die narrative Erschaffung von Realitäten
Vielen Dank, Kaltmeister,
für Deine freundliche Antwort und die Buchempfehlung (schon bekannt, war ja Doktorvater von Ludwig Erhard; brachte gute Darstelluingen über Freiland, Genossenschaften und Staat).
Ich hatte geschrieben, dass das beste Staats-Narrativ dasjenige ist, wo der Wille der Führungsgruppe mit dem Willen der Allgemeinheit zusammenfällt. Hierzu gibt es aber noch eine Steigerung, die in böse Abgründe führen kann. Das bekannte Zitat von Karl Rove drückt es am klarsten aus:
"The aide said that guys like me were 'in what we call the reality-based community,' which he defined as people who 'believe that solutions emerge from your judicious study of discernible reality.' [...] 'That's not the way the world really works anymore,' he continued. 'We're an empire now, and when we act, we create our own reality. And while you're studying that reality—judiciously, as you will—we'll act again, creating other new realities, which you can study too, and that's how things will sort out. We're history's actors...and you, all of you, will be left to just study what we do'."
"Der Adjutant sagte, dass Leute wie ich 'zu dem gehören, was wir die realitätsbasierte Gemeinschaft nennen', die er als Leute definierte, die 'glauben, dass Lösungen aus dem vernünftigen Studium der erkennbaren Realität hervorgehen'. [...] 'So funktioniert die Welt nicht mehr wirklich', fuhr er fort. Wir sind jetzt ein Imperium, und wenn wir handeln, schaffen wir unsere eigene Realität. Und während Sie diese Realität studieren - vorurteilsfrei, wie Sie wollen - werden wir wieder handeln und andere neue Realitäten schaffen, die Sie ebenfalls studieren können, und so werden sich die Dinge klären. Wir sind die Akteure der Geschichte ... und ihr, ihr alle, werdet nur noch das studieren, was wir tun". Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator
[ Gehört vielleicht auch hierher: https://en.wikipedia.org/wiki/Reality-based_community ]
So viel zu diesem unerquicklichen Thema. Ich hatte zwei Bücher bei Dir bestellt. Sie waren interessant. Man möchte Fragen stellen, aber nicht immer hat man für alle Themen die Zeit ...
Ich empfehle Dir zur Lektüre das neue Buch von David Gräber, das sehr schnell auch auf Deutsch erschienen ist, bei Clett-Cotta, unter dem Titel die Anfänge der Menschheit. Im Gegensatz zum kleinen Büchlein von Oppenheimer ist es fast 700 Seiten lang und dick. Und es sind lange Seiten, denn Gräber schreibt ausufernd, vielschichtig, verwirrend und sehr materialreich. Ich bin (noch lange) nicht durch, aber es lohnt sich.
In ganz übergeordneter Perspektive bin ich der Auffassung, dass sich die Menschheit biologisch gesehen zu einem Superorganismus entwickelt. Das heißt: die ganze historische Diskussion um den Staat wird sich eines Tages erübrigen. Ich hoffe, dass es dann aber so sein wird, dass Wildbienen und Staatsbienen nebeneinander friedlich koexistieren können. Leider werden wir das nicht mehr erleben und sehen können, denn hier handelt es sich um Jahrtausende weiterer historischer und biologischer Entwicklung.
Im Dezember letzten Jahres ist der Biologe Edward O. Wilson gestorben. Er hat versucht, diese Zusammenhänge zu durchdringen. Ich glaube, er war auch der Erste, der bei Ameisen die Sklaverei nachgewiesen hat (Unterwerfung benachbarter Ameisenkolonien). Wilson wurde zu Unrecht kritisiert und verkannt, aber seine Erkenntnisse werden sich auf lange Sicht durchsetzen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Edward_O._Wilson
(es gibt interessante deutsche Nachrufe, bitte selbst guckeln)
Beste Grüsse, Weiner