Schattenboxen mit aufgebauten Popanzen
Servus Tempranillo,
1. Findet Ihr es gut, wie Merkel im Geist der angloamerikanischen Marktliberalismus die Coronakrise händlt und Prinzipien folgt, die von Euch, Feinden der Sozn, Kommunisten und Freunden des privatisierenden Libertarianismus, hochgeschätzt werden?
Merkel hat mit libertärem Denken (Freiheitsrechte!) nichts am Hut. Sie ist im Sozialismus großgeworden und hält nichts von Meinungsvielfalt, Wettbewerb und freier Rede. Das beweist sie doch jeden Tag. Wieso sprichst Du sie, die die Meinungsfreiheit in Deutschland BEENDET hat, als Libertäre an?
... wie es seiner Meinung nach weitergehen soll:
2. Wie bisher, dem Kurs von Globalismus, Liberalismus und Marktradikalität, oder
3. Eine Rückkehr zu mehr Staatlichkeit, Souveränität und sozialer Sicherung anzustreben wäre?
Der "bisherige Kurs" ist eben nicht marktradikal und libertär, sondern in vielem das Gegenteil. Aber was wäre der Mensch ohne ein Korsett von Feindbildern. Ein nasser Sack ohne Rückgrat.
Jetzt in eine Diskussion über Liberalismus, Globalismus und wer für was steht einzutreten, das wäre ein Oberseminar über mehrere Semester. Dazu fehlt mir im Augenblick die Zeit.
2 Dinge aber kurz: der Nationalstaat ist für gemäßigte Libertäre eine gute Sache (wenn nicht ein notwendiges Übel), weil er zur Aufsicht über den Wettbewerb und zum Schutz der Schwachen nötig ist. Jeder Libertäre wird den Nationalstaat als das kleinere Übel gegenüber den Monsterbürokratien und Korruptionssümpfen der supranationalen Einheiten verteidigen. EU, UdSSR, UNO, NATO usw. das sind heute die wahren Leviathane.
Und siehe da, das sehen manche Konservative und viele Patrioten genauso.
Zu den angelsächsischen Bösewichten:
Zu behaupten, die USA in ihrem gegenwärtigen Zustand hätten irgendwas mit libertärem Denken zu tun, ist Irrsinn. Als das derzeit herrschende Imperium sind sie der größte Feind des libertären Denkens.
Und als Imperium sind die USA der Staat schlechthin: er geht über Leichen, unterdrückt die Wahrheit und unterdrückt die anderen Völker, soweit möglich.
Also das, was Staaten tun, wenn sie genügend Macht haben...
Trotzdem sollte man, bei aller verständlichen Wut über die Anmaßungen des Leviathan, einige Details beachten.
Die USA (und UK) stehen in einer freiheitlicheren Tradition als die in obrigkeitsstaatlichen Traditionen stehenden Kontinentaleuropäer.
Beispiel: in D wird ein Staatsanwalt von der Politik "beaufsichtigt". Das ist ein schlechter Witz, ein Überbleibsel aus dem Feudalismus, aber es scheint in Deutschland niemanden zu stören, weder Linke noch Rechte. Sie sind eben allesamt obrigkeitsstaatliche Duckmäuser.
In USA wird ein Staatsanwalt gewählt und ist unabhängig von der Politik.
Genauso das Richteramt. In D setzt man den politisch opportunen Richter auf den brisanten Fall an. Der "richtet" dann gemäß Staatsräson. Beispiele fallen dir sicher ein.
In USA gibt es ein Geschworenengericht, der Richter entscheidet nicht, sondern legt nur das Straßmaß fest, nachdem die Geschworenen aus dem Volk entschieden haben.
Ich kann an der deutschen Rechtsordnung nicht so viele erhaltenswerte Züge finden wie anscheinend du. Der Gegensatz: gute deutsche Ordnung - schlechter angelsächsischer Liberalismus, wie du nicht müde wirst, ihn zu beschreiben, ist eine merkwürdige Verteidigung der schlechten deutschen Zustände. Ich würde die Justiz und die demokratischen Prozesse in Deutschland vielmehr radikal verändern wollen, hin zu mehr Kontrolle durch den Wähler, mehr Entscheidungen auf unterer Ebene, und mehr Freiheitsrechten. Die Schweiz ist übrigens das beste Beispiel für ein Staatswesen, mit dem Libertäre sich anfreunden können.
Also vergleichen wir doch die Schweiz mit Deutschland!
Gruß
T