zur Anatomie der Gehirns und der Psyche von Schlafschafen

Weiner, Montag, 22.02.2021, 11:25 (vor 9 Tagen) @ Falkenauge1341 Views

Allmählich, Falkenauge, gelangst Du zum zentralen Punkt, den ich (mit zusätzlicher Markierung von mir) hier aus Deinem Artikel zitiere:

"Die tiefste Ursache scheint mir darin zu liegen, dass die meisten Menschen innerlich passiv im Strom des Lebens mitschwimmen und ihr Ich als innere aktive Instanz ihres Denkens und Wollens nicht ergreifen. Sie überlassen sich dem, was man ihr Alltags-Ich nennen könnte, ihrem Ego, das sich möglichst bequem und seine persönlichen Vorteile suchend im Leben einrichtet. Sie ahnen zwar und spüren in ihrem Gewissen, dass es noch einen höheren Menschen, ein höheres Ich in ihnen gibt, das ihr Ego in seinen Trieben, Begierden und seinem Handeln aus höheren Gesichtspunkten beurteilt. Und sie sehnen sich in lichten Momenten der Nachdenklichkeit auch danach, sich diesem idealen Menschen in sich anzunähern, ihn zum Herrscher in ihrer Seele zu machen. Aber das ist mühsam, bedarf ständiger Anstrengung und unterbleibt daher in der Regel."

Das mit dem "höheren Menschen" oder mit dem "idealen Menschen" ist unwichtig und Nebensache, desgleichen sind es die Hinderungsgründe, die Du in Deinem Artikel aufzählst (Schulsystem, Wissenschaftsgläubigkeit etc.). Denn all diese Dinge, und tausend andere, ließen sich von einer Sekunde zur anderen beseitigen, wenn man eben nicht "bequem" wäre. Das Schaf konzentriert sich auf das Gras, und lässt alles andere den Hirten machen.

Wenn der Hirte nicht mehr da ist, müsste es zum Wildschaf wieder werden - was nur wenige schaffen. Und das geht in gar keinem Fall als einzelnes Schaf (wenn die Art erhalten bleiben soll) sondern nur in der Gruppe.

Ich glaube, es war @trosinette, der Vergleiche in die Zoologie und Biologie sowie Vergleiche in die Ethnologie (die ich hier gelegentlich angestellt habe) als "Kindergarten" bezeichnet hat. Das ist es natürlich überhaupt nicht. Ich empfehle hier dringend zur Lektüre ein Büchlein von

Hermann Amborn: Recht als Hort der Anarchie - Gesellschaften ohne Herrschaft und Staat.

In diesem kleinen, aber bedeutsamen Werk wird dargestellt - u.z. eingebettet in ethnologische Analysen von ostafrikanischen Volksstämmen -, dass es ganz andere Rechtssysteme gibt (als das unsere) und wie diese Rechtssysteme genutzt werden, um Machtasymmetrien zu vermeiden, d.h. "Macht und Herrschaft" erst gar nicht aufkommen zu lassen (Amborn nennt sie polykephale, d.h. vielhäuptige Gesellschaften, in Abgrenzung vom gebräuchlichen Terminus 'egalitärer', d.h. gleichförmiger Sozialstrukturen).

Teilweise haben es solche polykephalen menschlichen Stammesgesellschaften sogar geschafft, sich den modernen Machthabern (Kolonialmächte, neue afrikanische Staaten) zu entziehen. Das Buch von Amborn empfehle ich auch all jenen, die von "Führern" träumen, welche angeblich 'natürliche Gruppen' konstituieren würden, die uns dann einem idealen Sozialzustand wieder näherbringen würden. Denn es sind gerade die "Führer", von denen wir uns verführen lassen und ließen - und die uns dann die ganze Herrschaftsscheixxx eingebrockt haben. Für die heutige Zeit hat das treffend beschrieben Robert Michels in der Soziologie des Parteiwesens, 1910). Seither redet man von seinem "Gesetz der Oligarchie", das aber, wie Amborn klar zeigt, gar kein Natur-GESETZ ist.

Wer noch tiefer eindringen will in den geschichtlichen Prozess, der zur Entstehung der gegenwärtigen Verhältnisse geführt hat, dem kann ich drei weitere Bücher empfehlen, die aber schwergewichtig sind. Dieselben Phänomene (Gesellschaften und Wirtschaftssysteme ohne Staat und Herrschaft) werden hier für die Zeit von 8000 bis 4000 Jahren vor heute beschrieben - also für jene Jahrtausende, in denen die Würfel zugunsten der Herrschaftssysteme gefallen sind. Es ist dies jene Zeit, in denen Menschengemeinschaften in die Lage kamen, Überschüsse zu produzieren (surplus) und sich dann fragen konnten, wie dieser Überschuss verteilt werden solle. Dafür gab es dann verschiedene Strategien, und nur eine davon hat in den den Staat geführt, wo der Überschuss von einer (relativ) kleinen Elite vereinnahmt wird. Es war dies der Weg in die Herrschaft über andere Menschen durch verschiedene Arten von Gewaltanwendung, sei es physisch, psychisch oder durch andere physikalische oder soziale Techniken (von denen eine auch das Geldsystem ist).

Deine Analyse, Falkenauge, zur 'Ursache' ist also insofern unvollkommen, als Du diese historische Dimension ausblendest, vor allem aber ist sie unvollkommen, weil Du Dich auf das Individuum und auf das ICH konzentrierst. Tatsächlich ist es so, dass irgendwelche Änderungen wie auch die oben erwähnten Weichenstellungen vor Jahrtausenden immer zwingend geknüpft sind an die Fähigkeit zur gemeinschaftlichen Handlung: selbst wenn ich das aktivste und intelligenste und stärkste Individuum wäre, könnte ich nichts ausrichten, weil es nicht um das Individuum geht sondern um die Gemeinschaft (biologisch die Art). Außer der von Dir erwähnten "Passivität" mangelt es vor allem also an "sozialen Fähigkeiten": Gruppen konstituieren und in der Gruppe, mit der Gruppe, für die Gruppe zu handeln zu können. Diese Fähigkeiten sind meines Erachtens viel entscheidender als die "individuelle Passivität". Und nochmals: jene Gruppen, die aus Jungmännern bestehen, die sich um einen Anführer scharen, sind nicht diejenigen, die zur Freiheit und zur Souveränität des Individuums führen - vielmehr steht an deren (geschichtlichem) Ende die Schafherde.

Hier nun die drei oben erwähnten Bücher (es handelt sich um Kongress-Bände; viele der einzelnen Beiträge sind im Internet auch als pdf zu finden, etwa über 'researchgate' und andere Wissenschaftsforen).

Arm und Reich - Zur Ressourchenverteilung in prähistorischen Gesellschaften,
hrsg. von Harald Meller et al. (zwei Bände, 2015 und 2016).

Überschuss ohne Staat - Politische Formen der Vorgeschichte, gleicher Herausgeber (2017)

Ich sehe gerade, dass in einem parallelen Beitrag von @Odysseus auf eine Doku über die Kalbelias verwiesen wird, die ich ebenfalls empfehlen kann. Immer wieder hat es Volksgruppen in der Menschheitsgeschichte gegeben, die sich dem Herrschaftsstaat entziehen und ihre eigene Tradition bewahren konnten (oft nur unter großen Opfern oder anderen harten Anstrengungen). Eine dieser Gruppen, vermutlich die intelligenteste, sind die Juden, die nun dabei sind, den Spieß umzudrehen ...

Letzterer Gruppe kommt entgegen, dass in den vergangenen 8000 Jahren (zeitlich gesehen) sowie in den Hochkulturbereichen (geographisch gesehen) eine genetische Drift in den Population stattgefunden hat, die solche Verhaltensweisen selektiert hat, die zur Unterordnung neigen. Es hat durch den (mehrfachen) Hochkulturprozess eine Art Anzucht stattgefunden, bei der einerseits die (m.E. soziopathischen) Führer wie auch die menschlichen Schlafschafe selektiert wurden. Diese Drift ist aber nicht wesentlich und könnte jederzeit geändert oder wieder in eine andere Richtung verschoben werden.

MfG, Weiner


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