Hmmm...
Die grundsätzliche Frage ist m.M.n., wieviel Freiheit jeder Einzelne für staatliche Sicherheit aufzugeben bereit ist.
...dem würde ich schon teilweise widersprechen, da der Großteil der Menschen darüber nie nachdenkt und auch nicht gefragt wird. Sie folgen einfach. Es muss schon wirklich unbequem werden, damit es zu Unmutsäußerungen oder gar Widerstand kommt.
Du hast aber in dem Punkt auch recht, was man etwa an den Clangesellschaften sieht, in denen Machtstrukturen sehr viel weniger gesellschaftsübergreifend sind und sehr viel familiärer (die Familie ist sozusagen freier). Das ändert allerdings wenig an den "Machtsäulen", auch der Clanchef gibt die Sichtweise vor und die Schafe trotten hinterher, auch dort gibt es die Petzen und die Abweichler werden bestraft, nur eben alles in kleinerem Rahmen.
Das sind auch die Ankerpunkte Deiner Drei-Säulen. Die Atomisierung der Gemeinschaft, wodurch unsere 'Gesellschaft' überhaupt erst entstanden ist.
Die Atomisierung verstärkt das noch, aber die Massengesellschaften sind deshalb nicht durchweg schlecht, wenn wir sie etwa mit Clangesellschaften vergleichen. In Letzteren sind die Rechte des Individuums sehr viel weniger formalisiert und daher noch sehr viel mehr der Willkür Einzelner unterworfen.
Menschen sind aber in Clangesellschaften selektiert worden, sie streben diese Sicherheit m.E. mehrheitlich auch immer an, weil sie eben schwach sind und den Schutz der Gruppe suchen. An Frauen sieht man das in besonderer Weise: sie ordnen sich im Durchschnitt leichter unter (tend-and-befriend) und benötigen aufgrund körperlicher Schwäche und potentieller Schwangerschaft auch stets besonderen Schutz.
Das Schutzbedürfnis ist daher m.E. ein Einfallstor, welches die Mächtigen für ihre Zwecke instrumentalisieren können. Sie instrumentalisieren aber alle Emotionen und menschlichen Regungen.
Die Machttheorie von @dottore setzt die Entstehung des Staates ja gleich mit der Unterjochung des Volkes unter ein Zwangsabgabesystem. Es könnte aber auch sein, daß es eine Entscheidung der Menschen war, individuelle Freiheit sozusagen einzutauschen für eine gemeinschaftlich garantierte Sicherheit.
Die Wahlmöglichkeit ist eine Illusion. Ein Individuum kann nicht dauerhaft isoliert leben, das widerspricht der menschlichen Natur und auch den menschlichen Fähigkeiten. Es gibt hin- und wieder mal Eremiten die das eine Weile durchhalten, aber sie entfernen sich damit i.d.R. selbst aus dem Genpool.
Sobald man Teil einer Gemeinschaft ist, muss man sich aber deren Regeln unterwerfen. Diese Regeln wiederrum hat (spätestens wenn sie formalisiert werden müssen, weil die Gemeinschaft wächst) jemand aufgestellt. Sind die Regeln zu schlecht, zerfällt u.U. die Gemeinschaft oder geht ein (weshalb normalerweise ein gewisses Mindestniveau gegeben ist). Das gilt auch heute noch, allerdings ist das Mindestniveau halt nicht besonders hoch und Abstimmung mit den Füßen nicht immer eine Option, wenn es nirgendwo wirklich besser ist...
Nur wurde in der Folge 'Gemeinschaft' überdehnt zu 'Staat', daraus folgend 'Kultur' und 'Zivilisation'. Wolfgang Sofsky arbeitet das in seinem Buch 'Traktat über die Gewalt' heraus. Das Dumme ist nur, und das beschreibt auch Sofsky, die Gewalt verschwindet nicht, die Sicherheit ist auch nicht gewährleistet, dafür ist aber die Freiheit fort. Für Sofsky ist das 'kulturimmanent'.
Es gibt einen Widerspruch zwischen denen, die Freiheit leben können und denen, die darunter leiden. Das ist ja auch ein aktueller globaler Konflikt: die "anywheres" gegen die "somewheres".
Das ist ein interessanter und wichtiger Punkt. Meines Erachtens wird sich da immer eine Balance einstellen (müssen), auch wenn das Sicherheitsbedürfnis hin- und wieder von den Mächtigen ausgenutzt wird (die damit ihr eigenes Sicherheitsbedürfnis ausleben).
Die technischen Möglichkeiten könnten das Bedürfnis nach Sicherheit leider in eine Überwachungsdystopie verwandeln, die bisher ohne historisches Beispiel ist. Davon sind wir ja nicht mehr weit entfernt. Was sich daraus ergibt... na ja, wir werden sehen.
Einem alten Germanen hätte man mit so einem Lug und Trug nicht kommen dürfen ...
Oder wie sagt Ernst Jünger so schön in Bezug auf die Annahme, daß sich die Unverletzbarkeit der Wohnung auf die Verfassung begründe: >>In Wirklichkeit gründet sie sich auf den Familienvater, der, von seinen Söhnen begleitet, mit der Axt in der Tür erscheint.<<
Von einem Familienvater lässt sich ein Macht- und Polizeiapparat normalerweise (leider?) nicht einschüchtern.