfs? Mit eigenen Armeen? Bis zu welchem Grad, welchem Risiko, welchen Kosten, welchen Opfern? Soll das ganz automatisch bedingungslos erfolgen (Bündnissfall)? Was sind die Kosten/Lasten, was sind die angestrebten Gewinne/Vorteile, wie stehen diese im Verhältnis?

Das sind Fragen, welche die Europäer abwägen müssen - und dies sicherlich auch tun, auch wenn die Schlüsse, zu denen sie kommen, hier im DGF wenig Begeisterung auslösen.

Solche Dinge jedoch sinnvoll zu debattieren, setzt Sachkenntnis und Verständnisfähigkeit voraus. Diese kann ein Freundeskreis bis auf wenige Ausnahmen nicht haben. Solche Fragen also überhaupt anzusprechen, macht soviel Sinn, wie mit dem Bäcker um die Ecke den Debitismus zu diskutieren. Auf diese Idee käme auch niemand.

Trinke ein Bier mit deinen Freunden und unterhalte dich über den nächsten Urlaub, wenn es zu den Tagesthemen kommt, entschuldige dich, es ist schon spät und morgen ist ein harter Arbeitstag.......nimm es ihnen nicht übel, denn sie können nicht anders.

Gruss,
mp


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