Die "Degrowth" Kleidung

Rheingold, Sonntag, 06.11.2022, 21:33 (vor 1204 Tagen) @ DT6667 Views

Anfang der 80er lebte ich in Westberlin. Damals gab es viele Second-Hand-Klamotten-Läden.

Ich war Anfang 20 und trug diese Klamotten auf. Warum trug ich sie auf?

Die Frauen in meiner Alterskohorte in Westberlin waren emanzipatorisch, taten auf lesbisch und gefielen sich in Männerfeindlichkeit.

Aids gab es noch nicht als Aids, sondern wurde medial als Schwulenkrankheit (also als Krankheit der Männer) kommuniziert.

Schnitt: Party. Ich Anfang 20 der einzige Mann, um mich herum Frauenkämpfer. Mir wurde erklärt, dass ein Penis lediglich eine gewucherte Vagina wäre. Dass dieser "Schwulenkrebs" (Aids war noch nicht erfunden) hoffentlich die Männer endgültig wegräumen würde. Sollen sie endlich sterben, dann gibt es weder Kolonialismus, noch Totalitarismus, noch Sklaverei. Macht den Frauen!

Wenn ich in dieser Zeit einer Frau die Tür aufhielt, hatte ich sofort eine stundenlange Diskussion über das fürchterliche Patriarchat und mein unterdrückerisches Benehmen. So war seinerzeit die gesellschaftliche Stimmung (gut, ich war im Szeneviertel SO36)

Ich hab mich in meiner Not betont konservativ gekleidet. Was gab es Second-Hand für tolle Sachen. Original Kalbsleder-Schuhe im Charly-Chaplin-Style original aus den 30er Jahren, echte Gamaschen, Oberhemden aus festem Leinen, die vier mal gekrempelt werden mußten für die Manschetten und bis zu den Knien reichten, Pfeffer-und-Salz-Mäntel, die "Formtreu" hießen.

Ich hatte mich also für feministische Attacken gewappnet. Ich trug sogar Hut. Warum trug ich Hut? Um ihn dann zu ziehen, wenn ich einer Frau begegnete, um dem weiblichen Geschlecht meine Aufwartung und meinen Respekt als Mann zu zollen. Leichter konnte ich keinen Haß auf mich ziehen.

Wenn ich dann zurechtgewiesen wurde, dass ich mit dem Aufhalten einer Tür in Wahrheit nur Dominanz und Vergewaltigung der Frauen rechtfertigen wolle, da hatte ich bereits höflich meinen für sie gezogenen Hut in der Hand, nahm ihre Klagen auf: Ich sagte ihr, dass ihre Kritik, da sie von so entzückenden Lippen geäußert werden, mich als Mann sofort argumentativ entwaffnen würden.


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