Hat sich mal jemand die Frage gestellt, wie es mit dem Tourismus weitergeht?
Hab da einen Text bekommen, - ich weiß auch nicht, in welchem Forum oder als Leserbrief das erschienen ist, stammt jedenfalls nicht von mir. Diese Einblicke in die Branche habe ich nicht. Aber das Ganze macht nachdenklich:
Wohin geht die Reise?
Als Leiter der Reisestelle des Hamburger Senats und mit rund 40 Berufsjahren in der Touristik vom Chefreiseleiter eines der weltgrößten Touristikkonzerne und später erfolgreicher Unternehmer einer Reisebürokette mit Fernreiseveranstalter, werde ich in diesen Zeiten immer wieder nach meiner Einschätzung zur Entwicklung des Reisemarktes gefragt. Ich stelle das mal hier zur Diskussion in das Forum und freue mich auf eine rege und sachgerechte Beteiligung.
An diese Situation werden wir uns noch eine Zeit lang gewöhnen müssen und lernen, mit ihr umzugehen. Mittlerweile ist es ja offensichtlich, dass erst dann wieder einigermaßen gereist werden kann, wenn entweder die Weltbevölkerung größtenteils durchgeimpft ist oder die Quarantänen aufgehoben werden können, weil die Infektionsraten überall ähnlich sind. Mitte 2021 ist immer noch der Best Case – wahrscheinlich wird es länger dauern. Die Philippinen beispielsweise haben schon jetzt eine Öffnung vor September 2021 ausgeschlossen.
Für Interkontinentalreisen müsste auch das nötige Angebot vorhanden sein, denn aktuell riskiert es keine Airline, mehr als die nötigen interkontinentalen Verbindungen anzubieten. So will beispielsweise die australische Qantas bis Juni 2021 gar keine Interkontinentalstrecke fliegen. Interkontinental ein Netz wieder hochzufahren ist keine triviale Übung, das dauert seine Zeit. Ein Grund ist, dass Fluggesellschaften bei diesen Verbindungen auch Zubringer- und Abbringerflüge mitberücksichtigen müssen und das ganze bei optimiertem Fluggerät in genau abgestimmten, unterbrechungsfreien Umläufen. Aus diesem Grund geht die International Air Transport Association (Iata) inzwischen davon aus, dass vor 2023 oder 2024 keine Normalität diesbezüglich eintreten wird. Wir reden also von einem mittelfristigen Zeitraum, was auch das endgültige Aus für Megaflieger wie A380 und B747, in der Produktion eh schon länger eingestellt, bedeutet.
Das nächste Jahr ist aus meiner Sicht ein Übergangsjahr – ich glaube aber nicht, dass wir sehr viel anders reisen werden als dieses Jahr. Aus meiner Sicht gibt es zwei Szenarien. Das erste ist, dass wir weiter wechselnde Quarantänebestimmungen haben. Die Quarantänezeiten werden vielleicht kürzer, es sind vielleicht nicht mehr ganze Länder, wo man nicht mehr hin kann, sondern nur Regionen. Aber diese ständig wechselnden Regeln werden die Lust am Reisen trotzdem weiter einschränken. Man bleibt dann dort, wo man einigermaßen sicher ist, beziehungsweise man fährt dorthin, von wo man schnell ganz selbstständig auch innerhalb von 24 Stunden wieder nach Hause kommen kann. Sprich: Reisen mit dem Auto, durchaus auch ins Ausland, bleiben attraktiv.
Das zweite Szenario wäre: Wir haben überall 14-Tage-Inzidenz-Werte von mehr als 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohnern. Aber weil das alle Länder haben werden, könnten wir im Prinzip die Quarantänebestimmungen aufheben – außer für die Hotspots, an denen die Zahlen explodieren. Hierzu brauchen wir aber auch schnellere, genauere und mehr Tests. Darüber hinaus müsste auch das nichteuropäische Ausland an Stelle einer „Zero-tolerance“-Politik“ - gemäß den Lehrbüchern für Infektionskrankheiten - auf ein „Flatten-the-curve“-Prinzip wie in Europa umschwenken und eine Akzeptanz in Bezug zur Kapazität des Gesundheitssystems praktizieren. Unter solchen Voraussetzungen könnte es weniger Reisebeschränkungen geben.
Das große Problem beim „Flatten-the-curve“-Prinzip ist jedoch ein leistungsstarkes Gesundheitssystem wie es in Deutschland oder Skandinavien gibt. Nicht mal in England, geschweige in den USA, ist das dortige Gesundheitssystem auch nur annähernd stark genug für das „Flatten-the-curve“-Prinzip, wie die Todeszahlen zeigen. Wie sollen erst recht Länder in Zentral- und Südostasien, Lateinamerika oder Afrika das schaffen – für die ist es schlicht unmöglich.
Aber ich glaube, die Menschen selbst werden vermutlich noch zurückhaltend bleiben, zum Beispiel aus Angst vor Erkrankungen im Ausland oder wegen eher trüben wirtschaftlichen Perspektiven – etwa aufgrund von Kurzarbeit oder auch unsicherer Einkommens- und Jobaussichten. Das wird generell die Nachfrage weiter hemmen.
Ein möglicher Game-Changer wäre ein Impfstoff – je nachdem, wie gut er wirkt und wie schnell eine Bevölkerung durchgeimpft werden kann. Aber das halte ich nicht vor Ende 2021 für realistisch, auch wegen der Produktionskapazitäten.
Das Problem ist eigentlich nicht die Reise als solche, sondern der praktizierende Umgang mit den einfachsten Schutzmaßnahmen, wie der „AHA-Regel“. Hier stellen wir fest, das Corona dort besonders heftig ausbricht, wo Menschen eng zusammenkommen und zügellose Partys feiern, frei nach dem Motto „sauf Dich voll und knipse Dein Hirn aus“. So ist kurz nach der Wiederöffnung der Ballermann (und andere spanische Partydestinationen) schon knapp 4 Wochen später wegen rapide steigender Fallzahlen geschlossen worden, hingegen Griechenland als klassisches Reisegebiet ohne Partytourismus auch nach 3 Monaten immer noch erstaunlich niedrige Fallzahlen aufweist.
Mit der Vernunft im Urlaub ist es grundsätzlich schwierig, denn Urlaub ist eine hochemotionale Angelegenheit, eine Sondersituation. Die Leute wollen sich etwas gönnen. Sie glauben, sie haben ein Recht auf Dinge, auf die sie sonst kein Recht haben. Das sind die Ausnahmewochen im Jahr, in denen Vernunft für viele Menschen ganz hinten ansteht. Man will, dass es einem gut geht während dieser Zeit – und auch danach, wenn man sich an die Erlebnisse erinnert.
Fazit: Auch ich gehe von einer Normalisierung frühestens in zwei bis vier Jahren aus. Und genau wie seinerzeit nach den Terroranschlägen von 2001 wird die Urlaubswelt in neuen Relationen wieder von vorne beginnen. So wie wir seitdem mit verschärften Sicherheitskontrollen heute ganz vertraut umgehen, ist es dann vorbei mit dem Billigtourismus, weil alle Überkapazitäten zwischenzeitlich den Touristikmarkt verlassen mussten – am Boden wie in der Luft und in der Kreuzfahrt. Flugreisen, Kreuzfahrten und Hotellerie erhalten wieder eine angemessene Wertstellung in der Gesellschaft, werden sich auf eine zwei-, dreiwöchige Hauptreise im Jahr konzentrieren und sich auf den Preis von einem Bruttomonatseinkommen eines Mittelklassehaushaltes einpendeln, die Schwarzmeerküste, Türkei und Nordafrika etwas günstiger.
Ich sehe das aber zugleich als eine gewaltige globale Chance zur Renaturierung der Natur und Ozeane und der einzig realistischen Option in der Erreichung der dringend gebotenen Klimaziele. So freue ich mich wieder auf saubere, intakte und nicht überfüllte oder gar zugemüllte Urlaubsgebiete, wie ich Sie zuletzt vor rund 40 Jahren noch erlebte.