Der Schlaf - Bruder des Todes

Falkenauge, Freitag, 31.01.2020, 14:05 (vor 2201 Tagen) @ Otto Lidenbrock2738 Views

Liebes Falkenauge,

ob es eine Reinkarnation der menschlichen Seele tatsächlich gibt oder
nicht, weiß niemand, der sich aktuell unter den Lebenden befindet, mit
Sicherheit. Es mag sein, dass er fest daran glaubt und sich nicht
vorstellen kann, dass sein jetziges Sein mit dem Tod seines physischen
Körpers ganz einfach ein absolutes Ende finden wird. Die meisten Menschen
sehen ihre eigene Sterblichkeit lieber als weit entfernte Möglichkeit an,
mit der man sich möglichst erst spät befassen sollte. Der gleichzeitige
Gedanke an ein weiteres Leben im Jenseits bzw. im Diesseits ist dabei
natürlich sehr tröstlich, lenkt ab und verschafft ein klein wenig
trügerische Sicherheit.
Natürlich kann auch ich die Möglichkeit einer Seelenwanderung oder einer
Existenz im Jenseits in meiner Eigenschaft als kleines Menschlein, das so
wenig weiß, nicht mit Sicherheit ausschließen.
Ich bin da eher pragmatisch veranlagt und vertraue meinem Verstand und
meinen Sinnen, auch wenn ich von beiden weiß, dass sie weder perfekt sind
noch die Wahrheit abbilden bzw. erkennen können. Und da ist es eben so,
dass ich noch niemals das Gefühl hatte, dass ein Teil von mir diese Welt
schon jemals bewohnt haben könnte.
Wenn mein Bewusstsein des nachts während des Schlafes die Kontrolle
abgibt, träume ich (so sagt die Wissenschaft jedenfalls), kann mich aber
nach dem Erwachen an diese Träume nur noch unvollständig erinnern, wenn
überhaupt. Den größten Teil des Schlafes verbringe ich dagegen wie einen
Tod, denn mein Bewusstsein war während vieler Stunden ausgeschaltet. In
diesem Zeitraum war ich also tatsächlich nicht bewusst existent und so
stelle ich mir auch meinen physischen Tod vor. Ich bin einfach nicht mehr,
genauso, wie ich es jeden Tag auf's Neue erlebe.

Liebe Grüße, Otto

Lieber Otto,

Du hast das schöne alte Bild vom Schlaf als Bruder des Todes nicht zu Ende gedacht.
So wie wir im Schlaf (vom Tagesbewusstsein aus gesehen) in Bewusstlosigkeit versinken und nach einiger Zeit wieder mit frischen Kräften erwachen und unsere Arbeit dort wieder aufnehmen, wo wir sie am Tag zuvor unterbrochen haben, so versinken wir nach dem Tode (von hier aus gesehen) in die Bewusstlosigkeit des nachtodlichen Lebens, aus dem wir nach einiger Zeit wieder mit frischen Kräften zu einem neuen Erdenleben erwachen und unsere Arbeit (an uns selbst) dort wieder aufnehmen, wo wir sie unterbrochen haben.

Das ist, meine ich, der eigentliche tiefere Sinn des Bildes vom Schlaf als kleinem Bruder des Todes.

Man kann dazu stehen, wie man will, aber man kann dem eine tiefere Logik nicht absprechen. Vor allem ist es zumindest viel wahrscheinlicher als die Sinnlosigkeit des absoluten Endes eines einmaligen Lebens, das wie Rauch aufsteigt und dann in nichts zerfällt. Wozu?


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