Leserzuschrift: Kapitel 2 aus dem Buch "China Morgana - Chinas Zukunft und die Selbsttäuschung des Westens" von James Mann - Teil 2

Ikonoklast, Dienstag, 25.07.2023, 10:02 (vor 959 Tagen) @ Ikonoklast2703 Views

Zusammenfassung

Wer integriert hier wen?
Amerika hat sich im Hinblick auf China eines falschen Paradigmas bedient. Tag für Tag betreiben amerikanische Amtsträger eine Politik, die auf bestenfalls fragwürdigen, schlimmstenfalls rundweg falschen Annahmen über die Zukunft Chinas beruht.

Amerikas Mangel an Vorstellungskraft in Bezug auf China ist in mancher Hinsicht mit seiner Unfähigkeit vergleichbar, mit dem Terrorismus fertig zu werden. In beiden Fällen ist das größte Hindernis konzeptioneller Art. Nach den Anschlägen vom 11. September wurde deutlich, dass die Administration von George W. Bush auf der internationalen Ebene praktisch ihre gesamte Aufmerksamkeit auf Bedrohungen durch konventionelle Staaten wie Nordkorea gerichtet hatte, während sie die Gefahren, die von sogenannten »nichtstaatlichen Akteuren« ausgehen - das heißt von transnationalen Organisationen wie Al-Qaida - verkannte. Diese Obsession mit konventionellen Staaten war ein falsches Paradigma.

Bei China geht der konzeptionelle Irrtum der USA in die entgegengesetzte Richtung. Dieses Mal liegt das Scheitern Amerikas nicht in seiner Unfähigkeit, einen wichtigen Wandel wie den Aufstieg von Al-Qaida zu erkennen (ich argumentiere ausdrücklich nicht, wie es einige politisch Rechtsorientierte tun, dass sich China in Zukunft zu einer unvorstellbaren militärischen Bedrohung der Vereinigten Staaten entwickeln wird).

Im Gegenteil, im Falle Chinas liegt der Fehler schlicht in der Annahme, dass ein Wandel kommen wird. Amerika hat nicht viel darüber nachgedacht, was es für die USA und den Rest der Welt bedeuten könnte, auch noch in drei Jahrzehnten mit einem repressiven, von einer einzigen Partei beherrschten China leben zu müssen, weil man weithin davon ausgeht, dass Chinas politischem System ein weitreichender Wandel vorherbestimmt ist: eine politische Liberalisierung, die schließlich zur Demokratie führen wird. China wird zwar in einem Vierteljahrhundert sicherlich ein reicheres und mächtigeres Land sein, aber es könnte immer noch in dieser oder jener Form eine Autokratie bleiben. Seine Führung (die Kommunistische Partei, oder wie immer sie sich in Zukunft nennen wird) könnte genauso wenig gewillt sein, eine organisierte politische Opposition zuzulassen, wie heute. Das ist eine Aussicht mit schwerwiegenden Folgen für Amerika und den Rest der Welt. Und es ist eine Aussicht, die wir mit unserem gegenwärtigen Paradigma eines sich unweigerlich verändernden Chinas offenbar nicht ins Blickfeld bekommen können.

Das Paradigma eines Chinas auf dem Weg zu politischer Liberalisierung setzte sich in den USA fest, weil es bestimmten Interessen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft diente. Zuerst, in den späten siebziger und achtziger Jahren, nützte diese Vorstellung dem nationalen Sicherheitsestablishment. Damals strebten die Vereinigten Staaten eine enge Kooperation mit China gegen die Sowjetunion an, damit sich diese gleichzeitig um Amerika und China sorgen musste. Es war für das Pentagon vorteilhaft, dafür zu sorgen, dass große Truppenverbände der Sowjetunion an der chinesisch-sowjetischen Grenze gebunden blieben, die andernfalls in Europa hätten aufgestellt werden können. Inmitten der ideologischen Kämpfe des Kalten Krieges war die Kooperation mit dem kommunistischen Regime Chinas in Washington politisch heikel. Daher half die Vorstellung, dass Chinas politisches System im Begriff stehe, sich zu öffnen, dabei, Bedenken im Kongress und in der amerikanischen Öffentlichkeit zu zerstreuen.

In den neunziger Jahren, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, zog das Paradigma eines sich politisch wandelnden Chinas eine neue Anhängerschaft an, die in mancher Hinsicht mächtiger als das Pentagon war: die Wirtschaft. Als Handel mit und Investitionen in China immer wichtiger wurden, sahen sich amerikanische Unternehmen (und ihre Pendants in Europa und Japan) wiederholt von der Frage bedrängt, warum sie mit einem repressiven Regime Geschäfte machten, das erst vor so kurzer Zeit mit Panzern auf unbewaffnete Bürger losgegangen war. Das Paradigma des unvermeidlichen Wandels bot multinationalen Konzernen die Antwort, die sie brauchten. Nicht nur war es Chinas Bestimmung, sein politisches System zu öffnen, sondern - so die religiöse Glaubensüberzeugung - der Handel würde der Schlüssel sein, um diese Tür aufzuschließen: Handel würde zu politischer Liberalisierung und Demokratie führen. Das Problem ist, dass sich das gesamte Paradigma als falsch erweisen könnte.

[..]

Ich habe nie ein Buch geschrieben, bei dem ich so glühend gehofft habe, eines Besseren belehrt zu werden. Es wäre herzerwärmend, wenn Chinas Führer jenen Weg beschreiten, den amerikanische Politiker vorhersagen. Es wäre wunderbar, wenn sich China, entweder Schritt für Schritt oder schlagartig zu einem neuen politischen System öffnete, in dem die 1,3 Milliarden Menschen des Landes die Chance erhalten, ihre eigenen Volksvertreter zu wählen. So sehr ich mir eine solche Entwicklung wünsche, werde ich nicht blindlings darauf vertrauen und warten


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