Wieso ist Erleben ohne Körper kein Problem?

heller, Dienstag, 25.04.2023, 17:05 (vor 1043 Tagen) @ mabraton2862 Views

Es gibt ja einige Leute, die verstehen wollen, wie das alles zusammen passt.

Soweit ich den Erlebensprozess im Buddhismus verstanden habe und in kleinen Ansätzen auch erfahren habe, würde ich sie auf die Schnelle (mehr ist viel zu aufwändig für einen Faden hier) folgendermaßen skizzieren:

Erleben findet statt, klar erscheinend, jedoch ohne festen Kern.
Man kann das Erleben nicht anhalten und nicht wiederholen.
Das Erleben einer Erdbeere im Mund oder eines Teils eines Atemzuges lässt z.B. sich nicht festhalten, um es genau zu beschreiben. Schon wenn man damit beginnt, hat es sich verändert.
Es ist schlimmer als mit subatomaren "Teilchen": sie lassen sich beobachten und messen, aber man kann nicht gleichzeitig Ort und Bewegung beschreiben.

Über eine gewisse Zeit stabil sind lediglich die Konzepte und Namen (z.B. die Steuernummer), die z.T. länger als ein Leben funktionieren.
Aber die Konzepte und Namen lassen sich in der "realen" Welt nicht finden - dort sind es z.B. Personen (nirgendwo in meinem Körper ist mein Vorname zu finden), Autos, Wohnungen etc., die wir wiederum erleben können, aber als Erleben nicht festhalten können.

Alles Erleben findet im Geist statt. Auch wenn die Tastatur genau 40 cm vor mir auf dem Tisch liegt - das visuelle und haptische Erleben findet nicht in der Tastatur statt, sondern im Geist. Und das Konzept "Tastatur" sowieso.
Ebenso das Konzept "Ich", das Konzept "Person" etc. Alles.

Erleben ist nicht an Konzept gebunden. Auch nicht an das Konzept "Ich".
"Ich"-Erleben kann stattfinden, muss aber nicht. Das heißt: Unser "Ich" ist nicht ständig im Erleben anwesend.
Nicht das "Ich" erlebt den Geist, sondern "Ich"-Erleben findet im Geist statt, neben dem ganzen anderen Gedöns :-)

"Geist ohne Erleben" ergibt keinen Sinn - überall wo Geist ist, ist auch Erleben.
"Erleben ohne Geist" ergibt keinen Sinn. Ditto.
"Geist und Erleben sind Synonyme" ergibt Sinn.
(Spätestens hier der Hinweis, dass man sich über Definitionen VOR solchen Diskursen einigen sollte - was mir aber hier im Forum praktisch unmöglich erscheint.)

Bis hierhin ist alles auch selbst erfahrbar - man braucht sich nur still hinsetzen.

Verwirklichte Meister berichten, dass Erleben selbst im Tiefschlaf, Bewusstlosigkeit und physischem Tod des Körpers und darüber hinaus weitergeht, zeitweise halt sehr "ausgedünnt" und mehrere Ebenen unter (oder über) unseren üblichen Sinneserfahrungen. Ich könnte mir vorstellen, dass es wie mit Kometen funktioniert: auf einer sehr eliptischen Bahn entfernen sie sich immer weiter, aber auch immer langsamer von der Sonne bis zum Umkehrpunkt - und kehren doch ohne eigenes Zutun wieder Richtung Sonne zurück.

Fazit:
Wenn man also nicht stur an der Trennung zwischen Subjekt, Prädikat und Objekt festhält, dann sind Nahtoderlebnisse, Erleben ohne Körper, Wiedergeburt und Ähnliches kein Problem. Dennoch gibt es darin Gesetzmäßigkeiten. Wie beim Wetter handelt es sich bei allem Erleben um Prozesse (nicht um Dinge) - dennoch ist weder Wetter noch Erleben beliebig.
_________

Die buddhistische Art, Erleben zu beschreiben, kommt meinem logisch geprägten Verstehen-Wollen sehr entgegen - auch wenn das Verstehen nur als Hilfsmittel für das Loslassen des Wollens dienen soll.
Wer es lieber unlogisch mag, oder wem das Verstehen am Allerwertesten vorbeigeht, orientiert sein Leben sicher an anderen Leuchttürmen aus.

Leider gibt es aber noch wenig Bücher und Lehrer und Lehrerinnen, die sich an Naturwissenschaftler oder gar Ingenieure (plus *innen [[zwinker]]) wenden und sich gleichzeitig sprachlich für diese Zielgruppe und ihren speziellen "Macken" eignen.
Es ist auf jeden Fall eine gesunde Portion Humor nötig [[hüpf]]


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