Kleine Heidelberger Grundschule

Diogenes Lampe, Sonntag, 02.08.2020, 17:43 (vor 10 Tagen) @ Oblomow586 Views
bearbeitet von Diogenes Lampe, Sonntag, 02.08.2020, 17:50

Pardon zudem, dass ich Sie geduzt habe. Ursprünglich ging es mir wie Ihnen im Forum, dass ich diese Distinktion durchaus schätzte, habe mich aber unterwegs umentschieden. Dann wird es eben zur Gewohnheit zu duzen. Sei's drum. Siezen ist juut.

Ich hatte mich Ihnen gegenüber zu diesem Thema ja schon ausführlich erklärt. Es macht mir nichts aus, wenn Sie in ihre Gewohnheiten zurückfallen.

Machiavelli hat natürlich ein negatives Menschenbild wie u.a. Schopenhauer und natürlich das Christentum. Machiavelli Satanismus zu unterstellen, nimmt zwar ein in der Aufklärung aufgekommenes Ressentiment auf, doch der Überbringer einer Botschaft ist durchaus nicht verantwortlich für den Inhalt der Botschaft.

Was den Satanismus als politische Theologie betrifft, haben sie wirklich noch große Wissenslücken, wie mir scheint. Das ist kein Ressentiment der Aufklärung. "Der Fürst" ist dem Sohn des Borgiapapstes Alexander VI. Caesare gewidmet. Die Borgiapäpste haben den marranischen Satanismus in den Vatikan und in die römischen Familienclans gebracht und den Jesuiten überhaupt erst das Feld bereitet, die sich dann ja auch im Politischen vollkommen an Machiavelli orientierten. Sie sind bis heute die Machiavellisten des Vatikans. Ich mache jetzt aber nur diese Andeutung, denn das Thema ist noch in Bearbeitung. Machiavelli war kein bloßer Überbringer irgendeiner Botschaft, sondern der Propagandist.

Es geht um die Mechanik der Macht und wie Mechanik satanisch sein kann, erschließt sich mir nicht.

Genau das ist in dieser Sache Ihr Denk-Problem! Denn Sie haben sich damit offensichtlich noch nicht im Ansatz befaßt. Der Satanismus ist durch und durch mechanistisch! Das ist ein völlig rationales Konzept der Reinen Vernunft. Wenn sie schon die Aufklärung erwähnen, dann nehmen Sie sich doch mal de Sade vor. Vor allem seine große und systematische Enzyklopädie der menschlichen Abgründigkeit: "Die 120 Tage von Sodom". Die totale Verwertung des Menschen durch die totale Macht und Verfügbarkeit über ihn beruht hier auf einem vollkommen mechanistischem Denksystem, das den Eros vollkommen vergeistigt und auf diese Weise ganz gezielt die Goldene Regel dem Recht des Stärkeren unterwirft, um die Opfer der Macht als Menschen restlos zu entwerten und als Gebrauchsgüter zu verwerten. Seine Romane "Juliette" und "Justine" behandeln widerum das Thema, dass nicht die Tugend zum gesellschaftlichen Erfolg führt, sondern das Laster. De Sade hat also nichts anderes getan, als den Machiavellismus der Aristokratie, der in diesen Kreisen bis heute herrscht, auf das Radikalste zu decouvrieren. 80 Jahre vorher tat das schon Mandeville in seiner Bienenfabel, wenn er auch seinen Schwerpunkt auf den Eros der Ökonomie legt.

Er trennt den politischen Bereich radilal von anderen Lebensbereichen und statt einen Fürstenspiegel, der von einem idealtypischen Herrscher ausgeht, geht er als Historiker vergleichend vor. Die goldene Regel ist Wunschdenken, sollte unser Umgehen bestimmen, spielt aber in der Welt der Macht nur selten eine Rolle oder ist Thukydides auch satanisch? Das macht doch eben die Politik so aufregend.

Thukydides ist so wenig satanisch wie Homer Kantianer. Was sollen solche willkürlichen Bezüge? Im Übrigen haben Sie auch nicht verstanden, dass die Goldene Regel kein Wunschdenken ist, sondern ein Naturgesetz, dass Sie auch in sich selbst nachvollziehen können. Es ist die einzige natürliche Moral, und deshalb auch der Kern sämtlicher Religionen! -und Sie erzählen hier wirklichen Quatsch, wenn sie sie aufs pure Wunschdenken herunterbrechen. In diesem Sinne wäre auch das Recht des Stärkeren Wunschdenken, auch wenn sich hier die Wünsche der Mächtigen sicher mehr erfüllen, als in Bezug auf die Goldene Regel die Wünsche der Ohnmächtigen.

Sie prolongieren aber den Augenblick und letztlich brauchen Deine Entwicklungen auch keine Gunst, denn die politische Logik, die Sie beschreiben, entfaltet gleichsam eine Zwangläufigkeit.

Das mit der Gunst stammt von Gadamer, nicht von mir. Natürlich ist der Augenblick keine Person, die eine Gunst verteilen könnte. Es geht um die besondere Gelegenheit.

Das ist wohl Ihrem "Optimismus" geschuldet, den ich null (0) teile.

Was Sie mir als Optimismus zuordnen, ist nur Ihre Interpretation meines Realismus, den sie offenbar gründlich als Optimismus missverstehen.

Heidegger ist nicht Heidelberg (Marburg und Freiburg), Husserl ist Freiburg. Zudem ist es Kierkegaard, der ein veritabler Hegelkritiker ist, der hiereinwirkt. Ich glaube, Sie haben da so ein paar gedankliche Trigger, die nur leider nichts mit der Philosophiegeschichte zu tun haben. Hegel als teleologischen Denker lehne ich ooch ab.

Ja, da kommt beim Oblomow doch noch der gründliche Deutsche durch! Aber ich habe mich da auch sehr skizzenhaft und somit mißverständlich ausgedrückt. Mit Heidelberger Philosophensammelsurium meinte ich Heidelberg als philosophische Grundschule und nicht den hübschen Ort am Neckar. Heidegger war durch und durch Jesuit und Heidelbergs Universität ist seit eh und je das jesuitische Geisteszentrum, das natürlich auch auf die anderen Universitäten Süddeutschlands und weit darüber hinaus vor allem nach Frankreich ausstrahlt. Heidelberg ist sowas wie eine Spinne im Universitätsnetz der Jesuiten. Es reicht nicht nur bis Marburg oder Freiburg. Nicht umsonst schickte Heidegger Hannah Arendt zum Studium bei Jaspers nach Heidelberg (ich zähle sie aber dennoch nicht zu den "Heidelbergern").

Jaspers widerum übernahm dann später in Basel. Der ganze französische Existenzialismus von Sartre über Derrida und Foucault bis zum Feminismus ist ohne die philosophisch-theologische Zentrale Heidelberg gar nicht zu denken. Von hier sind die Geistesrichtungen koordiniert ausgegangen, nahmen ihren Weg über Freiburg, Marburg, Tübingen, Basel usw. bis nach Paris. Als Frankfurter Schule und 68-Revolte kamen sie dann von dort über die Grünen Agenten (Cohn-Bendit ect.) in die BRD zurück. Das ist alles eine einzige jesuitische Soße. Die päpstliche Hauptzentrale ist allerdings nicht Heidelberg, sondern die Uni in München.

Der Augenblick ist genau das , was er sagt: ein Augen-Blick, der kaum da, schon wieder vorbei ist.

Ja, umgangsprachlich. Aber was ist er onthologisch? Eben kein Zeitintervall. Nicht erfaßbar durch die zeitliche Eingrenzung, die ein Wimpernschlag ja dennoch immer noch ist.

Es geht den "Kairologen" darum, den Voluntarismus anzugreifen und sich wohl mit sowas wie dem Nu auseinanderzusetzen.

Was "Kairologen" wie Gadamer betrifft, ja, aber mit dem NU als Zeitqualität. Nicht mit dem von Parmenides, Meister Eckhart oder Schopenhauer, der Quelle des Seins wie des Seienden, die weder Raum, noch Zeit, noch Kausalität unterworfen ist. Siehe auch Parmenides Grundaxiom: "Alles steht."

Kynisch ist der Moment, dass das Glück allein im Selbst liegt.

Eben nicht. Jedenfalls nicht bei Schopenhauer. Das Glück liegt nicht nur nicht allein im Selbst. Es liegt nirgends, es ist, bildlich gesprochen, immer unterwegs wie der Kairos. Es kann allerdings nur vom Selbst wirklich als Zustand erfaßt werden, der sich im Besitzen und im Gelten, also dem Äußerlichen, jedoch als Täuschung erweist oder, wenn Sie so wollen, als Parodie, wie beim Lottokönig.
Es geht aber nicht um die Personifizierung von Glück oder das Glück an sich, um es zu finden oder nach ihm zu haschen, was auch nur Metaphern und als solche Chimären sind, sondern um das, was Glück für den Einzelnen tatsächlich als Erfahrung bedeutet. Glück hat keine Eigenständigkeit. Es ist nur ein philosophisch negativer Begriff, denn positiv, also wirklich erfahren, kann man nur seine Abwesenheit, also das Unglück, die Sorge. Sie zu vermeiden, ist das eigentliche Glück. Damit beschäftigt sich Schopenhauer in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit. Und das kann tatsächlich nur das Individuum für sich selbst tun. Bedürfnislosigkeit ist kein Zweck, um Glück zu erzeugen, sondern das Leid durch Langeweile und Gier zu lindern. Was da bei wikipedia steht, von wegen, Kynismus sei ethischer Skeptizismus und Bedürfnislosigkeit, hat weder mit dem alten Diogenes noch mit Schopenhauer zu tun, sondern es unterschiebt ihnen die aristotelische Tugendvorstellung.

Aristoteles, den Sie so gerne haben, weiß es in seiner Nikomachischen Ethik umfassender zu bestimmen, das höchste Gut. Da kommen im siebten Buch, glaube ich, sogar Freunde vor.

Wo hätte ich je geschrieben, dass ich Aristoteles so gerne habe, den Hauptvertreter der Reinen Vernunft? War das jetzt Zynismus von Ihnen oder eine unredliche Unterstellung?

Das höchste Gut ist bei ihm die Glückseligkeit und die bezieht er aus der Anpassung des Individuums an die Umstände. Bei Hegel, Engels, Marx, die Aristoteles wirklich gern gehabt haben müssen, wird das dann zur "Einsicht in die Notwendigkeit", mit der jede Diktatur hausen geht, die den Menschen über die Gesellschaftsordnung das große Glück verheißt.

Und Schopi weiß es auch besser, wie er es in seinem Leben bewies, denn es ist durchaus gut, über ein Erbe zu verfügen und ein eitler Mensch war er auch und auch ohne den hegelianischen Begriff der Anerkennung in den Mittelpunkt zu rücken oder das Du, verkürzt Schopi stoisch oder radikaler kynisch, tonnenhaft.

Es ist schon komisch, dass ausgerechnet Sie, der Sie eben noch in einem Kommentar vom "moralischen Quatsch" reden, den Sie gar nicht mögen, nun Schopenhauer genauso moralisch quatschig behandeln. Natürlich menschelt es auch bei Schopenhauer. Was haben Sie erwartet? Einen Gott? Doch würden Sie genauer hinschauen, könnten Sie feststellen, dass er sein Vermögen eben zusammenhielt und nicht durchbrachte. Vererbt hat er dann sein ganzes Vermögen den Familien der Polizisten, die in den 48er Unruhen ums Leben kamen.

Sein Vermögen ermöglichte ihm, als freier Philosoph leben zu können und vom verhaßten Universitätsbetrieb nicht abhängig zu sein. Doch alles, was er sich leistete, war eine Wohnung und Bücher. Und woran machen Sie seine Eitelkeit fest?

Ja, Gracian zitieren, ist immer juut.
Hier müsste man dann zudem wieder über Machiavelli und virtu sprechen, denn fortuna, und das gilt auch für Ihre drei Helden, ist schnell weg. Ich glaube, das hat irgendwo Pascal gesagt, dass ein Hauch die Welt verändern kann, z.B. eine Erkältung, ein Fieber und schwuppdiwupp, die Geschichte läuft anders.

Das hat La Mettrie sogar in einem Tischgespräch mit Friedrich dem Großen noch richtig spaßig systematisiert.

Ich grüße Sie zurück
DL


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