Wer versteht denn schon das Eigene zu hundert Prozent?
Hallo,
Natürlich hat man eine andere Kultur nicht verstanden, wenn man
sie nicht hundertprozentig durchdrungen hat und innerlich nachempfindet.
Ich wette, Du hast auch Deine eigene Kultur nicht verstanden, weil dieses hundertprozentige Verständnis niemals erreichbar ist.
Niemandem ist es bisher gelungen, sagen wir Beethovens Hammerklaviersonate zu einhundertprozent zu durchdringen, was Dir jeder Pianist gerne bestätigen wird.
Für Goethes Faust gilt das Gleiche, und beide Werke stehen pars pro toto für die gesamte deutsche Kultur.
Wer als Deutscher den Anspruch erhebt, die eigene Kultur vollständig und rückstandslos erfaßt zu haben, ist entweder größenwahnsinnig oder hat herzlich wenig Ahnung.
Solange noch ein Rest bleibt, den man nicht verstanden hat, bleibt einem
die Kultur insgesamt ein Rätsel.
Du bist nicht willens oder imstande, zu erkennen, daß es auch Teilerfolge geben kann, und selbst ein genial begabter Interpret immer nur Teilergebnisse erreicht.
Das Unauslotbare, immer neue Facetten und Schichten offenbarende der Kultur Europas macht gerade ihren Reiz aus und den Unterschied zur angloamerikanischen und Spengler'schen Plattheit.
Wir kennen eigentlich nicht fremde
Kulturen, sondern allein unser Bild fremder Kulturen, das aber nur eine
Abart unserer selbst ist.
Na und? Dieses Bild hat trotzdem Ähnlichkeiten mit der fremden Kultur, worauf es jetzt ankommt.
Du solltest Dir bei Gelegenheit zugänglich machen, mit welchem Enthusiamus Koreaner, Japaner und Chinesen, Bach, Beethoven und Chopin spielen.
Zu sagen, sie hätten Deutsches überhaupt nicht verstanden, ist eine Unverschämtheit. Mag sein, daß Europäer das eine oder andere etwas besser herausbringen, aber die Unterschiede sind manchmal minimal.
Ich empfehle Dir Lang-Lang, Juja Wang (phänomenal in Chopins g-Moll Ballade und Liszts Schubert-Bearbeitungen), Ray Chen (Bach, Gavotte en Rondeau) und den Dirigenten Seji Ozawa.
Für diese Oberflächlichkeit gibt es kein glänzenderes Beispiel und
keinen besseren Beleg als Deinen Hinweis auf Fremdsprachenkenntnisse, die
das Verstehen erleichtern sollen.
Geschenkt!
Das ist nicht viel besser als die
Aussagen multikulturell fehlgeleiteter Weiber, die bezüglich anderer
Kulturen regelmäßig mit typischer Oberflächlichkeit auf deren
kulinarische Vorzüge verweisen, als hätte man damit bereits Wesentliches
erfaßt. Viel zutreffender ist, daß ihnen außerhalb von Speis und Trank
selbst das Verständnis der eigenen Kultur fehlt.
Diese Überheblichkeit bei jemandem zu sehen, der nicht einmal das Eigene verstanden hat, legt man seine hohen Maßstäbe an, läßt mich völlig kalt.
Tempranillo
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*Die Demokratie bildet die spanische Wand, hinter der sie ihre Ausbeutungsmethode verbergen, und in ihr finden sie das beste Verteidigungsmittel gegen eine etwaige Empörung des Volkes*, (Francis Delaisi).