Ja...
Du hast das Wort "Staat" selbst gebraucht, sogar im BETREFF Deines Ausgangsbeitrages!!?? Diskutieren wir nun über das Phänomen des "Staates" - oder habe ich das Thema verfehlt?
...aber in dem Sinne in dem ich es verstehe, als geographisch und politisch begrenztes Gebiet. Du benutzt es eher wie eine politische Instanz.
Nach meiner Beurteilung setzt ein Staat neben den üblichen Merkmalen (Gebietskörperschaft etc.) immer einen inneren Diskurs voraus, der zwischen den Bürgern stattfindet.
Wie kommst du darauf? Ich kann einen solchen inneren Diskurs nirgends erkennen. Es gibt zweifelsohne sowas wie gemeinsame moralische Vorstellungen und Traditionen, aber die sind halt tradiert, werden eben nicht diskutiert, sondern einfach unhinterfragt gelebt, so lange kein Hindernis sie zur Disposition stellt. Sie lassen sich aber durch die äußeren Einflüsse (geschaffene Sachzwänge und Propaganda) ebenfalls ändern (wenn auch langsam).
Der 'echte' Staat ist für mich eine Genossenschaft bzw. Gemeinschaft. Das bedeutet, dass ich diejenigen, die die Macht haben, herausfordern kann. Selbst der mächtigste Mann im Staat ist immer noch und nur ein Bürger, im umfassenden Sinne ein Mit-Mensch (mit eigener Würde, die von mir respektiert wird).
Seltsame Auffassung. Klar kannst du den mächtigsten Mann herausfordern, je nach dessen Mentalität überlebst du das halt nicht und er wird dir auch nicht erlauben, entsprechende Machtmittel anzuhäufen oder er wird sie dir bei Gelegenheit entziehen, wenn du in Opposition gehst.
Was funktionieren kann, ist eine Bündelei mit der Macht, die diese zu Zugeständnissen und Kompromissen bewegen kann, durch kluge Argumente, Schleimerei usw. darauf basieren die "repräsentativen Demokratien", dort funktioniert Mitgestaltung, aber eben nur in den Bereichen, wo es der Macht nicht so wichtig ist.
Selbstverständlich darfst Du die Sache so sehen. Ich selbst räume jedem das Recht ein, Löwe oder Hyäne oder Wolf zu sein und die Herde zu schlagen. Ich bin halt der Auffassung, dass derartige Räuber keine Chance haben, wenn die Herde sich organisiert. Der Grund für diese meine Haltung ist ein 'philosophischer': der Mensch ist bzw. wird für mich nur Mensch in einer Menschengemeinschaft.
Ich stelle die Fähigkeit zu derartiger Selbstorganisation in Frage, weil du eine Mehrheit der Leute nicht gegen die Propaganda gewinnen kannst (Ausnahmen mag es geben, aber sie sind sehr sehr selten).
Betrachten wir doch ein Ereignis, bei dem sowas vermeintlich stattgefunden hat, etwa die Wende 1989. Ich habe sie selbst miterlebt und ich bin absolut sicher, dass sie nicht auf spontanem Erwachen und Organisation der Massen beruhte oder gar auf innerem Diskurs, sondern auf 2 Hauptfaktoren:
1) Abstimmung mit den Füßen (Grenzöffnung Ungarn-Österreich)
2) Massen-Propaganda von außen (Westfernsehen, wobei die Werbeblöcke das destruktivste Potential gehabt haben dürften)
Die Grenzöffnung war der Auslöser, die Propaganda (insbesondere der Neid auf westliche Versorgung) der Grund. Es wurden nicht umsonst Leute aus dem "Tal der Ahnungslosen" gern an der Grenze eingesetzt, sie waren indoktrinierter und unkritischer.
Eigentlich immer wenn es zu Umstürzen kommt, schwächelt das System bereits, kann es Narrative nicht mehr aufrecht erhalten, erreicht oppositionelle Propaganda immer mehr Leute, Zensur und Geheimdienste werden ihr nicht mehr Herr. In einem solchen Fall bleibt dann nur noch Polizei und Militär für die Mächtigen, sofern diese noch zuverlässig funktionieren.
Organisierte Kriminalität gibt es nur in/mit Staaten. Sie konkurriert nicht mit dem Staat, sondern sie setzt ihn voraus. "Kriminalität" außerhalb des Staates ist Piraterie.
Hier benutzt du wieder "Staat" einmal als politische Instanz, einmal als geographisches Gebiet. Mangelnde Trennschärfe führt zu Fehlschlüssen.
Verwenden wir doch für die politische Instanz einfach "Macht" als Begriff, dann wird dir unmittelbar klar, dass die organisierte Kriminalität sehr wohl um selbige konkurriert, i.d.R aber mit einer Beteiligung an selbiger ruhiggestellt werden kann.
Zu meinem Ursprungsbeitrag zurückkehrend erwähne ich auch das Böckenförde-Diktum, dass der Staat auf Voraussetzungen basiert, die er nicht selbst garantieren kann:
https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%B6ckenf%C3%B6rde-Diktum
Auch das Grundgesetz sieht das so, insofern es das Recht und die gute Sitte als Voraussetzung des Staates ansieht (Recht und Gesetz sind nicht identisch!). Oder es räumt dezidiert dem Menschen Grund-RECHTE und eine Würde ein, an denen der Staat sich eigentlich nicht vergreifen sollte. Auf der Sklavenplantage gibt es solche Grenzen nicht.
Wie schon erläutert, sehe ich Staat nur als geographisch und politisch begrenztes Gebiet, alles andere ist MACHT und die schert sich im Zweifel nicht die Bohne um Grundrechte, außer sie nützen ihr z.B. aus propagandistischen oder organisatorischen Zwecken.
Ich darf zum Schluß noch bemerken, dass jeder Mensch auf dieser Erde gegenwärtig die Luft irgendeines Staates *) atmet - und er selbst dann politisch handelt, wenn er meint, das nicht zu tun oder nicht tun zu müssen.
Ja, jeder handelt politisch, weil alles mit allem verwoben ist, aber nicht jeder handelt neutral informiert und bewusst! Und da liegt der große Unterschied! Genau das ist es, was den Boden für Manipulation und Lenkung öffnet.
*) Rein theoretisch ist man in der Mitte des Ozeans oder etwa auch am Südpol staatsfrei. Jedoch gibt es diverse (völkerrechtliche) Konventionen auch über diese Gebiete oder etwa auch zum Luftraum und Weltraum.
Gesetze sind freiwillige Selbstbeschränkungen der Macht, etwa um mit anderen Mächten nicht in Konflikt zu geraten. Sie stehen immer zur Disposition, wenn sie den Mächtigen unbequem werden. Und es findet sich immer ein plausibler Grund, um das der Masse gegenüber zu rechtfertigen. Sei es Terrorismus, Corona, Krieg oder irgendein anderer Notstand.