Ungereimtheiten
Seymour Hersh gehört zu den renommiertesten Investigativjournalisten der 1970er und 1980er Jahre. Er hat nicht nur US-Kriegsverbrechen aufgedeckt, sondern auch auf andere Weise den Investigativjournalismus als solches geprägt.
Nun wurde auf Substack ein Artikel unter seinem Namen veröffentlicht, der eine interessante Erklärung für die Zerstörung der NordStream-Pipelines liefert, wonach die USA die Zerstöung als verdeckte Aktion durchgeführt haben sollen. Dabei fällt zunächst auf: Der Account auf Substack wurde gleichzeitig mit dem Hochladen des Artikels angelegt und sonst sind dort keine anderen Artikel vorhanden, außer einer sehr knappen, oberflächlichen Selbstbeschreibung des Autors, die aber auch nur Daten wiedergibt, die längst öffentlich bekannt sind. Wir haben keinen Beleg, dass es wirklich Seymour Hersh ist, der das geschrieben hat.
Aber selbst, wenn der Artikel authentisch ist: Muss er deshalb die reine Wahrheit wiedergeben?
Da habe ich so meine Zweifel. In den letzten Jahren fiel Hersh immer wieder durch Stories auf, die sich zwar plausibel anhörten und auch spannend waren, aber einigen Fakten, die von anderer unabhängiger Seite bereits bekannt waren, widersprachen. Zudem beruhen seine Enthüllungen zunehmend auf Zitaten von nicht weiter bezeichneten und namentlich nicht genannten Quellen, was auch im Investigativjournalismus heute als nicht ausreichend gilt, bestimmte Sachverhalte zu belegen.
Auch im Fall der Nordstream-Pipelines liefert er zwar eine plausibel klingende Geschichte, die aber durch keinerlei Material belegt ist. Andere Whistleblower und Enthüllungsjournalisten, wie Mannings, Snowden oder Assange lieferten Mitschnitte von Gesprächen, Videos oder andere nachprüfbare Daten, um ihre Enthüllungen zu stützen. In diesem Fall gibt es jedoch nichts dergleichen. Es wird eine Geschichte erzählt, nicht mehr.
Und es gibt einige Ungereimtheiten zwischen seiner Darstellung und dem, was z.B. aus den von der schwedischen Marine veröffentlichten Bildern und Daten hervorgeht. Die Bilder zeigen, dass die Rohre der Pipelines über eine große Länge durch einen von oben wirkenden Explosionsdruck in den Untergrund getrieben wurden. Mit einfachen Sprengladungen aus Plastiksprengstoff (Im Artikel ist von C4 die Rede) oder Ähnlichem wäre das laut Sprengstoffexperten nur möglich gewesen, wenn eine sehr große Menge Sprengstoff dort angebracht worden wäre. Hersh gibt an, der Sprengstoff sei von Tauchern von Überwasserschiffen aus an den Rohren angebracht worden. In diesem Fall hätte die Platzierung des Sprengstoffes an den Pipelines eine Zeitspanne gedauert, die eher in Tagen als in Stunden gemessen werden muss. Dabei wäre die Wahrscheinlichkeit, dass die Aktivität entdeckt wird, ziemlich hoch gewesen, selbst wenn in der gleichen Zeit Manöver in der Ostsee stattgefunden haben. Daher gehen bisher Experten davon aus, dass die Explosionen durch Grundminen verursacht wurden, welche von einem Uboot direkt auf den Pipelines abgesetzt wurden.
Und es gibt bereits Gegenbelege zu den Details über norwegische Schiffe oder Flugzeuge, die an dem Einsatz beteiligt gewesen sein sollen:
Joe Galvin auf Twitter
https://twitter.com/Joey_Galvin/status/1623459664334659585
Auch technisch hat der Artikel einige Ungereimtheiten. Die Zündung mittels abgeworfener Sonarboje wurde zwar in den einschlägigen Kreisen bisher schon als Möglichkeit diskutiert, der Autor lässt aber außer Acht, dass die beiden Explosionsstellen an der Röhre A von NordStream 2 ca. 40 km voneinander entfernt liegen. Der Autor schreibt jedoch, der Ort für die Sprengstoffplatzierung wäre deshalb gewählt worden, weil die Pipelines dort nur eine Meile voneinander entfernt verliefen, was das Anbringen von Sprengstoff erleichtert habe. Warum wurde dann 40 km entfernt noch einmal Sprengstoff platziert? Von dieser 4. Explosion, die 17 Stunden vor den anderen stattfand, weiß die Quelle des Artikels anscheinend gar nichts. Und wie soll mit dem Abwurf einer einzigen Sonarboje (er schreibt ja nur von einem Abwurf) Sprengstoff in dieser großen Entfernung akustisch gezündet werden? Wenn das Signal so stark und weitreichend gewesen wäre, wäre es auch von den Warnsystemen anderer Ostsee-Anrainerstaaten registriert worden.
Dann fehlt noch die Erklärung, warum ausgerechnet 3 von 4 Röhren zerstört wurden. Wenn alles so abgelaufen wäre, wie im Artikel beschrieben, wo ist dann heute der Sprengstoff, der an der noch intakten Röhre von NordStream 2 angebracht wurde? Hat man den in einer ähnlich geheimen Aktion wieder entfernt? Davon steht nichts im Artikel. Es haben ja auch unabhängige Organisationen wie Greenpeace inzwischen die Stelle untersucht, die müssten ja etwas gesehen haben…
Weiterhin auffällig an diesem Enthüllungsartikel ist meiner Meinung nach vor allem, dass die dort rekapitulierte politische Vorgeschichte des Vorfalls keineswegs neutral geschildert ist, sondern von vornherein den Boden die nachfolgenden Behauptungen bereiten soll, obwohl bereits in der Beschreibung der Vorgeschichte vieles nicht den öffentlich bekannten Fakten entspricht. Schon die Formulierungen sind ideologisch gefärbt, da ist von "der aggressiven Außenpolik der Biden-Regierung" die Rede und davon, die Pipelines würden von "Washington und seinen anti-russischen NATO-Partnern" als "Gefahr für die westliche Dominanz" gesehen werden. Und für viele Fragen liefert auch er keine Antwort, zum Beispiel, warum man noch eine derart aufwändige und politisch gefährliche Aktion durchführen sollte, obwohl das erklärte Ziel, die Pipelines zu stoppen, längst auf politischem Wege erreicht war.
Leider ist es kein Einzelfall, dass besonders aktive und kritische Menschen, die ein Leben lang versucht haben, Staatsverbrechen z.B. der USA zu entdecken und aufzuklären, irgendwann eine gewisse Paranoia gegenüber dem Objekt ihrer bisherigen Recherchen entwickeln und dieses letztendlich für ALLES verantwortlich machen. Ich weiß nicht, ob Hersh auf diesem Weg ist, aber seine Theorie ist für mich in Anbetracht der anderen verfügbaren Informationen und der Interessenlage bestenfalls umstritten. Meine bisherigen Überlegungen zu dem Thema haben sich jedenfalls dadurch nicht entscheidend verändert. Und wir haben ja noch immer keine Bestätigung, dass der Artikel authentisch ist.
Ich finde, hier ist äußerste Vorsicht geboten, bevor man diesen Enthüllungen blind vertraut.
Ciao
Sorrento