Der Homo sapiens lebt in der Zivilisation wie ein Fisch im Wasser

Miesepeter, Mittwoch, 26.08.2020, 11:46 (vor 1987 Tagen) @ MausS2808 Views
bearbeitet von Miesepeter, Mittwoch, 26.08.2020, 11:50

Das allem zugrunde liegende "Problem" entsteht bereits sofort mit dem Start des zivilisatorischen Geschehens, ab da ist alles nur noch ein Werden und Gedeihen in Richtung des unabwendbaren Ver- und Untergehens.
In solchen Momenten empfinde ich, hier dank dir, wie sehr mir dieses Forum am Herzen liegt, warum ich mich ihm, und damit auch @Ellis und @dottores geistiger und intellektueller Hinterlassenschaft, so sehr verbunden fühle.

Und doch kommt bei mir ein wenig Wehmut auf.....was waren das für augenöffnende Zeiten, als bei den Diskussionen noch die systematischen Zusammenhänge im Fokus der Betrachtungen standen und weniger der blosse Unmut über die folgerichtigen Symptome und Konsequentzen.....

Letztendlich sind wir alle Getriebene des zivilisatorischen Geschehens, deren innere Erlösung nur darin bestehen kann, dies zu erkennen und zu akzeptieren.

Wem letzteres gelingt, dem eröffnet sich ein vollkommen anderer Blick auf die eigene, wie auf die Existenz von Allem.

Darf ich vermuten, dass Du das ebenso empfindest?

Ich möchte es vergleichen mit einem Schwimmer auf bewegtem Meer. Das Meer besitzt eine unbeherrschbare Gewalt, die der Schwimmer niemals kontrollieren kann. Selbst die Reaktionen seines eigenen Körpers kann er nicht zuverlässig kontrollieren. Und doch kann er lernen, eine Strecke von A nach B sicher und mit grossem Vergnügen zu absolvieren, ohne dabei zum Opfer der unkontrollierbaren Kräfte zu werden. Je mehr er um die Kräfte weiss, je besser er diese zu antizipieren lernt, um so sicherer kommt er an. Die Sicherheit (Erlösung) ist Folge des Erkennens, Verstehens und Antizipierens.

Der zivilisatorische Mensch muss und möchte in der Zivilisation leben. Er kann nicht anders. Er ist ebensoviel Treiber der Zivilisation, wie er ihr Getriebener ist, er ist Objekt wie auch Subjekt des Phänomens. Der eine fühlt sich mehr als Subjekt, der andere mehr als Objekt, aber allen gemein ist, dass sie nicht in die Wildnis fliehen und ihr Dasein fortan als freie Sammler und Jäger fristen.

Ich folgere daraus, dass das zivilisatorische Geschehen nicht etwas darstellt, in welches der Mensch erleidend hingeworfen wird, und sich mangels Fluchtpunkt darin ergibt, worin nur durch Erkennen und Aktzeptanz eine vom Leiden an der Ohnmacht und dem Wesen der Zivilisation befreiende Erlösung stattfinden kann. Dies ähnelt sehr der christlichen wie auch der buddhistischen Philosophie, und ich hege den Verdacht, dass beide Narrative nicht ganz ohne zivilisatorischen Hintergedanken kultiviert worden sind. Der Homo sapiens, so scheint mir hingegen, ist ein Wesen, in dessen Inneren die Zivilisation bereits angelegt ist, und die Erlösung besteht vielleicht eher darin, sich selbst in diesem Spiel zu erkennen und zu orientieren, und dabei zu lernen, mit dieser unkontrollierbaren Kraft umzugehen, ohne sich von interessierter Seite gleich eine inhärente, vorgegebene Schuldigkeit, eine grundlagende moralische Erstverschuldung auferlegen zu lassen. Diese ist mir ebenso verdächtig wie die grundlegend negative Konnotation allen Ver- oder Untergehens, die sich ebenfalls trefflich nutzen lässt, um verwirrten Menschen Angst einzuflössen, mit dem Ziel, ihre Handlungen zu steuern.


Kann auch @NST hierin zustimmen?

Dem ich herzlich danken möchte für seine bereichernden Beiträge aus asiatisch fremder Perspektive!

Bei Tom Campbell - um das kurz einzuwerfen - unterscheidet sich die Relation des Menschen zu dem Grossen Ganzen gegenüber dem Christentum oder dem Buddhismus eben dadurch, dass der Einzelne durch seine Energie und seinen Fokus einen aktiven Einfluss nimmt auf das Schicksal des Grossen Ganzen, er ist nicht nur ein passiver Erleidender, sondern ein aktiver Mitgestalter. Eine erfrischende Neuerscheinung unter den religiösen Erzählungen.


Ich frage ja nur mal so...

Herzlich, und bereits ziemlich gut wiederhergestellt, aus seinem
abendlichen Reha-Kur-Zimmer in die ganze Runde grüßend

Das ist gut zu hören, ich wünsche Dir baldige und vollständige Genesung,
Beste Gruesse,
mp


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