Sine ira et studio

Talleyrand ⌂, Donnerstag, 05.03.2020, 15:09 (vor 2177 Tagen) @ trosinette1995 Views
bearbeitet von Talleyrand, Donnerstag, 05.03.2020, 15:13

Das ganze Internet ist ein Staatsbastard. Sein Ursprung liegt im US-Verteidigungsministerium.

Servus trosinette,

ich habe nichts gegen sinnvolle staatliche Investitionstätigkeit. Hast Du etwas dagegen, und wenn ja, warum?

Die ganze Marktwirtschaft ist ein Staatsbastard. Staat und Markt sind Siamesische Zwillinge. Nur weil die unauflösliche Beziehung scheiße läuft, solltest Du nicht denken, dass sich die Marktwirtschaft in Wolkenkukusheim gegründet hat und anschließend in feindseliger Absicht vom Staat gekapert wurde.

Das halte ich in dieser grandiosen Zuspitzung für falsch.
Wenn der Markt als siamesischer Zwilling am Staate festgewachsen wäre, dann gäbe es und hätte niemals in der Geschichte einen Staat ohne Marktwirtschaft gegeben. Historisch gab es aber jede Menge Staaten (mit Monopolgeld und Steuereintreibung) OHNE Marktwirtschaft.

Anscheinend kann also der Staat sehr wohl auch ohne den Markt existieren. (Vielleicht kann auch der Markt ohne den Staat existieren...)

Denk darüber nach, wieso das, was wir Wohlstand nennen ausschließlich unter staatlicher Obhut entstanden ist

... weil alles, was wir kennen, auch Verelendung, Massenmorde, Hungersnöte und Kriege unter staatlicher Obhut entstanden sind.

Die Frage muß anders gestellt werden, um neue Erkenntnisse zu gewinnen:
Denk darüber nach, wieso das, was wir (breite Bevölkerungsschichten erreichender) Wohlstand nennen, ausschließlich in kapitalistischen Staaten entstanden ist.

und wieso die erste Sozialgesetzgebung parallel zu Industrialisierung erlassen wurde – siehe England, Speenhamland Gesetz und denk darüber nach, wieso das von Dir gelobte Deutsche Reich Geburtsstädte unseres heutigen Sozialstaates ist.

Denk darüber nach, wieso es nur im Kapitalismus überhaupt die Überschüsse und den Produktivitätszuwachs gegeben hat, der solche Sozialverträge möglich gemacht hat.

Danke für die Erinnerung. Wenn Industriearbeite während eine 72 Stunden Arbeitswoche im Schichtbetrieb ein Bett teilen, Großfamilien in einem Zimmer hausen und mit anderen Großfamilien auf der Etage im dritten Hinterhof auf ein Plumpsklo gehen, ist ein Wohlstandssprung keine bemerkenswerte Leistung. Erkläre mir lieber, wo Deiner Ansicht nach unser Wohlstand in Zukunft noch hinspringen soll.

Es gibt noch genug Weltgegenden, in denen die Mehrheit exakt auf dem materiellen Niveau des deutschen Industriearbeiters von 1890 leben.

Du behauptest hier, es gebe in punkto Wohlstand keine Steigerungsmöglichkeit. Weiter oben hast Du irgendwo geschrieben, in Deutschland gehe es vielen Menschen so schlecht, daß sie nicht einmal irgendeine Daseinsvorsorge betreiben können.

Für mich hört sich das logisch widersprüchlich an, aber wahrscheinlich verstehe ich die debitistische Logik in Deinen Ausführungen nur nicht. Deshalb bitte ich Dich, mich aufzuklären.

Und erkläre mir, wieso die Abgabenquote ständig steigt, ohne dabei ausschließlich das Psychogramm der handelnden Akteure zu reflektieren.

Weil die Demokratie zu einer Politik der ständigen Wählerbestechung führt. Mittels Umverteilung werden Bürger teilenteignet, um dafür andere zu belohnen. Dieses Prinzip der Wählerbestechung muß jeder Politiker befolgen, seine Nicht-Befolgung hat die Abwahl zur Folge. Siehe Schröder nach Hartz 4.

An der Staatsquote mosern seit Jahren Legionen von Ökonomen, Lobbyisten, Unternehmern und Politikern rum. Bringt aber offenbar nichts.

Weil es in niemandes Partikularinteresse ist, die Staatsquote herunterzufahren, vor allem nicht dem von Mehrheiten.
Zur Reduzierung der Staatsquote bedürfte es einer einmalig gewählten (nicht wiederwählbaren) Regierung von Nicht-Politikern (z.B. zufällig ausgewählte Bürger), die sine ira et studio tun, was nötig ist.

Gruß
Talleyrand

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https://talleyrandssudelbuch.art.blog


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