Nachtrag zum Thema Derivatenominalen und komische Sprüche von Warren Buffet

paranoia, Die durchschnittlichste Stadt im Norden, Dienstag, 14.04.2026, 12:18 (vor 2 Tagen) @ nereus361 Views

Hallo Nereus,

Es ging ursprünglich darum, ob Derivate gefährlich für das internationale Finanzsystem sind.
Dazu wurde in einem Artikel von Zerohedge eine gigantische Zahl (200 Billionen US-Dollar) genannt und ein berühmter Investor zitiert.
Darüber hast Du Dich ein wenig lustig gemacht, weil Buffett selbst in diese Kontrakte investierte.

Das ist für mich aber kein echtes Argument gegen das Risiko an sich.
Ein Spengmeister hantiert auch mit gefährlichem Zeug und weiß dennoch um dessen Risiken.

Es geht um zwei von einander getrennte Sachverhalte. Zum einen habe ich Warren Buffett einen Heuchler genannt:

Thema Warren Buffet zum Einsatz von Derivaten

[...
„Charlie und ich haben dieselben Ansichten über Derivate und die Handelsaktivitäten, die sie begleiten: Wir sehen sie als Zeitbomben, sowohl für die Parteien, die mit ihnen handeln, als auch für das Wirtschaftssystem.
...]

Quelle:
http://www.valueinvesting.de/warren-buffett/derivate/

Buffet, bzw. Berkshire ist eigenem Bekunden nach handelnde Partei in Derivaten. Seiner eigenen Aussage nach hat er mit ihnen gehandelt (Short-Put im SP500 und anderen Indizes gegangen).

Er hat nicht Deine schöne Analogie vom Sprengmeister verwendet.
Short-Put im SP500 zu sein ist damit eine Zeitbombe für Berkshire, oder?
Oder ist das eine Aussage im Stil von "Quod licet jovi, non licet Bovi"?

Oder meinst Du Warren Buffett hätte die Derivate auch nicht verstanden und würde Unsinn, so wie
Markus Krall, dazu erzählen?

Ich weiß es nicht. Das Auszahlungsprofil einer Short-Put-Position wird er verstanden haben.
Ob im bewusst ist, dass nicht erst eine Kursbewegung des Basiswertes (Underlying) unter den Basispreis (strike) Verluste verursacht, sondern schon der Weg dahin in Form von ansteigenden Margin-Forderungen(Börsenjargon) oder Sicherheitsleistungen (OTC-Jargon)?

Thema Aussagekraft von Derivatenominalen

Markus Krall addierte in seinen Vorträgen Kreditsummen zu Derivatenominalen. Das halte ich für Unsinn. Was soll die resultierende Größe sein? Mein Auto braucht 6,5l im Ölkreislauf und angenommenerweise 5l Wass im Kühlkreislauf. Macht das dann 11,5l Wasseröl oder Ölwasser?

Wenn er aber im Bild ist, was ich zunächst unterstelle, muss er einen Grund haben diese als Massenvernichtungswaffen zu bezeichnen.

Ja, z.B. durch die Art der Verwendung von Kreditderivaten durch AIG. Wenn ich mich erinnere, waren das niedrige Prämieneinnahmen pro Geschäft und riesige Volumina. AIG war Risikonehmer "risk taker" und kein Absicherer (Hedge).

Der Hedge Fonds LTCM war auch risk taker, Lehmann Brothers war es nicht.

Hier noch ein Beispiel für einen hoch bejubelten Geldvernichter. Dazu solltest Du am besten Nassim Taleb lesen, der in einem seiner Bücher beschrieb, wie ein Kollege (nicht Niederhoffer) jedes Jahr gut aussah dann aber mi Crash seinem Arbeitgeber einen Riesenverlust bescherte.

https://en.wikipedia.org/wiki/Victor_Niederhoffer

Das ist so, als ob Du in's Spielcasino gehst, eine Prämie dafür bekämmst, wenn rot oder schwarz fällt, aber bei grün nicht nur Deinen Einsatz, sondern alles verlierst.


Du schreibst danach auch: Beim nächsten Finanzcrash müssen wahrscheinlich Derivate-Clearing-Häuser gerettet werden und die Schattenbanken selbstverständlich auch.

Ich kann hier nicht ganz Deiner Argumentationslogik folgen.
Einerseits sind Derviate und deren Volumina - gemäß Deiner Aussage - kein Problem, andererseits müssen vermutlich Derivate-Clearing-Häuser und Schattenbanken gerettet werden, die ja mit diesen Finanzinstrumenten zu tun haben.

Kannst Du bitte diesen (scheinbaren) Widerspruch auflösen ohne dabei zu fachspezifisch zu werden und allen mitlesenden Klein-Ernas ein Licht anzünden.

Leider weiß ich nicht, ob die Clearinghäuser von Ihren Benutzern Sicherheitsleistungen verlangen, wie Terminbörsen von ihren Benutzern. Das würde das Problem mindern, ob es das löst, weiß ich nicht.

Entscheidend sind nicht die Derivatenominalen, sondern die Risiken die darin stecken. Das sind die Wertänderungen der Derivate, die sich ergeben, wenn sich die Marktpreise ändern, die die Preise der Derivate bestimmen.

Wie ich schon schrieb, wird bei den meisten Derivaten noch am Tag des Abschlusses der Kontrahent getauscht. Gegenpartei ist für Kontrahent A und B nicht der andere, sondern Clearinghaus C.

Täglich werden alle Derivate-Positionen gegenüber dem Clearinghaus einzeln bewertet und aufsummiert.
War der Wert gestern bei EUR -17 Mio. und fällt er auf EUR -19 Mio., musst Du sofort EUR 2 Mio. an's Clearinghaus zahlen. Liegt der Nettowert am nächsten Tag bei EUR -14 Mio, kriegst Du EUR 5 Mio. ausgezahlt.

Eine Bank mit "hohen" Derivatenominalen könnte trotzdem sehr wenig Risiko im Verhältnis zum Clearinghaus haben, was sich im Verhältnis zum Clearinghaus in geringen Zahlungsflüssen über die Zeit äußern würde.

Ein Bank, die täglich hohe Netto-Änderungen des Derivateportfolios gegenüber dem Clearinghaus aufweist und aus Sicht des Clearinghaus mehr Risiko aufweist, könnte aber über entgegengesetzte Zahlungsflüsse von und zu Kunden verfügen.
Wenn z.B. Banken ähnliche, bzw. risikomindernde Geschäfte mit Kunden abgeschlossen haben und Sicherheiten empfangen und stellen, dann ist aus Bankensicht kaum Risiko da, aus Sicht des Clearinghauses aber schon. Das Clearinghaus kann aber nicht in die Bank hereingucken.

Das ganze System beruht darauf, dass die täglichen Zahlungen fließen.
Das Risiko besteht darin, dass es eine starke Marktbewegung gibt und gleichzeitig eine oder mehrere Banken ausfallen.
Dann kriegen die "Gewinner" dieser Tagesbewegung weniger ausgezahlt als ihnen zusteht, oder vielleicht schlimmstenfalls gar nichts. Ich weiß nichts über die Eigenkapitalsituation bei
Clearinghäusern, ich vermute, dass sind nackte Männer (denen man nicht in die Tasche greift).

Zu klären:
Die Derivatekontrakte der ausgefallen Bank(en) müssen ersetzt werden, macht das das Clearinghaus oder
andere Banken für das Clearinghaus?

Diese aggregierten Derivate-Nominalzahlen sagen einfach nichts aus.
Dass die Aufsicht die Situation überblickt, da habe ich meine Zweifel.

Ich würde gerne wissen, wieviel Marktbewegung möglich ist, bevor es irgendwo knallt. Dazu brauche ich die Risiken (Sensitivitäten). Alles andere ist nur Stochern im Nebel.

Falls mein Geschreibsel zu unverständlich ist, kann ich nur empfehlen bei einem Future-Broker ein sogenanntes "paper trading account" zu eröffnen und irgendeinen kleinen Kontrakt zu handeln.
Oftmals sind solche Konten auf niedrige fünfstellige Anfangsgeldbeträge beschränkt mit dem Ergebnis, dass man bei großvolumigen Kontrakten schnell liquidiert wird weil man überhebelt ist.
Es gibt Analogien zwischen den börsenorganisierten Terminmarkten und den OTC-Märkten (OTC="over the counter").

Gruß
paranoia

--
Ich sage "Ja!" zu Alkohol und Hunden.


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