Von guten und bösen Demonstrationen
Ich war ja am Samstag hier in Leipzig auf der Demo, wobei ich als feiger Mann bekennen muss, ich war eher bei der Demo. Ich schreibe das nur, weil mich die doppelten Standards eben auch ankotzen - hier die Kreativität der Demonstranten, wo es den selbsternannten Demokraten passt, und dort die Diskreditierung der Demonstranten.
Ich wollte ein wenig mit den Teilnehmern und Polizisten plaudern, um mir ein Bild zu machen.
Es gab sieben Fraktionen: 1. Polizisten (wobei da völlig unterschiedliche "Truppen" unterwegs waren), 2. Profidemonstranten (wütende Bürger, agent provokateurs, Rechte und Querdenker), 3. Antifa (Kinder und Männer), 4. sympathisierende Beobachter, 5.Freaks, 6. Gaffer und 7. unbeteiligte Touris und Bürger, die eben in der Innenstadt shoppen waren.
Ich gehörte zur Gruppe der sympathisierden Beobachter. Die Demo war ja angemeldet, aber mir fiel sofort auf, dass alles völlig ungeordnet war und nicht klar war, wo die verschiedenen Gruppen sich hinbewegten. Das führte dazu, das man plötzlich vom Beobachter zum Profidemonstranten gemacht wurde. Das geschah in dem Moment, wo die Polizei einscheidet, die Demo oder Teile für illegal zu erklären, weil die Zeit abgelaufen ist oder zu viele sich versammelt hätten oder die Hygieneregeln missachtet werden und dann beginnt, mit Polizeitruppen willkürlich abzusperren. Selbst Touris und Beobachter kommen dann nur noch schwer aus der Absperrung raus und werden eingeschüchtert.
Die Demonstration, die nicht auf den Ring durfte, verlagerte sich dann unerlaubterweise auf die Grimmasche Straße, eine Haupteinkaufsstraße. Hier geriet ich zweimal selbst in einen Vorkessel, der dann zu einem geschlossenen Kessel gemacht wurde. Das ist nicht schön, wenn man da Polizisten gegenübersteht, die einen da nicht rauslassen. Selbst dran schuld, musst ja nicht da sein, andererseits waren da eben viele Touris und Unbeteiligte, den es ebenso ging. Eine alte Frau, die neben mir stand und da raus wollte, wurde von einem Polizisten zu Boden geschubst und guckte ganz doof. Mitgefangen, mitgehangen. Doch man kann durch das plötzliche Bauen des Vorkessels garnicht der Situation entkommen, vom Beobachter zum Protestanten zu werden, der dann von den Polizisten als potentieller Gegner angesehen wird. Die Stimmung war aufgeheizt, hier und da Rangeleien, ich vermute vor allem von agent provokateurs angezettelt.
Es gibt natürlich völlige Unterschiede im Auftreten der Polizisten. Am Beeindruckendsten für mich waren die "Sturmtruppen" in Zweierreihen in voller Montur, die dann absperren. Gekleidet wie bei Star-Wars irgendwie. Und die Reitertruppe. Plötzlich tauchten zur Einschüchterung mitten in der Grimmaschen Straße Polizisten und schöne Polizistinnen auf schönen Pferden auf und sperrten mit klappernden Hufen auf den Steinen ab. Dazu Mannschaftswagen - einer der Beobachter rief: die Mauer ist wieder da! Was genau in dem Kessel vor sich ging, das kann ich nicht sagen.
Überall waren kleine Antifatrupps unterwegs, die mit North-Face Jacken gekleidet waren und Masken trugen, Jugendliche und junge Männer, wirklich alle mit Masken, was ihnen wohl entgegenkommt, da sie sich sowieso maskieren. Es gab da außerhalb des Kessels Beleidigungen, kurzes Handgemenge.
Ich hatte den Eindruck, dass die Demonstration der "Nazis" gewaltfrei verlaufen wäre, wenn man nichts gemacht hätte - die Aggression ging meines Beobachtung vom martialischen Auftreten der Polizei, die die Aufgabe hat, einzuschüchtern und der Antifa aus. Ich war aber nicht im Kessel und kann deswegen nur diese Beobachtung schildern.
Ich war beeindruckt auch vom Ungehorsam, den Einige aufbrachten. Ich bewundere jetzt auf jeden Fall noch mehr die Montagsdemonstranten vor mehr als dreißig Jahren. Ich vermute ja, dass das nicht entscheidend war, auch wenn da so Mythen gestrickt werden, sondern der politische Würfel längst woanders schon gefallen war und es nur darum ging, die Claims abzustecken, aber sei's drum.
O.