Ich muss/möchte mich korrigieren ...

Beo2, NRW Witten, Samstag, 20.11.2021, 11:41 (vor 1525 Tagen) @ Beo21793 Views

Meine Äußerungen im Vorposting treffen nur dann zu, wenn der Begriff "deflationäre Wirkung" durch den Begriff "wachstumsmindernde Wirkung" (auf das Real-BIP) ersetzt wird. Das ist nämlich nicht dasselbe.
Eine Wachstumsminderung kann auch durch steigende Inflation eintreten. Ich spreche in solchem Zusammenhang, und das nicht erst seit gestern, von "schlechter oder böser Inflation" (oder von Stagflation), d.h. "böse" aus makro-/wirtschaftspolitischer Sicht. Die Begründung:

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan glaubt an eine Wirtschaftstheorie, die nur wenige andere unterstützen. Er hat immer wieder argumentiert, dass die hohen Zinssätze der Zentralbank die Inflation verursachen.,

Hier muss ich mich korrigieren und dem Erdogan sogar Recht geben. Steigende Zinssätze verursachen tendenziell! eine "schlechte/böse Inflation" und wirken sich deshalb wachstumshemmend bzw. wachstumsmindernd. Andere Ursachen für "schlechte/böse Inflation" sind z.B. auch: knapper werdender Rohstoff, Monopolbildung, Preisabsprachen, Zerstörung von Produktionsstätten oder Lieferketten durch Sabotage oder Naturgewalt u.ä..

Der Erdogan hat Recht, aber nur wenn auf die "allgemeine Preissteigerung" fokussiert (was aber keinen Sinn hat). Weil:

_ 1) steigende Zinssätze sind steigender Kostenfaktor für die kreditnehmenden Unternehmen. Und diese steigenden Kapitalkosten müssen eingepreist werden. Ergo: Es gibt steigende Preise für die Endprodukte .. und aber: Dies geschieht bei gleichbleibenden! Löhnen. Steigende Preise bei gleichbleibenden Löhnen müssen sich negativ! auf das reale BIP-Wachstum auswirken (= schlechte/böse Inflation) .. zumindest bei den Gütern des täglichen Lebens sowie bei Gütern im unteren Preissegment.
_ 2) steigende Zinssätze führen zu mehr! Insolvenzen bei den Unternehmen, da nicht alle eine Steigerung ihrer Produktpreise (siehe Punkt 1) auf dem Markt durchsetzen können. Folglich sinkt auch die Kreditnachfrage .. und dies hat (alles in allem) ebenfalls eine wachstumsmindernde Wirkung auf das Real-BIP.

Soviel also zu "schlechter/böser Inflation". Eine positive, d.h. wachstumsfördernde Inflation kann nur! und allein! durch eine ganz bestimmte Wirtschaftspolitik erzeugt werden, und zwar durch: Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns, steigende Sozialleistungen (an Bedürftige), steigende gesetzliche Altersrenten, Subventionen von Löhnen, steigende Pflichtzuschläge auf Überstunden u.a.m. - das heißt, durch knallharte Herbeiführung von sehr spürbarem Einkommenszuwachs bei den unteren 2/3 oder 3/4 der Bevölkerung. Es gibt kein anderes Rezept für die Erzeugung einer Lohn-Preis-Spirale, die allein ein reales Wachstum herbei führen kann. Es geht also nicht ohne eine Umverteilung von Einkommen.

Die gängigere Theorie besagt, dass die Inflation unter anderem dadurch verursacht wird, dass zu viel Geld für zu wenig Waren ausgegeben wird.

Diese Theorie habe ich in meinem Vorposting m.M.n. richtigerweise verworfen ...
Wie ich schon sagte: Es kommt nämlich darauf an, ob! das "zu viele Geld" tatsächlich reale Güter des täglichen Bedarfs nachfragt. Dies ist in der EU bzw. der BRD offensichtlich nicht ganz der Fall, weshalb die EZB ja Jahrzehnte lang große Mühe hatte, die Inflation (bei bestimmten Warenkörben) auf 2% anzuheben.
Bei Waren im höchsten Preissegment und bei Luxusgütern sieht es aber durchweg anders aus .. hier gab es wohl reichlich Inflation. Es hat m.M.n. keinerlei wirtschaftspolitischen Sinn, von "allgemeiner"! Preisentwicklung (unabhängig von bestimmten Warenkörben) zu schwafeln .. es verleitet nur zu falschen Schlüssen und Maßnahmen. Eine ganz spezielle Kategorie von Gütern sind z.B. auch die Wohnungs-/Hausmieten, die Energiepreise und die Baukosten.

Die türkische Zentralbank hat die Zinsen nun wieder gesenkt, was zu einem Zerfall der türkischen Lira führte.

Abgesehen davon, was ich hierzu in meinem Vorposting bereits und wohl richtigerweise sagte, gibt es m.M.n. noch folgendes zu beachten:

_ 1) sinkende Zinssätze senken die Kapitalkosten der kreditnehmenden Unternehmen und "führen" deshalb tendenziell zu sinkenden Preisen bei den Endprodukten. Dies geschieht bei gleichbleibenden Löhnen, was wiederum die Kaufkraft der Löhne erhöht. Dies führt tendenziell zu einem Wirtschaftswachstum .. trotz sinkender "allgemeiner Preise".
Aber auch hier muss unbedingt zwischen verschiedenen Warenkörben und Preissegmenten unterschieden werden.
_ 2) sinkende Zinssätze führen zu sinkender Anzahl von Insolvenzen, da auch unrentable Unternehmen durch die gesenkten Kapitalkosten plötzlich wieder rentabel sind, wenn sie ihre bisherigen Produktpreise aufrecht erhalten können (siehe angebliche "Zombie-Unternehmen"). Dies ist ebenfalls tendenziell wachstumsfördernd.

Ein anderes Thema m.M.n. der Fall der türkischen Lira. Zu dem von mir im Vorposting bereits Gesagte (nämlich zum Thema Außenhandelsdefizit) käme also noch hinzu: das Abwürgen des Wirtschaftswachstums durch zu hohe Zinssätze, wie oben von mir dargestellt. Das Absenken dieser Zinssätze könnte durchaus, muss aber nicht unbedingt!, zur Erholung der Wirtschaft sowie zur Senkung der "allgemeinen Preise" (bei gleichbleibenden Löhnen) beitragen .. wennauch mit unerwünschten Nebenwirkungen (wie Akkumulation von Geldvermögen in wenigen Händen).

Insofern könnte der Erdogan Recht haben.
Mit Gruß, Beo2


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