Trivialitäten und Banalitäten
Lieber Herr Geschichtslehrer!
MERKSATZ:
DAS IMPERIUM VERHINDERT ZEITLICH BEFIRSTET DAS EIGENTLICH ANSTEHENDE MASSENSTERBEN.
Also das ist in etwa so, wie wenn mir jemand sagt: "Ich habe Hunger, also backe ich mir jetzt einen Burger, damit ich nicht sterbe."
In meinem vorangehenden Beitrag habe ich ausdrücklich darauf hingewiesen, dass in der dritten Phase einer Hochkultur ein starkes Massenwachstum stattfindet (und habe die Getreideausteilungen der Gracchen erwähnt). Dieses Massenwachstum muss selbstverständlich laufend befriedigt werden - und unter dem vergrößerten Körper muss es auch neu organisiert werden (das ist der entscheidende Punkt!). Sollte ich hier auf einem Debitismus-Forum erklären, dass grundsätzlich alle biologischen Systeme, zu denen auch die historischen Systeme gehören, ständig auf der Suche nach Energie sind, damit sie ihre Struktur aufrechterhalten können, (die jenseits des thermodynamischen bzw. energetischen Gleichgewichts liegt)?
Das "Wunder" besteht doch darin, dass diesen "Organismen" das immer wieder gelingt, und zwar mit verschiedenen Mitteln: etwa durch technische Erfindungen (evolutionsbiologisch: 'Anpassungen') oder durch Raub oder durch Ausbeutung von Menschen und von neu erschlossenen Ressourcen - oder eben durch innere Neuorganisation zur Steigerung der Effizienz. Leben ist doch keine 'Notlösung' sondern eine Kunst ....
Es ist so was von albern zu behaupten, dass Cäsar oder Oktavian oder (un)fähige Senatoren mit allen ihren Handlungen ein Massensterben im Mittelmeerraum verhindern wollten! Das kannst Du ihnen nichteinmal als welthistorischer Beobachter unterstellen, weil das eine ganz unhistorische und unsachgemäße, eben triviale Betrachtungsweise ist. Eher würde das auf Gutmenschen wie Mr&Mrs. Gates passen, die in der Tradition der EUGENIKER solche Themen wohl reflektieren und - wie alle ganz besonders Schlauen - viel einfachere Lösungen ins Auge fassen, als Cäsar und Oktavian für die Befriedigung ihrer Machtgier austüfteln mussten: wenn sie vollgefressen waren, haben sie sich einen Federkiel in den Hals gesteckt, damit sie kotzen und hinterher weiterfressen konnten ...
https://www.spektrum.de/frage/uebergaben-sich-die-roemer-um-mehr-essen-zu-koennen/1648544
Zur Illustration meiner Aussage, dass Cäsar und Oktavian keine 'Zufallsgestalten' waren, sondern dass sie eine gesetzmäßige Konstellation im Rahmen eines Hochkulturzyklus individuell verkörperten, habe ich zwei Vergleiche mit anderen Hochkulturen bemüht. Ich darf empfehlen, außer der griechisch-römischen Geschichte und außer Spengler gelegentlich ein wenig die übrige Weltgeschichte zu betrachten, um nicht bei trivialen Erkenntnissen stehen zu bleiben. Und dass überall auf der Welt Relikte ausgestorbener kleiner und großer Kulturen rumliegen, ist ebenfalls eine Trivialität und sollte den Blick nicht verstellen, dass aktuell mehr Menschen auf dem Planeten leben als je (in der Summe) zuvor - und dass selbst dann, wenn zwei Drittel davon verschwunden sein werden, immer noch mehr übrig bleiben ...
Das 'Imperium' ist keine Notlösung sondern es ist ein kreative und eminent schöpferische Leistung, sowohl biologisch wie kulturell gesehen. Und während eines Imperiums werden nicht nur 'politische Zusammenfassungen' erarbeitet sondern auch kulturelle - bezogen auf die Antike schaue man hierzu etwa auf das Kolosseum, auf das Pantheon, auf die Äquadukte etc. (um im Grobstofflichen zu bleiben, Hochgeistiges könnte auch genannt werden, erspare ich mir aber lieber ...).
Auf das Imperium folgt sodann die Zivilisation bzw. die Reihe der zivilisatorischen Kurzepochen (im besten Fall etwa 300 Jahre andauernd), die je nach Ressourcen und Umständen des Schicksals *) durchaus mehrfach den Kulturofen wieder anwerfen und ihn zu neuer Hitze schüren können (jedoch nicht mehr neu aufbauen!), was sich sehr schön an der Serie der chinesischen Dynastien nach 200 n.Chr. aufzeigen liesse. Das ist in etwa so, wie wenn ein Nadelbaum nach Jahrzehnten ontogenetischer Entwicklung seine ersten Zapfen bekommt, was sich hernach dann jahrhundertlang regelmäßig wiederholen mag - je nach Wetterlage wiederum und Motorsäge ...
Zum Ende des IMPERIUMs bzw. ans Ende einer 'Kaiserzeit' kann man deshalb 1000 Jahre hinzuzählen (so lange hat etwa Ostrom/Byzanz durchgehalten). Problemlos können es aber auch 2000 Jahre werden (auf durchaus hohem Niveau, siehe China), womit wir im Falle unserer gegenwärtigen Hochkultur über das Jahr 4000 n.Chr. hinauskommen würden. In anderen Worten heißt das, dass die Konfiguration, die geopolitisch und kulturell (d.h. auch technisch!) im Laufe dieses Jahrhunderts erarbeitet werden wird, in ihren Grundzügen bis ins 5. Jahrtausend Bestand auch haben wird - und das sehr wahrscheinlich nicht nur auf 'unserem' Heimatplaneten Erde allein ...
Aussichtsreiche Grüße!
Weiner
*) ein Beispiel für eine sehr ungünstige Schicksalslage wäre die Ankunft der Spanier in Amerika nach dem Jahr 1500, die zur Ermordung einer Hochkultur in der Phase des Imperiums (Inka/Azteken) führte. Etwas Ähnliches könnte uns durch den Einschlag eines Asteroiden mit mehr als 5 Kilometer Durchmesser geschehen. Oder durch ein echtes Virus. Aber ich bin mir da nicht sicher, ob sich der Mensch überhaupt noch vernichten lässt. Das Leben an sich ist sehr zäh und einfallsreich, und außerdem sind wir sind 'zivilisatorisch' gesehen schon ziemlich weit ...