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Hallo Paranoia,
Ich verstehe den Unterton deiner Frage wohl
Also eins nach dem anderen:
Auf welchem Markt treffen Kleinanleger mit großen Marketmakern zusammen?
Inzwischen auf praktisch jedem Markt, auf dem Silber-Derivate gehandelt werden. Denn selbst wenn der jeweilige Markt nicht selbst Futures oder Optionen handelt, so sind doch beide über Arbitrage eng aneinander gekoppelt. Auch ein Derivate-Markt kann sich heutzutage nicht mehr von z.B. der Comex abkoppeln, da durch die Segnungen des Internet Arbitrage-Möglichkeiten zwischen jedem beliebigen Markt sofort durch jemanden technisch ausgenutzt werden können.
Das heißt, auch wenn ein Kleinanleger z.B. nur in einem CFD-Markt aktiv ist, sollte sich dieser OTC-Markt abkoppeln (sprich: entfernen), dann gibt es sofort Marktteilnehmmer, die groß genug sind, um von Arbitrage zwischen CFD und Futures-Markt zu profitieren. Das ist durch Internet und entsprechende Softwarelösungen sogar relativ einfach und auch für Nicht-Instutionelle machbar. Anders ausgedrückt: auch wenn es viele unterschiedliche Märkte mit vielen unterschiedlichen Teilnehmerprofilen gibt, so sind dieses Märkte jedoch alles andere als unabhängig voneinander. Der Futures-Markt schlägt immer durch und was dort passiert, kommt auch bei allen anderen an.
Inzwischen kannst du Silber sogar über die Blockchain handeln, schau dir mal Bybit Alpha an. Was meinst du, was da los ist und welches die typische Zielgruppe solcher Services ist. Aber alles über Arbitrage an den echten Markt gekoppelt. Von wegen "Silber-Futures sind - gerade auch bei dem aktuellen Silberpreis - kein Produkt für Kleinanleger". Erinnerst du dich noch an Baader Wertpapierhandel zu Neuer Markt-Zeiten? Eine einzige Aktie über 15.000 DM. Sollte "bei den aktuellen Preisen" kein Produkt für Kleinanleger sein?
Nächste Frage: Warum sprichst Du über Margins?
Weil niedrige Margin-Rates ein wesentlicher Hintergrund solcher Extremkursbewegungen sind, und weil darüber - wie wir gerade gesehen haben - extremen Ungleichgewichten am typischsten entgegen gesteuert wird. Warum ist das so?
Ein Produzent, der Silber für's Tagesgeschäft braucht, sichert sich durch Futures-Positionen (z.B. an der Comex) gegen zukünftige Preisschwankungen für die von ihm benötigten Rohstoffe ab. Das ist die Grundfunktion einer Futures-Börse. Alles andere, was wir über die Medien sehen, ist zu 95% Spekulation. D.h. wir haben einen relativ kleinen Kreis von Marktteilnehmern, die sich physisch absichern wollen und wir haben einen relativ großen Teil von Marktteilnehmern, die nur des Tradens wegen im Markt sind und Geld verdienen wollen. Denen geht es nicht um physische Auslieferung, sondern nur um den Umterschied zwischen An- und Verkauf. Diese Spekulatoren sind im Wesentlichen auch diejenigen, die einen Markt shorten. Ihnen ist es nämlich egal, ob sie long oder short sind, solange es Geld zu machen gibt. Nicht jedoch der Produzent. Der liebt das Risiko überhaupt nicht und von Preisschwankungen zu profitieren, ist auch nicht sein Geschäft. Im Gegenteil: Um ein solides Produkt im Markt anbieten zu können, ist er vor allem an Preisstabilität interessiert. Dagegen versucht er, sich an der Börse abzusichern.
Das bedeutet, daß jemand, dem das Settlement seines Kontraktes wichtig ist, nicht gehebelt in den Markt geht, da sowas für physische Lieferung mächtig ins Auge gehen kann. Seine Futures-Position ist also ungehebelt (1:1), die von ihm hinterlegte Margin praktisch null. In der Praxis ist es dann doch ein kleines bißchen anders (abhängig vom jeweiligen Broker/Merchant/Account), aber praktisch ist er in der Regel ungehebelt im Markt.
Der Spekulant ist ein anderes Tierchen. Da es ihm um Volatilität und nicht um Stabilität geht, versucht er, seine Position soweit wie es sein Risikoprofil erlaubt zu hebeln. Größerer Hebel bedeutet für ihn nämlich größerer Gewinn. Natürlich im schlechten Fall auch größeren Verlust. Konkretes Beispiel: Für mich als privaten Marktteilnehmer, der Silber über CFDs handelt, gilt bei meinem Broker ein Hebel von 1:500 für initial margin, und ein Hebel von 1:1000 maintenance margin (bitte den Unterschied selbst googlen). Diese Werte sind riesig und ich wäre völlig wahnsinnig, sie auszunutzen. Aber das sind die Werte, die für Kleinanleger im Angebot sind.
Wenn wir jetzt in einem Asset riesige Schwankungen wie im Moment bei Silber haben, was glaubst du, was passiert? Schau dich um, selbst hier im Forum. Aus einstmals halbwegs rational agierenden Mitmenschen werden Großmütter, Frisöre, Taxi-Fahrer, die sich überall gegenseitig bestätigen, daß sie auch ja alle investiert sind, weil das ja gerade die Gelegenheit des Jahrhunderts ist. Eine typische Blase, alles verliert den Verstand und der Markt wird zum Selbstläufer und immer höher gepeitscht. Höher gepeitscht durch Marktteilnehmer, die zu 95% keine Ahnung, aber Zugriff auf wahnsinnige Hebel (also extrem niedrige Margin-Rates) haben. Was glaubst du, was da passiert? So irrsinnig es klingt, diese niedrigen Margin-Rates und extrem hohen Hebel werden tatsächlich benutzt. Benutzt von Marktteilnehmern, die größtenteils nicht wissen, was sie tun.
Was tut eine Börse also bei irrationalen Übertreibungen? Zu allererst werden die Margin-Rates erhöht, weil die Margin-Erhöhung die Spekulanten (95%) dazu zwingt, ihre Positionen niedriger zu hebeln. Das bedeutet für die schwachen Hände/Kleinanleger i.d.R. das sofortige aus bzw. Liquidation ihrer Position. Auf gut Englisch: Ein Margin-Call bei relativ kleinen Schwankungen gegen eine Position.
Fazit: Margin-Erhöhungen zwingen die Spekulanten mit schwachen Händen aus einem überhitzten Markt, während dieselbe Erhöhung jemanden, der an physicher Lieferung interessiert ist, recht kalt läßt.
ps: Cash-Settlement von Future-Kontrakten ist wieder eine andere Geschichte und das ist die Holzhammer-Methode, falls ein Markt andererseits zusammen bricht. Also praktisch eine Zwangsversteigerung deiner Position, dir wird das Recht auf physische Lieferung genommen. Wenn das passiert, sind wir kurz vor Weltuntergang.