Aktueller Situationsbericht aus der Chirurgie meines Kreiskrankenhauses
Seit Monaten quälen mich Schmerzen in der linken Schulter. Wegen Verdacht eines Bänderabrisses wurde ein MRT gemacht und mein Hausarzt schickte mich zum Chirurgen, um eine mögliche Therapie zu besprechen.
Zunächst war ich überrascht, dass ich der einzige Patient beim Hausarzt war, wo ich sonst immer eingut gefülltes Wartezimmer vorfand. Der Arzt meinte, dass die Patienten sich davor fürchten, sich im Wartezimmer mit Corona anzustecken und deshalb vorerst auf einen Arztbesuch verzichten, wenn denn nicht dringend erforderlich. Schließlich trägt niemand außer dem medizinischen Personal eine Maske.
Ich war erstaunt, dass ich im Anschluss sofort einen Gesprächstermin beim Chirurgen im Krankenhaus meiner Kreisstadt bekam. Auch dort ein leeres Wartezimmer.
Ich kam mit dem Chirurgen ins Gespräch. Er klagte darüber, dass die Corona-Krise zu einem beträchtlichen Umsatzausfall führt. Seit einigen Tagen sind er und seine Schwestern unterbeschäftigt. Außer bei Unfallopfern führt er derzeit keine chirurgischen Eingriffe durch.
Alle Kapazitäten, seien es Krankenpfleger, Betten und medizinische Apparaturen werden für die erwarteten Corona-Fälle ab kommender Woche zurückgehalten.
Dies führt dazu, dass medizinisch notwendige Operationen, wie z.B. sekundäre chirurgische Eingriffe nach einer primären Operation nicht im dafür vorgesehenen Zeitfenster erfolgen. Dies betrifft z.B. Knochenbrüche, Eingriffe am Bewegungspparat usw. Nach dem dafür vorgesehenen Zeitfenster sind solche sekundären Eingriffe mit einem höheren Risiko verbunden bzw. führen nicht mehr zum gewünschten medizinischen Erfolg, so dass die Patienten dann langfristige Schäden davontragen.
Nun wieder zu mir. Er teilte mir mit, dass kein Bänderabriss eines Muskels vorliegt. Ehe eine Operation am Schulterblatt vorgenommen wird, empfahl er mir, die Muskelreizung durch Physiotherapie zu beheben. Aber hier machte er mir in der aktuellen Situation wenig Hoffnung. Fast alle Physiotherapeuten haben wegen des engen Körperkontakts und dem damit verbundenen Infektionsrisiko geschlossen.
Auch hier gibt es wieder beträchtliche gesundheitliche Folgeschäden an Patienten, weil die Kapazitäten in der Physiotherapie heruntergefahren werden. Z.B. müssen nach einem Knochenbruch die Muskeln regelmäßig bearbeitet werden, um Verklebungen zu verhindern und die Beweglichkeit der Gliedmaße wieder herzustellen. Diese therapeutischen Maßnahmen müssen in einem bestimmten Zeitfenster durchgeführt werden und können nicht später nachgeholt werden.
Man sieht also, dass das Lenken oder der Abbau medizinischer Kapazitäten in Verbindung mit dem Corona-Virus jetzt schon zu quantifizierbaren Schäden und Opfern führt, die als Kollateralschaden so einfach hingenommen werden. Niemand spricht über sie. Ihr Leid erhält keine Stimme.
Ist das nicht Menschenverachtung pur?
Gruß Plancius
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"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad an Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand." ARTHUR SCHOPENHAUER