Da gibts es sicher unterschiedliche Sichtweisen dazu

helmut-1, Siebenbürgen, Donnerstag, 23.06.2022, 07:00 (vor 13 Tagen) @ Garderegiment1232 Views

Natürlich braucht der Mensch, selbst dann, wenn er eigentlich nicht mehr aktiv im Berufsleben stehen müsste, eine angepasste und vor allem "erfüllende" Beschäftigung. Der Spruch, was rastet, das rostet, das ist auch auf den menschl. Organismus umlegbar.

Dazu wäre es nicht mit meinem Naturell vereinbar, wenn ich einfach in den Tag hineinleben würde, ohne irgendwas Vernünftiges zu vollbringen. Nach ein paar Jahren wäre ich dann reif für die Kiste.

Das mit den Beschäftigten, - das habe ich abgeschminkt, Gott sei Dank. Diejenigen, die ein Interesse am Betrieb haben, die sind entweder in Rente, ausgestorben oder ausgewandert. Die letzt verbliebenen Relikte sind absolute Ausnahmen. Mein Jüngster gehört dazu, aber das hängt damit zusammen, weil er in einem Selbstständigen-Betrieb aufgewachsen ist, gelernt und gearbeitet hat. Wie sich der oft mit den Leuten in dem Betrieb in Deutschland, die er beaufsichtigen muss und für die er verantwortlich ist, rumärgert, - er erzählt mir da so einiges.

Ich erinnere mich an die 70er und 80er Jahre in Deutschland. Da hatte ich eine Spanierkolonne, woher mein mir selbst beigebrachtes Spanisch kommt. Eine Familie, die Männer haben auf der Baustelle gearbeitet, die Frau hat bei uns zuhause sauber gemacht. Das war kein Arbeitgeber-Arbeitnehmer- Verhältnis, wir waren eine große Familie. Die haben mir auf der Baustelle noch Feuer unterm A. gemacht, damit es schneller geht, - wenn ich gewisse Dinge vorgeben musste. Die hatten ein Prinzip verstanden: Wir sind hier in einem fremden Land, und wollen in kurzer Zeit viel Geld verdienen, damit unser Häuschen in Spanien finanziert (= bar bezahlt) werden kann. Also müssen wir dafür sorgen, dass der Betrieb viel Geld verdient, damit dieser Betrieb uns auch viel Geld bezahlen kann.

Das hat bestens funktioniert, - damals hatte ich mir fast alle Maschinen und Geräte neu angeschafft, und die Leute haben wirklich gut verdient. Als die Gardinen zuhause am Häuschen in Spanien dran waren, sind sie wieder zurückgegangen. Es war das einzige Mal in meinem Leben, als ich Tränen in den Augen hatte, als bei mir jemand gekündigt hat.

Ich habe, als ich noch mehrere Leute beschäftigt hatte, eine "Colombo-Eigenschaft". Ich hatte die Arbeit auf der Baustelle angegeben, und dann bin ich weggegangen, - die Leute wussten ja, was zu tun ist. Dann bin ich aber nach ein paar Minuten zurückgegangen, habe mir auf den Kopf gegriffen und gesagt, - wie man nur so vergesslich sein kann, - ich habe vergessen dies oder das von der Bauetelle mitzunehmen. Dann habe ich gesehen, was Sache ist, wenn der "Alte" nicht da ist. Heute dominiert das Streicheltelefon den Arbeitsrhythmus.

Als ich das immer wieder festgestellt habe, und ich den Eindruck bekam, dass die meisten der Meinung waren, ein Betrieb wäre eine Einrichtung, die über ein riesiges Fass mit Geld verfügt, wo man nur reingreifen muss, und das niemals leer wird, und dazu keiner kapiert hat, dass es eine Abhängigkeit gibt, der Betrieb auf den Beschäftigten und der Beschäftigte auf den Betrieb, - da habe ich die Konsequenzen gezogen. Ich habe heute keine Festangestellten mehr, und schlafe viel ruhiger. Brauche mir keine Gedanken machen, wie ich am Monatsende die Löhne zusammenkriege, wie ich KK und FA bezahle, usw.

Mache mir meine Arbeiten selbst, und bin zufrieden. Wenn ich Leute brauche, dann suche ich sie mir aushilfsmäßig, und ich bekomme sie jederzeit, weil ich gut bezahle. Lieber lassen sie dann was anderes liegen. Ist irgendwas, worum ich nicht herumkomme, und muss das ausführen, mit der Gefahr, dass da jemand Ungebetener auf die Baustelle kommen kann, dann werden sie vorübergehend angemeldet, für ein paar Stunden am Tag.

Aber die Situation, wie ich sie so oft erlebt habe, - man steht in der Früh da, geht mit dem Finger die Knöpfe am Hemd von oben nach unten durch und sagt dann dazu - kommt er, oder kommt er nicht, kommt er, oder.....Den Stress habe ich weg, - weil man dazu noch vor dem Kunden blöd dasteht.

Wenn ich nun Projekte leite, die Pläne und die Ausschreibung selbst mache und das an Firmen vergebe, dan habe ich ein anderes Problem: Man findet kaum mehr Firmen, die sich an ein komplizierteres Projekt drantrauen, weil es kaum mehr Facharbeiter gibt. Dazu gehts um die Termine. Dieses Problem habe ich nun "weitergeleitet". Die Firmen haben Angst, eine fixe Terminzusage zu machen, - weil sie nie wissen können, ob sie in einer Woche noch den selben Personalstand haben wie heute. Arbeisvertrag? Reinste Makulatur. Wenn der Beschäftigte ein interessantes Angebot aus dem Ausland bekommt, ist er am nächsten Tag weg und ich kann mir den Arbeitsvertrag mit der Kündigungsfrist irgendwo hinschieben, wo ich will.

Ich hab das so ausführlich erklärt, damit du verstehen kannst, warum ich den Kopf über Deinen Enthusiasmus mit den Beschäftigten schüttle. Irgendwann wird man Dir den caritativen Lorbeerkranz verleihen, ein Dankschreiben von der KK und vom FA, dass Du die Abgaben immer so pünktlich bezahlt hast, usw..

Ich kenne mehrere, die auch Leute gehabt haben. Gerade aus dem handwerklichen Bereich und vom Bau. Da gibts viele, die sagen, ich bin heute kein Arbeitgeber mehr, ich bin Arbeitnehmer. Ich arbeite ohne Leute. Ich nehme die Arbeit für mich, und ich gebe sie nicht mehr. Dazu kommt natürlich die Erkenntnis, dass man - prozentual gesehen - umso mehr an Reingewinn einstreichen kann, umso weniger Beschäftigte man hat, - ein alter Hut.

Trotzdem: Halt Dich tapfer!

Noch was zum Abschluss: Gestern wollte ichs wieder mal wissen. Hatte einen Hiwi, der mir die Äste wegzieht, und habe den ganzen Tag mit dr Motorsäge gearbeitet. Mittags eine Stunde Pause, sonst durch. Der Heini hat sich gewundert, wie das geht, mit 70 noch den ganzen Tag - ohne Pause- mit der Motorsäge zu ackern, - und ich hab zu meiner Befriedigung festgestellt, dass es eben noch geht. Dass ich am Abend dann Kreuzweh hatte und sich die Muskelkrämpfe in der Nacht eingestellt haben, braucht ja niemand zu wissen...... Aber gegen das Kreuzweh gibts eine Frau, die mit Franzbranntwein dann einreibt, und gegen die Muskelkrämpfe gibts Magnesium.


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