Warum nicht die Auflage von 1929?

Weiner, Samstag, 26.12.2020, 18:08 (vor 1847 Tagen) @ Talleyrand4093 Views

Hallo Talleyrand!

Wo die erste Version doch eher spontan ergossen und weniger - nach dem Erkalten - gefeilt und gebürstet ist!

Wenigstens gibt es die Erste schon 'online' (angeblich mit Einverständnis des Verlages, siehe Vermerk ganz am Ende). Man kann sie sich also angemessen formatieren und ausdrucken ...

https://archive.org/stream/ErnstJ252NgerDasAbenteuerlicheHerz/Ernst_J_252_nger_Das_Aben...

Zitat aus Strahlungen, 1945:
"Zwerge an wahrem Leben, technische Goliaths - daher auch riesengross in der Kritik, in der Zerstörung, in der, ihnen verborgen, ihr Auftrag liegt. Von ungemeiner Klarheit und Präzision in allen mechanischen Zusammenhängen; verwachsen, verkümmert, verschwommen in allem, was Schönheit und Liebe betrifft. Einäugige Titanen, Geister der Finsternis. Leugner und Feinde aller schöpferischen Kräfte - sie, die Millionen Jahre ihre Anstrengungen summieren könnten, ohne ein Werk zu hinterlassen, das einen Grashalm, ein Weizenkorn, einen Mückenflügel aufwöge. Fern dem Gedicht, dem Wein, dem Traum, den Spielen und hoffnungslos verstrickt in die Irrlehren überheblicher Schulmeister."

Ist das altbacken?

Ja, zumindest für die heutige junge Generation insofern, als diese nicht wirklich die originalen Texte zu GOLIATH oder den zu TITANEN kennt, wohl kaum auch einen Mückenflügel intensiv betrachtet - und nie einen wahren SCHULMEISTER erlebt hat. Ich schon. Und so überlege ich mir dann, warum, verflixt, Jünger plötzlich die Titanen einäugig werden lässt, wo es doch eigentlich ZYKLOPEN sein müssten. Und das alles lenkt ab, ist bestenfalls flüchtiger bildungsbürgerlicher Genuß, eigentlich aber Zeitverschwendung. Wie auch die Selbsterforschung ...

Ich bin halt sehr mit Rechnen beschäftigt, ähnlich wie der nachfolgende Text es beschreibt. Wobei mein Resort nicht das Meer ist sondern die menschliche Geschichte. Die aber genauso weit und wüst ist wie der Ozean. Auch ich hoffe, dass ich kurz vor dem Weltuntergang noch ein wenig Zeit habe ...

https://jlet.org/poseidon.html

(bitte runterscrollen, die deutsche Version kommt in der unteren Hälfte der Seite)

Danke für die Antwort, und beste Grüsse von einem Banausen, der die Kultur, alle, kennt, sie auch versteht, aber nicht in und mit ihr lebt.

Weiner

~~~~~~~~~~~+
zum ANARCHEN: Das ist ein sehr schwieriges und zugleich soooo wichtiges Thema. Man müsste es von Max Stirner her diskutieren, denn es steckt in dieser Sache die Vereinzelung des Individuums (in der europäischen Neuzeit), seine Degeneration (Auslieferung an seine Triebe und unbeherrschten Emotionen) wie auch seine kompensatorische Hypertrophie (Übermensch). Beim 'Anarchen' wird besonders der politische und gesellschaftliche Aspekt ausgefächert. Und da hatte ich ja auf EUMESWIL hingewiesen, wo die Figur des Anarchen von Jünger entfaltet wird. Am Ende geht aber VENATOR mitsamt dem Tyrannen CONDOR in den (neuartigen!) Wald, und kehrt von dort nicht mehr zurück - bleibt also bzw. wird wieder Waldgänger). Und das gefällt mir ganz und gar nicht.

Jemand hat mal gesagt, der Anarch sei nicht der Gegner des Monarchen sondern sein Pendant (vom - doofen! - Anarchisten unterscheidet er sich, insofern letzterer, sich selbst überschätzend, eine Ordnung wiederherstellen will, die möglicherweise gar nicht wiederhergestellt werden sollte). Für mich müsste jeder einzelne Bürger im Sinne des obigen Pendants ein wahrer Anarch sein (sein eigener Souverän), jederzeit bereit zu töten, aber: wenn man (für eine Situation) den richtigen und deshalb geschichtlich notwendigen Monarchen gefunden hat, muss man als Anarch wieder zurückzutreten - um dadurch zusammen mit dem Monarchen und zusammen mit allen anderen Anarchen - eine Gemeinschaft zu konstituieren. Vom Monarchen aber erwarte ich dann, dass er in allen seinen Handlungen führender Diener dieser Gemeinschaft wird, notfalls auch mit seinem privaten Vermögen und in seinen privaten Handlungen. So war das wenigstens die Auffassung in der Frühzeit, wo der König 'für das Ganze' noch seine Tochter opferte (Agamemmnon/Iphigenie) und er sich gegebenenfalls selbst zu opfern bereit war (weshalb er in den ganz alten Königserhebungsritualen auch vorher nochmals mit dem Tod bekannt gemacht wurde, selbst wenn er schon ausreichend 'Schlacht'-Erfahrung hatte; zwingend auch, dass er getötet wurde, wenn er versagt hatte und ein Nachfolger zu bestimmen war).


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