Das ist erstens die Freiheit des Interpreten, ...

Weiner, Mittwoch, 23.03.2022, 10:09 (vor 1419 Tagen) @ Mephistopheles1757 Views

... und außerdem verweist der Interpret @Weiner auf den Kontext (Roman Prozess bzw. Kafkas Sichtweise), um seine eigene Interpretation abzusichern.

Das wiederum widerspricht dem "System". Ein System würde generalisieren.

Nicht nur bei Kafka sondern bei vielen Schriftstellern und Denkern seiner Generation kommt dem abendländischen Geist zu Bewußtsein, dass der Mensch seine Individualität, Humanität und Würde zu verlieren beginnt - dadurch auch seine Souveränität und Freiheit. Mehr und mehr bemächtigen sich übergeordnete Strukturen des Menschen, der für diese Strukturen zur reinen Sache, zu einem Objekt wird. Diese übergeordneten Strukturen können Staats-, Militär- und Wirtschaft'maschinerien' sein oder Diktatoren (siehe Filme Chaplins) oder Parteiorganisationen etc. etc. etc.

Kafka hat nun erkannt, dass solche Systeme dem Individuum individuelle Freiheit vorgauckeln können, obwohl sie letztlich doch totalitär sind. Genau das bringt der Text zum Ausdruck, jedoch auf abstrakte bzw. symbolische Weise, so dass das Bild auf verschiedene Lebensbereiche übertragen werden kann. Sehr wahrscheinlich hat Kafka keinen gesellschaftlichen Bezug intendiert sondern das EXISTENTIELL (als eine conditio humana) so gesehen.

Der Türhüter erscheint keineswegs arrogant, sondern pflichtgetreu zu sein.

Ob er pflichtgetreu ist, weiß ich nicht. Er könnte ja auch eine Maschine oder Attrappe sein. Ein seelenloser Beamter/Politiker, der nur eine Show abzieht. Dass er arrogant ist, deutet Kafka aber ganz konkret an, also bitte nicht falsch interpretieren, denn das kann man auch machen ...!):

ZITAT: Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. ZITAT ENDE

Es liegt also an dem Manne, dass ihm momentan der Eingang in das Gesetz verwehrt wird. Er müsste also irgend etwas an sich ändern.

Damit beginnt alles. Wir haben nur uns selbst. Und solange wir nicht mit uns selbst zurechtkommen, sollten wir ja nicht von Anderen erwarten und hoffen, dass sie tun, was wir von ihnen wünschen.

Freut mich, dass die Erzählung von Kafka Dir gefallen hat.

Gruß Mephistopheles

Gruss, Weiner


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