Anleihen am Markt platzieren vs. vom Markt kaufen / vom Emitenten kaufen

Morpheus, Freitag, 15.04.2022, 03:23 (vor 1396 Tagen) @ nereus3937 Views

Hallo nereus,

danke für diese offensichtlich sinnvolle Frage. So kann ich sie für alle Interessierten beantworten.

Grundsätzlich bin ich mit Deinen Ausführungen einverstanden.
Der Text ist unbedingt eine Leseempfehlung. [[top]]

Ich erlaube mir dennoch einmal ein paar Auszüge aus Deinem Text zu kommentieren.

Du schreibst: Mit dieser folgenschweren Entscheidung von Bretton Woods bekam die US-Elite die von ihnen eigentlich angestrebte Möglichkeit, überall auf der Welt mit ihrer eigenen Währung Waren und Dienstleistungen einzukaufen.

Nicht nur das.
Wer das Welt-Geld kontrolliert, kontrolliert die Welt.

Ja, aber immer nur vorübergehend, denn alle Imperien müssen wegen des Geldes untergehen. Es folgt immer der Untergang und es liegt stets am Geld, wenn nicht ein Krieg dem monetären Untergang zuvorkommt.

Der WHWC (Welt-Herrschafts-Wahn-Clan) [[freude]] war zu Beginn des 20. Jahrhunderts von London nach New York gezogen und mit dem US-Dollar als Leitwährung erschuf man dafür als Herrschaftsinstrument das ultimative Werkzeug.

Ja, man probiert es immer wieder, weil die Theorie des Geldes bis heute offensichtlich unverstanden ist. Aber es kann schon einige nette Jahrzehnte halten.


Ich gehe übrigens davon aus, daß die Theoretiker dieser Idee wußten, daß irgendwann die Goldbindung beendet wird/beendet werden muß.

Das sehe ich als völlig belanglos an. Papiergeld gibt es, seitdem Banken Banknoten ausstellen und gemerkt haben, dass sie mehr Banknoten ausstellen konnten, als sie Einlagen hatten. Das lässt sich "technisch" nicht unterbinden und wird heute gesetzlich reguliert. Aber solange es diese Regularien nicht gab, geschätzt bis zum nach dem großen Bankencrash 1929/30, konnten die Banken das einfach tun, ohne dass es eine Handhabe gab.

Ob damals schon die Öl-koppeln-an Dollar-Idee geboren war oder die „Besicherung“ nur über die militärische und wirtschaftliche Stärke erdacht wurde, sei dahingestellt.

Die Koppelung an Rohstoffe, auch an Öl ist völlig unnötig, solange der Umlauf durch Steuerforderungen und Kreditschulden gedeckt ist. Denn Geld braucht eine stetige Nachfrage und diese existiert, wenn Steuern abzuliefern und Kredite zu bedienen sind. Dafür ist Arbeit zu leisten und diese Arbeitsleistung verschafft dem Kreditgeld seinen Wert. Nicht anderes. Gold hat NUR für die Fälschungssicherheit gesorgt. Der Wert kommt NUR von der Arbeitsleistung, die auch in Waren/Rohstoffen gespeichert sein kann.

Dazu müßte man alte Quellen durchforsten, ob sich dazu Hinweise finden lassen.

Nur erreichte das US-Außenhandelsdefizit weiterhin jedes Jahr neue Extreme und nur die Staatsverschuldung der USA hat von Januar 2020 bis Januar 2022, in zwei Jahren, um 6,4 Billionen also 6.400 Milliarden Dollar zugenommen. Viele dieser Schulden wurden nicht wie früher als Anleihen bestehender Dollar platziert, sondern direkt von der FED aufgekauft, die so direkt Dollar in Umlauf brachte.
..
Seit 2009 schaffen die westlichen Notenbanken so erstmalig Geld, dem keine Schuldner gegenüberstehen. Bis 2008 war jeder Dollar oder Euro, der sich im Geld-Umlauf befand, durch einen Kreditschuldner in Umlauf gelangt. Die Kreditschuldner, hatte das Geld (Banknoten) bekommen, mit der Auflage es zurückzahlen zu müssen. Dafür musste er arbeiten und Leistungen am Markt anbieten.

Hier muß ich mal reingrätschen, wenn Du gestattest. [[zwinker]]

Wie kommst Du darauf, daß die US-Schulden der 2020er Jahre nicht auf Anleihen basieren?

Wo habe ich das behauptet.

Daß tun sie sehr wohl, nur gibt es diesmal einen anderen Käufer.
Die FED übernimmt dies durch ein über Jahre laufendes Staats- und Hypothekenanleihekaufprogramm.

Also, natürlich werden von den Staaten nach wie vor Anleihen ausgegeben. Wenn diese Anleihen von wem auch immer, ausgenommen der ZB, aufgekauft werden, dann ist zuvor jeder der Dollar, die in der Kaufsumme enthalten sind, im Rahmen einer Kreditvergabe entstanden. Jedem dieser Dollar steht also bereits mindestens ein Schuldner gegenüber, der für dieses Geld in den folgenden Jahren eine Leistung erbringen muss. Der Staat wird jetzt zum zweiten Schuldner und es müssen noch einmal für das Geld Zinsen gezahlt werden und auch der Schuldner Staat muss diese Anleihen regelmäßig bedienen. Was allerdings regelmäßig nur durch ein "überrollen" der Schulden passiert.

Wenn jetzt eine ZB solche Anleihen aufkauft, gibt es zwei Varianten. Sie kauft eine Anlage auf, die am Markt bereits platziert war oder sie kauft eine Anleihe auf, die vom Staat erstmalig in Umlauf gebracht wurde. In beiden Fällen entstehen diese Dollar, die jetzt von der Zentralbank in Umlauf gebracht werden, ohne einen Schuldner, der in der Zukunft Leistung erbringt. Weil das Geld eben nicht durch Kredit in die Welt kommt. Diesen Dollars steht keine zukünftige Leistung entgegen. Nun machen sich diese leistungslosen Dollar nicht sofort bemerkbar, sondern es gibt einige Nachfragen, nach Dollar, die für einige Zeit trotz der leistungslosen Dollar den Wert hoch halten. Primär sind das zunächst die Steuerforderungen des Staates, die für Arbeitsleistungen gegen Geld sorgen. Für diese regelmäßig wiederkehrenden Forderungen gab es bislang keinen Geldumlauf. Wichtig ist primär, die kontinuierliche angemessene Nachfrage nach Geld und die bleibt auch dann erhalten, wenn viel Geld ins Ausland abgewandert ist. Dann stehen der inländischen Nachfrage (im Dollar/Pfund/Euro-Währungsgebiet) eine nur sehr begrenzte Anzahl an verfügbaren Dollar/Pfund/Euro gegenüber und der Wert dieser Dollar ist entsprechend hoch, weil es viele Nachfrager gibt, die um Dollar zu erhalten Waren und Dienstleistungen anbieten, damit sie ihre Kredite tilgen können. Im Gegenzug ist der Wert der Waren gering, weil es so viele Waren- und Leistungsanbieter gibt. Sobald diese beiden Puffer aufgebraucht sind, fängt dann der Inflationsdruck an zu steigen.

Solange das Überschießende Geld bei Sparern "geparkt wird", die es NICHT in den Wirtschaftskreislauf einspeisen, erzeugt das Geld ebenfalls keine inflationären Probleme. Inflation bei den Finanzwerten finden alle Menschen toll, denn alle Sparer können sich reicher fühlen. Wenn Inflation in der Realwirtschaft beginnt, ist sie eine Krise des Angebots. Deshalb auch die Lieferengpässe, die parallel entstehen und die gleichzeitig auch für die Preiserhöhungen sorgen. Plötzlich wollen die Anbieter lieber ihre Waren behalten (weil der Wert mit der Inflation steigt), als sie in Geld zu tauschen (was durch die Inflation an Wert verliert).
Also das Aufkaufen von Anleihen durch die ZB, was mehr Geld in Umlauf bringt und so die deflationären Probleme der Volkswirtschaften lösen soll. Denn Sparer und Ausländer haben dem Wirtschaftskreislauf zu viel Geld entzogen und die Schuldner können dann nicht mehr tilgen, was am Ende die Banken zerstören würde, wenn die ZB sie nicht mit frischen Geld versorgen würde.

Weil man in der Pandemie meinte besonders schlau bei der Deflationsbekämpfung zu sein, und erstmals Geld nicht in die Finanzwirtschaft injiziert hat, sondern in die Realwirtschaft, kam es zu einer "Übernachfrage", die Lieferengpässe ausgelöst hat, die mit den Produktionsengpässen die initiale Inflation ausgelöst hat.


Fakt ist, das die FED (wie auch die EZB) hier in die Bresche springt, weil die Staatsschuldenpapiere am Markt nicht mehr verkauft werden können oder dies nur zu sehr schlechten Bedingungen.

Das Problem ist "zu viel wertloses Geld im Umlauf", "die Anbieter von Leistungen wollen es nicht mehr".

Streng genommen ist das bereits eine Bankrotterklärung.

Ja, so sind Herrschergenerationen stets am Ende untergegangen.


Und das diesmal keine Schuldner existieren, ist auch nicht ganz richtig.
Natürlich gibt es einen Schuldner.

Es gibt keinen Kreditschuldner, der dem Kreditgeld seinen Wert durch Arbeitsleistung gibt. Das macht der Staat leider nicht. Er lässt nur andere arbeiten, um Steuern abzuliefern.

Bei den Staatsanleihen ist es der Staat – wie immer – wer auch sonst?

Nur waren früher eben Pensionsfonds, Versicherungen oder Investoren die Gläubiger weil die Staatspapiere ordentliche Zinserträge abwarfen.

Die Zinsen spielen dabei nur eine sehr kleine Rolle, zumindest dann wenn sie so niedrig sind wie heute, weil viel zu viel Geld im Umlauf ist.

Ich erinnere nur an die "Bank mit angeschlossener Elektro-Abteilung" (SIEMENS), bei dem der Konzern seinen Gewinn vor allem über den Zinsertrag aus Staatsanleihen generierte.

Ja, klar, ein und derselbe Dollar, also jedes Geld kann mehrfach wieder verliehen werden. Und früher, als Geld noch knapp war, konnte man an den Zinsen richtig gut verdienen. Einmal als Kredit entstanden, dann aber in drei Anleihen enthalten. Stets vom Anleihenschuldner investiert, z.B. durch zwanzig Prozent Zinsen wieder bei einem Verleiher gelandet und dann von ihm erneut ausgeliehen, bevor vorangegangene Anleihen oder der Kredit getilgt wurden. Auch diese Anleihen erzeugen Nachfrage nach Geld und, um sie zurückzahlen zu können, müssen nicht staatliche Akteure Leistungen erbringen.

Bei Nullzinsen oder „qualvoller“ Bonität geht aber die Attraktivität in die Binsen und daher springt jetzt die Zentralbank in die Käuferlücke.

Nein, das hat nichts mit Attraktivität zu tun. Die reichen Geldhalter haben große Schwierigkeiten ihr Geld sicher unterzubringen. Es gibt ZU VIEL. Niemand will es mehr haben, um es zu mehren. Selbst die Banken nicht und deshalb verlangen sie Lagergebühren. So wie Banken einmal entstanden waren, als es noch ausschließlich um die sichere Geldaufbewahrung ging und sie das "fractional reserve banking" noch nicht kannten. Geld schwachen Schuldnern zu überlassen ist immer weniger eine Option. Das Hohe Zinsen, die aus Sicherheitsgründen nötig wären kann ein schlechter Schuldner niemals mehr zahlen. Und es könnte sein, dass er gar nichts mehr zurückzahlen kann. Deshalb wird auch gegen Negativ-Zinsen bei guten Staatsschuldnern (D bis März 2022) geparkt. Das wird sich wohl jetzt auch rasch ändern.

Es wird in nächster Zeit alles noch viel lustiger werden, wenn dank viel Inflation irgendwann niemand mehr Geld mag. Dann gibt es nichts mehr zu kaufen.


Kannst Du mir da zustimmen oder siehst Du das grundsätzlich anders? [[hae]]

Also, ich hoffe diese knappe Darlegung konnte einiges klären. Ganz Schritt für Schritt habe ich es in meinem zweiten Buch dargelegt. Da ist viel mehr Raum für ausführliche Herleitungen, die ich hier im Forum nicht alle wieder ausführen kann.

Wenn sich neue Fragen ergeben, stell sie bitte.

Grüße
Morpheus

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