Deine Frage zu Target II: "weil Südländer soviel in D investieren"
Hallo Bernd Borchert,
Deine Überschrift lautete:
Die Target2 Salden sind so hoch, weil "Südländer soviel in D investieren"?? Ist der Grund nicht ein ganz anderer: nämlich dass die PIGS viel mehr Staatsschulden in Euro machen
Nein. Die Staatsverschuldung in den Südstaaten ist eine zweite Baustelle.
Für Zahlungsverkehrsfragen ist der Zweck der Zahlung unbedeutend. Ob nun Monsieur Dupont sich einen VW Golf kauft oder eine französische Chemie-Firma eine deutsche Chemie-Firma übernimmt, ist für Target II irrelevant.
Entscheidend ist, dass der französische Käufer früher DM-Valuta zum Marktpreis erwerben musste um deutsche Güter zu kaufen. Die DM wurde von Jahr zu Jahr immer wertvoller, so dass der Appetit der Ausländer auf deutsche Güter gedämpft wurde - der Golf wurde halt immer teurer, nicht nur für die DM-Inländer, die Deutschen. Damals gab' es schon Notfallpläne, bei Daimler z.B: Dolores (Dollar low rescue). Dieser Mechanismus bildete einen natürlichen Regulator für den sogenannten Exportweltmeister (jedes Opfer eines Einbruchdiebstahls müsste man eigentlich auch Exportweltmeister nennen).
Heutzutage wird dem Ausländer das Geld einfach gedruckt. Wenn ein Zentralbank Geld druckt und dann mit dem Helikopter abwirft, bedeutet die Menge des neu gedruckten Geldes einen Verlust in gleicher Höhe. Bei eingehenden Zahlungen über Target II wird die Bundesbank über eine Forderung an die Banque de France entschädigt.
Beispiel: Herr Dupont kauft sich für €50.000,- einen neuen Golf. Seine Hausbank, die SocGen (Société Génerale) belastet sein Girokonto in gleicher Höhe. Die SocGen zahlt über Target II das Geld an Volkswagen Deutschland, bei der Deutschen Bank Wolfsburg. Die SocGen hat nun €50.000,- weniger auf ihrem Zentralbankkonto und ist also weder ärmer noch reicher geworden, von den Überweisungsgebühren einmal abgesehen.
Die Banque de France hat €50.000 Verbindlichkeiten gegenüber der SocGen weniger, dafür aber €50.000 Schulden gegenüber der Bundesbank.
Die Bundesbank schreibt die eingehenden €50.000 der Deutschen Bank Wolfsburg gut. Das wäre isoliert ein Verlust der Bundesbank, aber sie hat ja dafür ein Guthaben bei der Banque de France über €50.000.
Damit dem dummen Michel und anderen Nordeuropäern nicht auffällt, dass die Kohle überwiegend nur in eine Richtung fließt und die Bundesbank immer mehr dubioses französisches Zentralbankgeld hält, wird nun umgebucht, oder besser umetikettiert. Aus den Forderungen der Bundesbank gegenüber der Banque de France (Sicht Bundesbankbilanz) werden EZB-Forderungen und den Verbindlichkeiten der Banque de France gegenüber der Bundesbank werden EZB-Verbindlichkeiten (Sicht aus der Banque de France).
Dumm ist nur, dass man mit Forderungen gegenüber der EZB nicht bezahlen kann.
Aber wer den obigen Text verstanden hat, versteht auch, wie der Saldo wieder schrumpft.
Bei Austritt aus dem Euro oder wenn der Euro generell zerbricht, müssten in der Bundesbankbilanz an Stelle der EZB-, bzw. der Target-Forderungen plötzlich ein Cocktail von Forderungen an Zentralbanken des Eurosystems, typischerweise der Südstaaten stehen.
In einer neuen Welt ohne Währungsknechtschaft haben diese Forderungen aber einen schwankenden Marktwert. Tritt nur Deutschland aus, gibt es einen Währungskurs zwischer neuer deutscher Mark und Euro. Für die auf neue deutsche Mark lautende Bilanz der Bundesbank bilden die Target bzw. EZB-Forderungen ein großes Risiko.
Vermutlich werden die EZB-Forderungen nur mit massiven Verlusten zu verkaufen sein.
Es gibt aber neben den oben beschriebenen - durch Warentransaktionen motivierten - Zahlungsverkehrsvorgängen aber auch durch Kapitalverkehr motivierte Zahlungsverkehrsvorgänge.
Darauf gehe ich aber nicht ein, das Obige sollte als Erklärung reichen.
Gruß
paranoia
P.S.: Die Aufwertungstendenz der DM schützte den Michael auch vor Preisanstieg bei Nahrungsmitteln und Energie, die beiden einzigen Artikel des Warenkorb des Verbraucherpreisindex, auf deren Kauf man nicht verzichten kann...
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Ich sage "Ja!" zu Alkohol und Hunden.