Zum Begriff "Weglaufen"

helmut-1, Siebenbürgen, Freitag, 09.02.2024, 05:56 (vor 24 Tagen) @ Hannes1366 Views

Das Wort "Weglaufen" erfordert eine verbale Ergänzung, nämlich das Wort "wovor?"

Was waren meine Motive?

Zum 1. Weglauf:

Nach der Zeit beim Militär zog es mich nach draußen, ich wollte auch andere Länder kennenlernen. Einige Zeit bin ich in Skandinavien herumgegurkt, um dann letztlich dem Druck meiner Bundesbrüder nachzugeben, mein in Wien abgebrochenes Studium in Deutschland fortzusetzen und zu beenden. Das habe ich auch gemacht. Mit dem Unterschied, dass die Finanzierung des Studiums dort wesentlich erleichtert wurde. Damals gabs AFG, und ich musste nur den Nachweis bringen, dass ich 2 Jahre in Deutschland versicherungspflichtig gearbeitet habe.

Natürlich habe ich dann die letzten Monate im Fernverkehr gearbeitet, weils da die meiste Kohle gab. Schließlich bekam ich ja 80% des letzten Nettolohnes für die ganze Zeit des Studiums, und dazu noch Wohngeld. Alles nicht rückzahlbare Zuschüsse, ohne die Verpflichtung, danach weiter in Deutschland zu arbeiten, damit der Zuschuss wieder zurückfließt. Hätte ich eigentlich erwartet, als Nicht-EWG-Ausländer, dass ich da irgendwas unterschreiben müsste, aber da kam nichts.

Fazit: der erste Weglauf war wirtschaftlich begründet.

Zum 2. Weglauf:

Das war in meiner 2. Ehe, und unser kleiner Junge war damals 2 Jahre alt. Die Kämpfe mit den beiden Großen aus der 1. Ehe, die nächtelangen Diskussionen, die Drogen auf dem Schulhof, etc. ich hatte große Zweifel, dass ich das nocheinmal durchstehe. Dazu sah ich in den 90er Jahren schon, dass da vieles den Bach hinuntergeht. Das Niveau der Schulbildung ging nach unten, das Märchen "die Renten sind sicher", wurde entlarvt, viele Dinge, die eigentlich früher selbstverständlich und auch "normal" waren, haben sich in der Gesellschaft geändert, oft auch aufgrund der EU.

Dann hatte ich ein Gespräch mit einem Direktor der Volksschule, in die unser Junge später gekommen wäre. Im Verlaufe des Gesprächs riet mir der Mann: Wenn ich was Optimales für meinen Sohn erreichen will, dann solle ich mir eine deutsche Auslandsschule suchen. Nachdem meine Frau aus einer Stadt in Siebenbürgen kam, wo die deutschen Strukturen erhalten geblieben sind, ging die Entscheidung in diese Richtung. Dazu hatte ich mir schon gleich nach dem Umsturz 1989 in dieser Stadt im Zentrum ein Haus gekauft, damals mehr im Sinne einer Geldanlage, und die deutsche Volksschule und das deutsche Gymnasium lagen einen Steinwurf von uns entfernt.

Die Rechnung ist auch aufgegangen, - in diesen Schulen herrschte damals noch Ordnung, auch Schuluniformen, etc. Der Junge ist so geworden, wie wir uns es gewünscht hatten.

Fazit: der zweite Weglauf hatte soziale Gründe, - denn für die Bestreitung der Lebenshaltungskosten hätte ich über meinen Betrieb in Deutschland noch genügend Möglichkeiten gehabt.

Warum beschreibe ich das so detailliert:

Jeder, der auswandert, hat seine Gründe, die nicht unbedingt die selben sein müssen. Diese Gründe mögen in der jeweiligen Zeit liegen, in der die Entscheidung getroffen wurde, können auch persönlich bedingt sein und mit dem staatlichen System nichts zu tun haben.

Gerade wieder ist eine Reportage in den sozialen Netzwerken (Rumänien) zu finden, wo ein vor fast 40 Jahren ausgewanderter Deutscher wieder in das kleine Dorf zurückging, aus dem er damals abgehaut war (er ging illegal nach Jugoslawien und dann nach Deutschland). Nun ist er in Rente und meint, dass es ihm "reicht", - die Zustände in Deutschland sidn für ihn nicht mehr besonders lebenswert. Natürlich lebt man mit der Rente aus Deutschland in Rumänien sorgloser als in Deutschland. Und er ist nicht der Einzige, es werden immer mehr; - auch diejenigen, die eigentlich keine Wurzel hier hatten. Allerdings ist das eher die Ausnahme, dass sich da einer in den sozialen Netzwerken "outet", die meisten, die hierher umsiedeln, schweigen.


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