Der unverfügbare Augenblick ist keiner

Diogenes Lampe, Samstag, 01.08.2020, 19:41 (vor 13 Tagen) @ Oblomow832 Views
bearbeitet von Diogenes Lampe, Samstag, 01.08.2020, 20:02

Du redest eigentlich ueber die Machiavelliklaviatur: Virtù, Fortuna, Ambizione, Necessità und Occasione. Es gibt da noch weitere Begriffe bei dem Mann aus Casciano.

Die "Machiavelliklaviatur" beruht bei Machiavelli auf einem pessimistischen Menschenbild, dass von der realen Welt ausgeht und nicht von der Scheinwelt einer aristotelischen Polis. Insofern ist es ein notwendiger Gegenpol zum optimistischen Humanismus eines Pico, der damals im Auftrag der Medici versuchte, die vorherrschende Theologie mit Aristoteles wie Platon in Einklang zu bringen und dabei das Konzept von der "Würde des Menschen" entwarf. Dennoch geht es mir mit Machiavelli wie mit Marx: Brillante Gesellschaftsanalyse aber seine autoritären Schlussfolgerungen sind satanisch. Er sieht immer nur den einen Pol in der Staatspolitik, das Recht des Stärkeren, um das sich seine Vernunft gruppiert. Den anderen Pol, die Goldene Regel, läßt er unbeachtet, wenn er Macht und Moral behandelt.

Kairos aber ist der unverfuegbare Augenblick, der sich z.B. in einem Gespraech einstellt. Er ist nicht forcierbar. Kaum da, schon weg. Hab' beim Ueberfliegen nur diesen Begriff gelesen. Freue mich, Deine Texte ganz zu lesen, wenn ich ausgeschlafen bin.
Es gibt von Gadamer auch bei Youtube das wunderbare Gespraech zum Kairos, das Du vermutlich kennst. https://www.youtube.com/watch?v=11jPRuX2YNk Ich glaube, Du missdeutest diesen heiligen Mythos im Rahmen Deiner Politologie. Gute Nacht.

Gadamer spricht aber erst einmal auch von der "Gunst des Augenblicks". Also ganz im Sinne meiner Interpretation. Ich denke eher, dass Gadamer den Kairos im Sinne seiner Philosophie zurecht biegt; von mir aus auch erweitert. Der "unverfügbare Augenblick" Husserls ist jedoch kein antikes philosophisches Konzept, sondern Teil der unerträglichen Geschwätzphilosophie des ganzen Heidelberger Philosophensammelsuriums und so eine typische pseudometaphysische Heideggerterminologie, die Tiefe vortäuscht und doch ganz flach theologisch gedacht ist. So, wie Heideggers "Lichtung". Die haben sich alle an Hegels Phänomenologie besoffen gelesen.

Wir leben doch immer nur im Augenblick! Er ist, im Gegensatz zur Vergangenheit und Zukunft das einzig wirklich Verfügbare und doch nicht greifbare. Es gibt also keinen "unverfügbaren Augenblick". Der Begriff "Augenblick" ist nur ein Hilfskonstrukt für unsere Vorstellung unseres Seins in Raum und Zeit im Hier und Jetzt, also unserem eigentlichen Sein im Dimensionslosen, oder, wie die Upanishaden sagen, der Maya.

Die Aphorismen zur Lebensweisheit von Schopi, die Du anführst, sind neben dem Handorakel Gracians (übersetzt von Schopenhauer) meine Lieblingsbücher. Ich finde, es geht aber um ein kluges in Verhältnissetzen der drei Ansätze, Glück durch phronesis zu erhaschen. Mir ist Schopi da zu sehr Kyniker.

Ich fürchte, Sie haben Schopenhauer da nicht wirklich verstanden. Er redet von Tatsachen und überläßt seinen Lesern, sie sich bewußt -und von ihnen vernünftigen Gebrauch zu machen, indem sie richtig gewichtet werden. Natürlich auch in Hinblick auf sein Hauptwerk, das seine Aphorismen ja von vornherein dahingehend relativiert, dass er von der Verneinung des Willens zum Leben ausgeht und es bei der Lebensweisheit immer nur darum gehen kann, sein Leben möglichst sorgenfrei zu verbringen, d.h. möglichst ohne all die verlockenden Plaisirs der Welt auszukommen. Was ist daran kynisch?

Glück ist gerade deshalb Glück, weil es eben weder vernünftig ist noch gerecht. Das, was einer hat und was einer vorstellt, führt aber genau zu der illusionären Vorstellung, sein Glück erzwingen zu können, ja erzwingen bzw. verdienen zu müssen bzw. durch vermeintlichen Verdienst im Namen der Gerechtigkeit darauf Anspruch erheben zu können. Deshalb hält ein solcher Mensch Reichtum und Ruhm für erstrebenswert, und die Macht, die beide absichert. Mit anderen Worten: Er muss sich sein Glück durch bestimmte äußere Maßstäbe bestätigen. Damit hofft er, ihm Dauer zu verleihen und mit ihm der eigenen Sicherheit. Doch nur, was man ist, also an sich selbst hat, wäre dazu in der Lage; also, wenn man so will, eigenes Herz und eigener Kopf.

Gracian bringt das schon in seinem 2. Spruch:

"Herz und Kopf: die beiden Pole der Sonne unserer Fähigkeiten: eines ohne das andere, halbes Glück. Verstand reicht nicht hin; Gemüht ist erforderlich. Ein Unglück der Thoren ist Verfehlung des Berufs im Stande, Amt, Lande, Umgang."

Das, was ich mir selbst bin, macht mich aber vom Glück haben müssen, frei. Denn ich erkenne in mir selbst die eigentliche Quelle des Glücks wie des Unglücks. Nicht in den äußeren Gaben liegt die Fülle, sondern in den inneren. Fortuna balanciert auf einer goldenen Kugel und zeigt damit an, dass beim Glück, das die Welt verheißt, letztlich alles auf die innere Balance ankommt, soll es nicht zum Unglück werden.
Herzlich zurück
DL


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