Frage: Wie wird denn die Rationierung der Gasversorgung in der Praxis durchgeführt?

Plancius, Mittwoch, 30.03.2022, 20:49 (vor 1411 Tagen) @ Manuel H.4840 Views

Als ich vor ein paar Jahren in Südafrika war, habe ich in privaten Gästehäusern übernachtet. Bei jeder Ankunft wurde mir der Plan des Energieversorgers ESKOM ausgehändigt, in welchen Zeiträumen kein Strom verfügbar ist.

Weil nach Ende der Apartheid die Energieversorgung heruntergewirtschaftet wurde und nur noch unzureichend investiert und gewartet wurde, gibt es seit ein paar Jahren permanente Flächenabschaltungen. Die Flächenabschaltungen werden in der lokalen Presse veröffentlicht und die Leute haben gelernt, damit zu leben. Ein Wasservorrat wird gehalten, neben den Toiletten stehen Wassereimer zum Spülen, Wasch- und Spülmaschine können nur zu bestimmten Zeiten angestellt werden, empfindliche elektronische Geräte oder Server werden mit programmierbaren Zeitschaltuhren o.ä. kontrolliert vor der Flächenabschaltung heruntergefahren. Die elektrischen Zäune um die Häuser werden mit leistungsstarken Batterien ähnlich einem Weidezaun unter Spannung gehalten.

Ich konnte sehen, wie man sich auf die Rationierung von Strom einstellen kann. Durch die Flächenabschaltung ist jeder davon betroffen, sowohl Haushalte, Betriebe als auch öffentliche Einrichtungen. Da gab es keine separaten Leitungen zu systemrelevanten Einrichtungen. Wer meint, er braucht unbedingt Strom während der Netztrennung, muss selbst mit einem Stromaggregat den Zeitraum von der Netztrennung überbrücken. Das haben nun denn Haushalte, öffentliche Einrichtungen und Betriebe auch getan, insofern sie es sich leisten konnten.

Wie aber kann man bei einer Gasrationierung bestimmte Gruppen versorgen und andere nicht? Wie funktioniert das in der Praxis?

Ich stelle mir vor, dass vor meiner Stadt die Gasleitung ankommt und dann in die Straßen verzweigt. Selbstverständlich kann jeder Straßenzug und auch so gut wie jeder Hausanschluss separat vom Gasnetz getrennt werden. Wenn es aber heißt, dass in einem bestimmten Zeitintervall eine Region von der Gasversorgung ausgeschlossen wird, dann kommt doch keiner und dreht die zig Schieber in den Straßen zu und lässt einen systemrelevanten Betrieb, wie z.B. eine Molkerei, die Polizeistation und das Krankenhaus noch am Gasnetz dran.

In Südafrika hätte man ja auch nur die Mehrzahl der Wohnstraßen vom Stromnetz trennen können, pro Straße gibt es ja einen Strom-, Sicherungskasten, und hätte das Krankenhaus am Netz lassen können. Das ginge aber organisatorisch gar nicht, so dass für eine ganze Stadt entweder Strom da war oder nicht. Das Krankenhaus war eben mit einer eigenen Notstromversorgung ausgerüstet und konnte im Inselbetrieb fahren.

Also wie man das organisatorisch hinbekommen will, dass bei Gasknappheit in einer Stadt bestimmte Verbraucher versorgt werden und andere nicht, das wurde noch nirgendwo dokumentiert.
Auch das Absenken der Innentemperatur auf z.B. 18°C in Haushalten kann ja auch niemand kontrollieren. Wenn Gas da ist, kann doch jeder heizen soviel wie er will bzw. seine Geldbörse hergibt. Wenn in Südafrika Strom da ist, kann auch jeder soviel verbrauchen wie das Netz hergibt.

Das von mir geschilderte Problem soll mir mal jemand erklären.

Auch eine mittelfristige Umstellung auf Kohleheizung ist problematisch. Viele Haushalte sind von den baulichen Voraussetzungen gar nicht auf Festbrennstoffe vorbereitet. Die ganzen Betriebe in den Gewerbegebieten müssten auch komplett umbauen. Von der gigantischen Luftverschmutzung ganz zu schweigen.

Wie ich schon vor kurzem erwähnte, preiswertes russisches Erdgas ist eine wesentliche Quelle unseres heutigen Wohlstands. Gerade als Ossi kann ich sagen, nichts hat mehr Lebensqualität nach der Wende gebracht als die Substitution der schmutzigen Braunkohle durch sauberes, russisches Erdgas.

Gruß Plancius

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"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad an Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand." ARTHUR SCHOPENHAUER


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