Der Beginn einer Eskalationskette

Miesepeter, Sonntag, 27.02.2022, 23:53 (vor 1438 Tagen) @ Vojins4035 Views

Hallo,

Nach 4 Tagen "Krieg" oder "spezieller militärischer Aktion" in der Ukraine kann man wagen, die echten Ziele Russlands abzuschätzen.

Sehr gut hat das Analitik herausgearbeit:

Der Donbass ist zwangsläufig nur der Beginn einer Eskalationskette. Vor acht Jahren war Russland militärisch und wirtschaftlich nicht stark genug, um diese Eskalationskette sauber bis zum Ende auszuhalten und siegreich aus ihr hervor zu gehen (Atomwaffen sind außen vor, sie können nicht als primäres Mittel für Siege eingesetzt werden, sondern dienen der Abschreckung).

Nun ist Russland stark genug, um Nazis und NATO von seinen Grenzen zu verscheuchen. Im Dezember 2021 hat Russland seine Forderungen öffentlich gemacht, unter anderem: Die NATO muss auf den Stand von 1997 zurück. Wem nicht klar ist, was das bedeutet, kann sich die NATO-Erweiterungen hier anschauen. Das bedeutet, dass alle Staaten, die nach 1990 der NATO beigetreten sind, aus ihr wieder raus müssen. So ist das im Krieg. Du besiegst andere oder andere besiegen dich. Und wenn du besiegt wurdest, musst du.

Diese Forderung wirkt hahnebüchen? Wissen Sie, wenn Putin ein Problem öffentlich anspricht (einfach nur anspricht, ohne irgendetwas zu versprechen), dann bedeutet es, dass er bereits begonnen hat, an einer Lösung zu arbeiten. Wenn Putin ein Ultimatum stellt, bedeutet es, dass er bereits einen Plan hat, das gestellte Ziel gegen jeden Widerstand zu erreichen. Man kann von Putin halten, was immer man will, ihn lieben oder hassen, aber so funktioniert er.

Schon 2007/2008 hat die Nato offiziell verlautbart, das die Tür für Georgien und die Ukraine offen ist und das man sie integrieren möchte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Umfragen in der Ukraine zum Nato-Beitritt unter 30%, daher kann man Stoltenberg nicht ernst nehmen, wen der schwafelt, dass man ja nicht die freien Wünsche von souveränen Staaten ablehnen kann...

Ein Verteidigungsbündnis hat ebenso das Recht, solche Wünsche abzulehnen. Der Sinn eines Verteidigungsbündnis wäre, dass man gemeinsam eine stärkere Verteidigung erzielt als einzeln, dazu muss dann jedes Mitglied einen positiven Sicherheitsbeitrag miteinbringen. Die Ukraine bringt aber einen negativen Sicherheitsbeitrag ein, sie benötigt viel Sicherheit, bietet aber selbst mehr Risiken als Hilfe - ihr Beitritt schwächt also die defensive Sicherheit der anderen Mitglieder.

Anders sieht es aus mit den offensiven Kapazitäten: da erhöht die Ukraine die Möglichkeiten der Nato.

Putin wird sich den Rest gedacht haben.

Putins "Ultimatum" an die USA und die (ausschließlich von den US gelenkte) Nato, waren schon ein Fingerzeig. Zu Beachten ist, dass das Ultimatum weder and die EU noch an DE/FR ging, was zeigt, dass man in Russland nicht mehr glaubt, das DE/FR souverän sind, sondern nur die US Position (selbst gegen eigene Interessen) vertreten werden.

Das braucht er nicht glauben, er weiss es. Denn dem Beitritt der Ukraine muss jedes Natomitglied zustimmen. FR und DE hätten also durchaus anstelle der USA vertraglich garantieren können, dass sie einem Beitritt niemals zustimmen werden - schliesslich wäre das auch in ihrem Interesse gewesen. Aber dazu waren und sind sie nicht in der Lage.

Somit sieht Russland freie Hand konkrete Fakten zu schaffen und sich nicht mehr im geringsten um sein Image im Westen zu kümmern.

Jetzt ist es nur noch ein Machtfrage. Putin hat seine Ziele klar benannt: Neutralität & Entwaffnung der Ukraine sowie Rückzug aller offensiven Positionen der Nato hinter die Linien von 1997. Er hat ein Jahrzehnt geredet und verhandelt - nun handelt er. Das macht die Rechnung einfach: Hat er die Mittel, seine Ziele zu erzwingen, so wird er sie erreichen. Oder er hat die Mittel nicht und wird scheitern. Dann übernimmt entweder der Generalstab, die Atlantiker, oder niemand mehr.

Gruss,
mp


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