Für die nicht Erleuchteten besteht auch Hoffnung

mabraton, Montag, 24.04.2023, 17:06 (vor 1041 Tagen) @ NST3559 Views
bearbeitet von mabraton, Montag, 24.04.2023, 17:10

Hallo NST,

im Mahayana (das große Fahrzeug) und Vajrayana praktizieren wir die Meditation des bewussten Sterbens (tibetisch, Phowa). Ich habe diese Übungen ca. 10-mal unter Anleitung von Meditationslehrern gemacht. Die Praxis dauert 5-7 Tage und man meditiert jeden Tag ca. 6 Stunden. Im Laufe dieser Praxis trainiert man den Geist für den Moment des Todes. Für das westliche Verständnis kann man es so ausdrücken, dass man sich das Paradies über dem Kopf vorstellt und die Meditationspraxis darin besteht, dass eigene Bewusstsein zu trainieren, dass es sich dort manifestiert. Ich hatte dabei sehr freudvolle Erlebnisse, ohne, dass ich damit konkrete visuellen Erfahrungen verbinden konnte. Es war mehr so, dass aus dem Bauch heraus große Glücksgefühle hochkamen. Andere haben dabei auch schwierige Erlebnisse. Es gab Leute die kamen über Tage aus dem Weinen nicht heraus.

Bemerkenswert ist, dass am Ende eines Phowa-Kurses alle ein äußeres körperliches Zeichen haben. Ungefähr an der Fontanelle oben auf dem Kopf entsteht ein kleines Loch aus dem auch meistens ein paar Tropfen Blut austreten. In der Meditation übt man ja, dass der Geist den Körper nach oben verlassen soll. Durch die intensive Übung entsteht diese physische Veränderung. Die Löcher lassen sich auf Bildern die per Kernspintomografie gemacht werden nachweisen.

Ich habe im Laufe der Jahre auch Freunde beim Sterben erlebt welche das bewusste Sterben gelernt hatten. In zwei Fällen war ich sehr erstaunt wie kraftvoll und klar die Leute in den letzten Stunden waren, obwohl sie körperlich extrem gelitten haben. Meine Oma war in den letzten paar Tagen nicht mehr in der Lage sich zu unterhalten. Als ich sie zwei Tage vor ihrem Tod besucht habe und sie sichtlich mit Paranoiazuständen zu kämpfen hatte, habe ich ihr erklärt, dass es eine Keimsilbe (Mantra) gibt, die wir verwenden um uns und allen Wesen Glück zu wünschen. Daraufhin hat sie 20 Minuten lang mit voller Energie das Mantra rezitiert. Nachdem sie gestorben war hatte ich den starken Eindruck, dass es Dir dort wo sie gelandet ist gut geht. Bei meinem Vater war es ähnlich. Von seinem Tod habe ich erst ein paar Tage später erfahren. Wir haben dann mit ein paar buddhistischen Freunden die Meditation des bewussten Sterbens für ihn gemacht.

Wohin sich diese Bewusstsein dann orientiert - für die Mehrzahl dürfte es laut Buddhisten erstmal Richtung Hölle gehen (zeitlich begrenzt) - oder in eine neue Existenz .... das ist nochmals eine weitere Spielwiese.

Die buddhistischen Belehrungen sagen, dass die Eindrücke die man während des Lebens und in den vielen Leben davor ins Bewusstsein gespeichert hat, das Erleben nach dem Tod 9-mal stärker beeinflussen als mit Körper. Durch den Körper sind wir in der Lage die Zustände die wir im Geist erleben zu filtern und zu beeinflussen. Durch die eigenen Taten und Gedanken kann man kontrollieren, verstärken und verändern was man zukünftig erlebt. Insofern ist es unsere Entscheidung was nach dem Tod passiert. Um starke Tendenzen im Geist zu ändern ist allerdings viel Übung und Disziplin notwendig. Nach über 25 Jahren regelmäßiger Meditation habe ich immer noch eine Menge Gewohnheiten bei denen ich mich frage ob ich sie ändern kann.

Was in der neuen Existenz auf einem wartet - das lässt sich überhaupt nicht vorher sagen. Das ist auch der Grund, warum der praktizierende Buddhist unbedingt aus dem Rad der Wiedergeburt aussteigen will.

Die großen Meditationsmeister sind in der Lage zu steuern wohin die Reise geht. Für die anderen lässt es sich nicht vorhersagen. Allerdings lässt sich beeinflussen ob man leidvolle oder freudvolle Erlebnisse haben wird. Wenn man konsequent der einfachen Regel folgt, "Was Du nicht willst das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu" wird man nach dem Tod ganz sicher keine Höllenzustände erleben.

In Buddhas Lehren werden die Zustände die erlebt werden können recht genau beschrieben. Die Hölle, wie sie im Christentum gesehen wird, ist eine sehr grobe Beschreibung der schlimmsten geistigen Zustände. Um in diese Zustände zu kommen muss man eine Menge negative Tendenzen im Bewusstsein angesammelt haben.

Genaueres dazu in diesem Text. Als Bardo bezeichnet man im Buddhismus den Zustand zwischen zwei physischen Leben.

Bei den Erklärungen zum Bardo des Sterbens ging es darum, wie sich beim Sterben die verschiedenen inneren Winde und Elemente auflösen. Wenn die beiden Essenzen zusammenkommen, verschwinden all die geistigen Zustände, die mit Störgefühlen zusammenhängen. Der ganze Prozess läuft jetzt in umgekehrter Reihenfolge, alles beginnt sich wieder neu zu formen. Da wir die Natur unseres Geistes nicht erkennen konnten, entsteht zuerst der "Wind der Unwissenheit". Dann folgen der Lebenswind, der Wind des Feuers, des Wassers und der Erde. So wie sich die verschiedenen Elemente beim Tod unseres physischen Körpers auflösten, bildet sich jetzt der Geist-Körper wieder aufgrund dieser Winde.

Mit seinem Entstehen kommen auch die sieben geistigen Zustände wieder auf, die mit Dummheit zu tun haben - alles geht wieder von vorne los, beginnend mit der Unwissenheit. Daraus entstehen dann die 40 Geisteszustände der Begierde, dann die 33 die mit Zorn zu tun haben. In dieser Weise entsteht man wieder in Form eines geistigen Körpers und wenn die Elemente zusammenkommen, ist wieder das gleiche gewohnheitsmäßige Bewusstsein wie zuvor da. Man hat die Erfahrung eines realen Körpers, obwohl er nicht physisch sondern nur geistig ist. Von anderen Wesen in einem physischen Körper kann er auch nicht wahrgenommen werden.
Dieser Bardo-Körper kann nur Gerüche "essen". Er kann keine Nahrung zu sich nehmen, wenn sie ihm nicht extra "gewidmet" wurde. Deswegen gibt es verschiedene Möglichkeiten und auch Rituale, Bardo-Wesen herbeizurufen und ihnen gesegnetes Essen zu geben. Das können sie dann annehmen und sie sind darüber froh und befriedigt. Ansonsten können sie zwar Essen wahrnehmen, es aber nicht zu sich nehmen.

Die Zwischenzustände, Teil 4: Der Bardo des Werdens - Von Lopön Tsechu Rinpoche

Hier ein Interview mit Ole Nydahl, der ca. 50.000 Menschen die Meditation des bewussten Sterbens beigebracht hat.

Den Tod als Weg nutzen - Ein Interview mit Lama Ole Nydahl und Caty Hartung

Um das bewusste Sterben zu lernen meditiert man auf die Form des Buddhas des grenzenlosen Lichts (Amithaba).

[image]

Amitabha – der Buddha des grenzenlosen Lichts

beste Grüße
mabraton


gesamter Thread:

RSS-Feed dieser Diskussion

Werbung