Nein, das hat er nicht, weil ...

Beo2, NRW Witten, Freitag, 19.11.2021, 18:08 (vor 1524 Tagen) @ stokk2198 Views
bearbeitet von Beo2, Freitag, 19.11.2021, 18:29

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan glaubt an eine Wirtschaftstheorie, die nur wenige andere unterstützen. Er hat immer wieder argumentiert, dass die hohen Zinssätze der Zentralbank die Inflation verursachen.,

Das ist kompletter Unsinn, weil: Wenn hohe Zinssätze der ZB überhaupt einen Einfluss auf die Güterpreise in der Realwirtschaft haben, dann kann es nur ein deflationärer Einfluss sein .. wegen tendenzieller Geldverknappung. Das ist doch klar. Daraus folgt jedoch nicht der Umkehrschluss: dass Senkung dieser Zinssätze zu einer Inflation bei den Gürtern des täglichen Bedarfs führen MUSS. Das haben wir gleich ...

Die gängigere Theorie besagt, dass die Inflation unter anderem dadurch verursacht wird, dass zu viel Geld für zu wenig Waren ausgegeben wird.

Auch diese Theorie ist Unsinn, weil: Es kommt nämlich darauf an, ob! das "zu viele Geld" tatsächlich reale Güter nachfragt ...
Dies ist in der EU bzw. der BRD offensichtlich nicht ganz der Fall, weshalb die EZB ja Jahrzehnte lang große Mühe hatte, die Inflation (bei realen Warenkörben) auf 2% anzuheben .. und das, obwohl sie waggonweise Geld in das "System" kippte. Es wollte nicht "gelingen" .. und das ist auch (mir seit Jahrzehnten) völlig klar, denn die EZB hat keinerlei Berührung mit der (produktiven) Realwirtschaft - hat also gar nichts insb. mit der Entwicklung der Löhne und Einkommen, mit etwaigen Lieferengpässen, Preisabsprachen usw. etc. zu tun. Sie ist davon völlig abgetrennt und kann lediglich Geld in die Banken kippen und mit E. auch hin zum Staat (via die Staatsanleihen). Letzteres kann noch eine leidliche Inflation bewirken (via Subventionen, Sozialleistungen, Altersrenten u.ä.), jedoch nur auf Kosten ausufernder Staatsverschuldung und anderer schädlicher Nebenwirkungen.

Das bedeutet, dass das viele Geld, das die EZB ins "System" gekippt hat und immer noch kippt, nach 2-3 Hopsern auf den realen Gütermärkten schnurtracks in die Spekulationsblasen geströmt ist .. und dort ja für die Hyperinflation bei den diversen Assets wie Aktien, Rohstoffen etc. verursacht hat. Dies geschieht hauptsächlich via die hohen Einkommen der Besserverdienenden .. d.h. via die extrem schiefe Einkommensverteilung in der Bevölkerung.
Nein, die EZB kann lediglich 1) entweder eine Deflation durch Geldknappheit oder 2) nur eine Hyperinflation an den Zockerbörsen erzeugen .. so z.B. beim Gold, dem Bitcoin, Aktien, Immobilien etc.. Sonst nichts .. und das ist schlimm genug.

Die türkische Zentralbank hat die Zinsen nun wieder gesenkt, was zu einem Zerfall der türkischen Lira führte.

Erstens, der Zerfall der Lira ist kurzfristig nichts anderes als Psychokram an den Währungsbörsen und die Folge von Börsenspekulation (Foreign Exchange).
Und zweitens, mittelfristig dürfte hier ein Devisenmangel bei der türkischen ZB eine Rolle spielen .. etwa wegen einem Handelsbilanzdefizit der Türkei. Sie muss dann die Devisenpreise im Inland erhöhen und verstärkt Devisen bei den Inländern einkaufen. Hier haben wir es ja:
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/15633/umfrage/handelsbilanz-der-tuerkei/
Also, so lange die Türkei einen großen oder zunehmenden Handelsbilanzdefizit aufweist, muss m.M.n. die Lira fallen. Und umgekehrt, z.B. die damalige DEM wurde härter, weil DE Exportweltmeister war und sich vor Zustrom von Devisen (wie $US) kaum retten konnte.

Ansonsten, es muss unterschieden werden zwischen einer "guten", d.h. einer wachstumsfördernden Inflation (wie neulich in den USA), und einer "bösen Inflation", die eher zu einem BIP-Rückgang führt. Aber das ist ein anderes Thema.

Mit Gruß, Beo2


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