Marktradikalismus oder Lebensqualität

Tempranillo, Montag, 16.03.2020, 14:33 (vor 2158 Tagen) @ Tempranillo1074 Views

Neulich war ein Schreiner bei mir. Als er mit der Arbeit fertig gewesen ist, frage ich, wie viel ich ihm schuldig bin?

Er, kleinlaut und schüchtern: *Also, ich hab' ja was besorgen müssen, dafür bin ich nach XY gefahren und bekomme 20 Euro. Das andere wären 60.*

Ich: *Können Sie mir eine Rechnung schicken, oder lassen Sie mir Ihre Bankverbindung da, dann überweise ich sofort.*

Schreiner: *Ah na, das is' mir unangenehm.*

Ich, den Braten riechend: *Wissen's was, ich geb' Ihnen einen Hunderter, und das Wechselgeld werfen's mir dann in den Briefkasten.*

Er: *Sehr gut. Ich muß sowieso noch gegenüber etwas einkaufen.*

Eine halbe Stunde, nachdem er gegangen ist, lag der 20er in meinem Briefkasten.

Besonders marktwirtschaftlich ist das nicht gewesen, was ich gemacht habe. Ein echter Gefolgsmann Mises', Hayeks und Friedmans, von denen es hier nicht wenige gibt, hätte sich erstens den Beleg für den vom Schreiner besorgten Gegenstand zeigen lassen, gefragt welchen Stundensatz er nimmt, anschließend den Taschenrechner herausgeholt, ganz genau nachgerechnet und vielleicht überlegt, was er unter Hinweis auf das Finanzamt abziehen kann.

Das wird es bei mir so schnell nicht geben. Ich lege wert darauf, kein charakterloses Stück Sch... wie so viele amerikanisierte BRDlinge zu sein, die sich in erster Linie an Schwächeren abreagieren, weil sie zu feige sind, sich gegen Stärkere zu wenden.

Vielleicht habe ich ihm 20 Eurotzer zu viel gegeben? Aber der Schreiner war ein Mann, der um seine Existenz kämpft, und wenn ich ihn irgendwann wieder brauche, wird er von heute auf morgen einen Termin machen, weil er weiß, daß seine Arbeit geschätzt wird.

Man muß sich entscheiden, was einem lieber ist: Marktradikalismus oder Lebensqualität?

Beides zugleich geht nicht!

Tempranillo

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*Die Demokratie bildet die spanische Wand, hinter der sie ihre Ausbeutungsmethode verbergen, und in ihr finden sie das beste Verteidigungsmittel gegen eine etwaige Empörung des Volkes*, (Francis Delaisi).


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