Ich war dort und muss dir widersprechen
1. Die Demo war von der FPÖ angemeldet und verboten worden, was es in der 2.Republik noch nie gegeben hat.
2. Ich war gegen 13.00 dort und konnte beobachten wie die Polizei die Leute begann einzukesseln. Denke mal der ursprüngliche Plan war, eine Menge von 500-1000 Leuten einzukesseln und je nach Aufmüpfigkeit niederzuprügeln oder "nur" erkennungsdienstlich zu behandeln. Das hätte garantiert die Proteste für längere Zeit abgewürgt.
3. Dieser Plan scheint aber mächtig in die Hose gegangen zu sein, da gegen 14.30 so viele neue Demonstranten nachgeströmt kamen, dass nun der Kessel selbst eingekesselt war. Ab diesem Zeitpunkt scheint die Polizei wieder ihre gewohnte Strategie aufgenommen zu haben. (Man muss wissen, dass die Polizeiführung in Wien nicht begeistert von den autoritären Blödheiten des Innenministers war und die meisten der Demonstranten eher Polizeifreundlich gesinnt sind - weshalb man nicht so begeistert von der Idee war, reinzuprügeln wie am Vortag in Innsbruck wo es gegen die linken Dauerpatienten ging. Nur als Beispiel - es gibt in Wien ein Wahlsprengel, wo extrem viele Polizisten wohnen. Bei jeder Wahl, sogar bei der letzten, gewinnt dort immer die FPÖ. Wie begeistert mögen also all die Polizisten gewesen sein, ein Verbot einer Demo durchzusetzen, welche von ihrer eigenen Partei angemeldet worden war).
4. Jetzt sah man die bewährte Deeskalationsstrategie, die ich bereits bei den Protesten anno 2000 erlebt habe und großartig finde. Man öffnete nach und nach den Kessel und ließ die Leute frei spazierengehen, gesäumt von einer Reihe Riot Cops. Nach einiger Zeit ohne Helm. Das macht eine Eskalation sehr schwer für vermeintliche Randallierer, weil es keine Barrikade zu erstürmen gibt. Obendrein - wie erwähnt - waren die meisten Demonstranten eher positiv gegenüber der Polizei eingestellt.
5. Es bildeten sich mehrere unkoordinierte Protestzüge, die kreuz und quer durch Wien marschierten. Sprechchöre die sich bei der Polizei für die friedliche Begleitung bedankten. Ansonsten wurde "Kurz muss weg" skandiert. Nach 4 Stunden Marschieren endete die Sache aufgrund von allgemeiner Ermüdung wieder am Ausgangsort.
Fazit: Dem Innenminister wurden von Polizei und Demonstranten die Hosen runtergelassen - aber sowas von. Im Nachhinein musste der Pressesprecher der Polizei mit den vielen Anzeigen prahlen, die es angeblich gehagelt hat. Jeder weiss aber nun, dass die Polizei die Eskalation ablehnt und der Regierung Grenzen gesetzt wurde.
Hinzu kommt noch, dass Tags darauf die Regierung eine "Lockerung" versprach, die wiederum eine derart hinterfotzige Frechheit ist, dass wir wahrscheinlich nächste Woche noch mehr Leute auf der Strasse haben werden.
Es bleibt spannend und es wäre toll, wenn Wien der Ausgangspunkt weiterer friedlicher Proteste werden könnte, wo sich Polizei und Volk vorsichtig näherkommen.