Ich kann das gerne ausführlicher erklären

helmut-1, Siebenbürgen, Donnerstag, 08.10.2020, 05:36 (vor 1939 Tagen) @ Realist2017 Views

Und heute? Nun ja, ich hab wenigstens meine Erinnerungen, aber meine Kinder und die Generation, die nachkommt, die tun mir irgendwie leid. Ich kann beim besten Willen nichts erkennen, woraus man schließen könnte, dass es irgendwann wieder besser wird.

Das war doch die Aussage, die Du nicht nachvollziehen kannst.

Du schreibst:
Vermutlich liegt es am Alter, dass du "beim besten Willen" nichts erkennen kannst, woraus man auf eine zukünftige Besserung schließen kann.

Nein, es liegt an etwas anderem. Dieses "andere" ist die Erinnerung und der Vergleich. Es ist gut, dass Du Dein Alter angegeben hast, weil dadurch erklärt sich alles. Bewusst, auch von Deinen Eindrücken her gesehen, wirst Du die Welt und die vorhandenen Möglichkeiten frühestens so um die Zeit des Mauerfalls beurteilen können.

Die Leute aber, die kurz nach dem Krieg geboren wurden, also innerhalb der ersten 10 Jahre, haben da ganz andere Vergleichsmöglichkeiten, weil sie die "goldenen Jahre" zwischen 1970 und 1980 miterlebt haben.

Es geht ja nicht nur um den Urlaub. Klar, -wir waren damals unabhängig, hatten ein Auto, waren drei Freunde, und jede Menge Dummheiten im Kopf. Geld verdienten wir in Hülle und Fülle, und umso mehr haben wir beim Fenster hinausgeworfen. Die Kurpfalz liegt geografisch sehr gut, wenn man sich auch noch beim Fahren abwechselt, dann sind Entfernungen kein Problem.

Da sind wir zum Mittagessen nach Amsterdam gefahren, oder zum Kaffee nach Innsbruck, oder auch mal ins Honeckerland übers Wochenende (mit einem österr. Pass war das unkomplizierter), nach Berlin, usw. usw. Als Wiener sind wir am Anfang unserer Zeit in der Kurpfalz sogar noch zum Haare schneiden nach Wien gefahren.

Das ist aber nur ein Teil, nämlich der Urlaub. Was grundsätzlich anders war, das war das Leben. Es gab so gut wie keine Kriminalität, - als ich beim Trampen in Skandinavien war, da haben mich sogar Frauen mitgenommen, - ohne Angst. Wildfremde Menschen haben mich bei sich übernachten lassen, - einer davon sogar in einem Konvikt des Priesterseminars. Klammheimlich eingeschleust, damit keiner was merkt, - vor 6 Uhr musste ich wieder draußen sein.

Was unsere berufliche Tätigkeit betrifft, - es gab so gut wie keine Grenzen. In jedes Land konnten wir fahren, - ohne "Green-Card", überall war alles offen, auch die USA, Australien und der Süden Afrikas, auch in den Osten hätte man gekonnt, - aber wer wollte schon hinter den Eisernen Vorhang. Ich habe mit meiner Selbständigkeit 1977 begonnen, mit Schubkarre, Schaufel und Wasserwaage, ohne einen Pfennig am Konto. Die Gewerbeanmeldung (ich hab sie mir aufgehoben) war eine Sache von 10 Minuten, kostete 3 DM.

Ach, es gäbe noch so vieles zu erzählen, - am schönsten war meine Zeit in Skandinavien. Familiär ungebunden, ohne Verpflichtungen, frei wie der Vogel, unbedarft und natürlich auch uninformiert. Da wollten wir bei Kirkenes im Norden Norwegens so mal einen Ausflug nach Murmansk machen und waren ganz erstaunt, als uns der diensthabende Offizier der Nato an der Grenze sagte, dass es zwischen Warschauer Pakt und Nato keinen Grenzübertritt gäbe.

Das Bruttosozialprodukt stieg von Jahr zu Jahr, - und ich bin in dem Glauben aufgewachsen, das müsse so sein und das ginge immer so weiter.Ein alter mann, er war Buchhalter, warnte mich und sagte, - das wäre alles zu übertrieben, - es würde nicht mehr lange dauern, und wir würden unsere blauen Wunder erleben. Wie recht der Mann hatte, habe ich später gesehen.

Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, ein Bild von dem zu zeichnen, was ich als "einmalig" in den letzten 100 Jahren bezeichnet habe, und was nicht wiederkommt. Deshalb habe ich Mitleid mit den nachfolgenden Generationen, - denn diese Bedingungen, die damals vorherrschten, die sind absolut passe und kommen niemals mehr wieder.

Du siehst die Welt bereits aus der eingeschränkten Sicht, - die erweiterte Form, wie wir sie erlebt haben, kannst Du nicht zum Vergleich heranziehen. Sicher wird jeder, wenn er findig ist, seine Nischen erkennen und realisieren, - aber eben in der eingeschränkten Form.

Jeder Vogel wird sich in seinem Käfig wohl fühlen, wenn er, gewissermaßen aus dem Ei geschlüpft, dort hineingekommen ist. Die wahre Freiheit kennt er nicht.


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