Der deutsche Arbeitsmarkt scheint total aus den Fugen geraten zu sein

Plancius @, Sonntag, 04.02.2024, 19:53 vor 22 Tagen 5385 Views

bearbeitet von Plancius, Sonntag, 04.02.2024, 20:00

Vorige Woche Bekannte in einem privat geführten Gartenmarkt mit Floristik besucht. Die Bekannte, Floristin von Beruf, ist vergangenes Jahr nach 45 ununterbrochenen Berufsjahren in Rente gegangen. Als Floristin hat sie immer wenig verdient und bekommt nur eine geringe Rente. Sie arbeitet daher noch immer montags bis sonntags im Gartenmarkt. Zwar keine 40 Stunden mehr, aber immerhin noch 30 Stunden.

Ihr Chef hat sie gebeten, weiter zu arbeiten. Es gibt schon seit ein paar Jahren keinen Nachwuchs mehr. Deshalb kann er viele Aufträge gar nicht mehr annehmen. Immerhin haben wir hier eine hohe Schlösser- und Herrenhausdichte, wo viele Hochzeiten und sonstige Feierlichkeiten stattfinden. Die Kunden gehen leer aus und können sich häufig noch nicht mal einen Blumenstrauß per Fleurop schicken lassen. Denn der wird ja auch von einem Vertragsfloristen vor Ort gefertigt.

Letzten Sommer Kanutour auf der Mecklenburgischen Seenplatte. Kanuverleiher klagt darüber, dass er kein Saisonpersonal für Ausgabe und Reinigen der Boote findet. Früher habe das auch schon mal Studenten und Schüler gemacht. Die scheinen aber jetzt genügend Geld von den Eltern zu bekommen. Sie fragen keine Ferienjobs mehr nach. Potentielle ortsansässige Helfer verlangen 25 Euro/Stunde, was absolut illusorisch ist. So kann nur noch er als Verleiher oder ein Familienmitglied die Boote ausgeben. Die nur notdürftig gereinigten Boote machen keinen guten Eindruck.

Ortsansässige Baufirma hat nur noch Babyboomer an Bord. In ein paar Jahren kann der Laden aus Mangel an Bauarbeitern zugemacht werden.

Der öffentliche Dienst saugt wie ein Staubsauger die Nettosteuerzahler aus der freien Wirtschaft ab.
Nach Corona hat man überall die öffentlichen Stellen wegen des seitdem angestiegenen Krankenstandes um 11% angehoben. Das betrifft auch die kommunalen Betriebe, z.B. für Wasser und Abwasser. Die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst erhalten ca. 500 bis 800 Euro netto mehr als in ihren alten Jobs in der freien Wirtschaft.

Ehemals ehrenamtliche und Hobby-Ornithologen usw. sind in den letzten Jahren durch gut bezahlte hauptamtliche Nationalparkranger ersetzt worden.

In der 10. Schulklasse des Enkels an der örtlichen Regionalschule erlernt so gut wie niemand einen produktiven Beruf. Fast ausnahmslos alle möchten in den öffentlichen Dienst und in sichere und möglichst bequeme Bürojobs. Gefragt sind Tätigkeiten in der Gemeindeverwaltung, auf Arbeitsamt, Finanzamt, Gericht, in kommunalen Betrieben, in Wohnungs- und Immobiliengesellschaften. Krankenschwester, Friseuse, Kfz-Schlosser, Elektriker, … - absolute Fehlanzeige. Das will keiner mehr machen.

Der einzig begehrte Beruf, wo man sich ggfs. schmutzig macht, ist erstaunlicherweise der des Schornsteinfegers, und das sogar bei den Mädchen. Wird natürlich auch von den Eltern promoted, weil man selbstständig viel Geld mit einer staatlich abgesicherten Lizenz zum Gelddrucken verdienen kann.

Der Weggang der Babyboomer aus den produktiven Berufen hinterlässt mehr und mehr eklatante Lücken in den Betrieben. Daher auch der massive Qualitätsverlust allerorten. Die Leute müssen immer mehr Arbeitspensum in der gleichen Zeit erledigen.

Der Prozess der Entleerung des Arbeitsmarktes wird etwas abgebremst, weil sich der Trend zum Arbeiten trotz Rente in den nächsten Jahren stark verstärken wird. Die Renten abseits der Beschäftigten, die keine betriebliche Altersversorgung erhalten, sind trotz lebenslangen Arbeitens nicht mehr auskömmlich.

Trotz dieser Lücken auf dem Arbeitsmarkt richten sich immer mehr Leute, u.a. der Großteil der Immigranten und Flüchtlinge, im Sozialsystem ein. Das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens in Form des Bürgergeldes kann man schon jetzt als gescheitert ansehen.

Früher hieß es, unser Land kann nicht davon leben, indem wir uns gegenseitig die Haare schneiden. Aber dafür gibt’s ja auch bald schon keine Friseure mehr. (Ja ich weiß, die Barber stopfen aktuell schon diese Lücke.)

In Zukunft wird es wohl heißen, wir können unsere Wirtschaft nicht darauf aufbauen, indem wir gut bezahlt die Vögel beobachten.

Gruß Plancius

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"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad an Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand." ARTHUR SCHOPENHAUER

Zu meiner Zeit waren die Traumberufe tatsächlich "Friseuse, Kfz-Schlosser" (heute heißt das übrigens Frisörende*Innen oder so). Generation davor: Lokführer .... owT

Hannes, inmitten des Landes S-A d. BRD in der EU, Sonntag, 04.02.2024, 20:34 vor 22 Tagen @ Plancius 2068 Views

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Eine Hand für den Mann und eine Hand für das Schiff.

Die Leute sind massiv demotiviert und verweigern ihre Arbeitskraft.

Durran @, Sonntag, 04.02.2024, 21:13 vor 22 Tagen @ Plancius 3658 Views

Das kann man überall beobachten. Scholz meinte ja jeder soll Stunden mehr die Woche arbeiten damit der Staat mehr Einnahmen bekommt.

Wie wäre es denn mal mit einer Entlastung für die Arbeitnehmer. Steuern und Abgaben runter. Mehr Netto vom Brutto. so wie seit Jahrzehnten versprochen.

Vor Wochen stand ich bei minus 8 Grad und Starkwind auf dem Feld und musste im Freien Arbeiten.
Den ganzen Tag mit eiskalten Füßen und Händen, obwohl es ja nicht meine Aufgabe ist aber andere Kollegen entweder krank oder verhindert waren. Personalmangel halt.

Da habe ich mir überlegt, die Hälfte meines hart verdienten Lohns kassiert der Staat ohne sich daran auch nur mit irgend etwas zu beteiligen. Ich zahle noch meine Auto und meinen Sprit, kaufe mir mein Essen und muss zu Hause noch die Klamotten waschen. Alles bezahlt von meinem Netto.

Das Geld wird am Monatsende knapp und das meiste von einer etwaigen Lohnerhöhung nimmt sich doch wieder der Staat.

Kann es sein, dass die Leute einfach keinen Bock mehr haben. Wer soll denn diesen ganzen Scheiß noch machen? Ein großer Teil hat sich auf Bürgergeld eingestellt.

Ein lumpiger LKW Fahrer in der Schweiz verdient Brutto ungefähr 70.000 Euro im Jahr Brutto.
Davon bleiben 60.000 Euro Netto übrig.

In Deutschland verdient er vielleicht 30.000 Euro wovon unter Umständen nur 18.000 Euro übrig bleiben. Die Preise gleichen sich jedoch immer mehr an.

Wie auch immer, das ganze Gefüge ist völlig kollabiert. Deutschland ist einfach zu alt, zu rückständig und viel zu dumm.

Man hat gedacht alles mit Einwanderung statt vernünftiger Familienpolitik zu regeln. Heute können wir sagen, dass hat nicht geklappt.

Erfolgreich Gemeinsinn zerstört?

Hannes, inmitten des Landes S-A d. BRD in der EU, Sonntag, 04.02.2024, 21:21 vor 22 Tagen @ Durran 3015 Views

Hi @Durran,

wenn ich mich an meine Lehre zurückerinnere: Ich fand das völlig normal, weil ja Alle, für irgendwas Gemeinsames, im Dreck 'rummmachten, bei Kälte und so, oft Quälerei und Knochenbruch, bei mir Kraftwerk und später "Stromautobahn". Da gab es auch tödliche Arbeitsunfälle, das war auch OK für mich. Und den Wehrdienst machte ich auch, weil es normal war, irgendwie schon für das Volk, das alles, habe ich so empfunden. Bin heute schlauer und die heutige Jugend wohl auch ...

[[ironie]]

Gute Nacht

H.

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Eine Hand für den Mann und eine Hand für das Schiff.

Ist alles richtig, was du schreibst, aber der mangelnde Weitblick fast aller Eltern für ihre Sprösslinge ist schon seltsam ...

Plancius @, Sonntag, 04.02.2024, 21:31 vor 22 Tagen @ Durran 3119 Views

... Ich verstehe es ja, wenn die Eltern ihre Sprösslinge im gut verdienenden öffentlichen Dienst unterbringen möchten. Neben dem Verdienst spielen auch noch andere Faktoren eine Rolle.

- Die Höhe des Lehrlingsgehalts. Im Handwerk wird hier z.B. als Kfz-Schlosser eine geringe Vergütung gezahlt, eine Ausbildung als Installateur für Wasseruhren bringt das Doppelte oder Dreifache an Lehrlingsgeld plus später einen höheren Lohn im öffentlichen Dienst ein.

- Es wird nach Berufen mit wenig Arbeitsbelastung und Wettbewerbsdruck gesucht. Die Sprösslinge erwarten eine ausgewogene Work-Life-Balance und möchten ohne größere Schäden ihre Rente erleben.

- Im Osten haben viele Eltern/Großeltern ein Trauma von der hohen Arbeitslosigkeit nach der Wende weg. Mehr als die Hälfte im gewerblichen Bereich hat die Arbeitslosigkeit getroffen, während öffentlich Bedienstete in lauen Jobs gut bezahlt nie diese Wirrnisse des Lebens durchleben mussten.

Aber trotz alledem kritisiere ich die mangelnde Weitsicht der Eltern. In absehbarer Zeit wird unser Land, so wie wir es kennen, nicht mehr existieren. Vielleicht muss man dann im Ausland sein Glück suchen.

Aber wer kann in Zukunft hier wie dort mit einem Sachbearbeiter Bürgergeld noch was anfangen? Es wird schlicht bald nichts mehr zu verteilen geben.

Mit einem ordentlichen Beruf, für den es immer eine Nachfrage gibt, schließlich haben Menschen immer Bedürfnisse, kann man sich auch in unsicheren Zeiten irgendwie durchschlagen.

Aber als Nationalparkranger? Ich weiß ja nicht. Das ist ein Schönwetterjob.

Gruß Plancius

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"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad an Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand." ARTHUR SCHOPENHAUER

Den Pionierleitern oder Betriebsparteilleitern ging es doch in der DDR auch ganz gut.

Durran @, Sonntag, 04.02.2024, 21:50 vor 22 Tagen @ Plancius 2530 Views

Leider war deren Karriereplanung mit dem 09. November 1989 plötzlich und unerwartet beendet.

Diese Erfahrung müssen im Westen erst noch einige machen.

Ohne funktionierende Wirtschaft und entsprechende Netto Steuerzahler wird es keinen öffentlichen Dienst mehr geben. Zumal die Bandagen auch dort härter werden.

Wie man so hört gibt es bei den Finanzämtern massive Kündigungswellen der Mitarbeiter. Auch die Steuerberater klagen über existenzbedrohende Personalnot.

Die Bürokratie frisst sich sozusagen selber auf.

Du kannst nicht als Facharbeiter irgendwo 10 Euro netto die Stunde verdienen und 180 Euro die Stunde im Autohaus oder für einen Handwerker bezahlen. Da wird es schon schwer die Miete mit Nebenkosten zu bezahlen. Zumindest in den Ballungsräumen.

Man könnte wohl noch hunderte Beispiele nennen. am ende muss man feststellen, dass das ganze Gefüge zusammengebrochen ist.

Das Sozialsystem wird immer teurer und aufgeblasener, die Leistungsträger immer mehr belastet und es gibt immer weniger motivierte Leistungserbringer.

Und dann hast du ja die gut verdienenden und wenig belasteten Fachkräfte die ihr Leben genießen wollen. Urlaub, Restaurant, das frische Bäckerbrötchen. doch das wird immer schwieriger. Zumindest Bäcker und Restaurant werden immer weniger. Und in die Innenstädte will auch keiner mehr.

Nicht umsonst ist das KaDeWe pleite gegangen. wer will schon freiwillig in einem Shithole shoppen gehen.

Ich weiß nicht, ob das nur von den Eltern ausgeht...

Andudu, Montag, 05.02.2024, 07:26 vor 22 Tagen @ Plancius 2144 Views

Aber trotz alledem kritisiere ich die mangelnde Weitsicht der Eltern.

Man gibt den Kindern schon Tips, was man machen könnte, aber der Einfluß ist im Endeffekt geringer, als man glaubt.

In absehbarer Zeit wird unser Land, so wie wir es kennen, nicht mehr existieren. Vielleicht muss man dann im Ausland sein Glück suchen.

Das bereitet mir auch Kopfzerbrechen.

Mit einem ordentlichen Beruf, für den es immer eine Nachfrage gibt, schließlich haben Menschen immer Bedürfnisse, kann man sich auch in unsicheren Zeiten irgendwie durchschlagen.

Ja, aber ein Zusammenbruch ist irgendwann, ich persönlich warte seit 15 Jahren darauf...

Der Absturz muss langsam und gründlich erfolgen

FOX-NEWS @, fair and balanced, Montag, 05.02.2024, 00:06 vor 22 Tagen @ Plancius 3360 Views

Nur so wird eine nachhaltige Zerstörung aller Grundlagen erreicht, so daß keine Rückkehr mehr möglich ist ... würden natürlich nur Rechtsradikale den Grünen nachsagen. [[zwinker]]

Wenn keiner mehr etwas lernt, was nützlich ist, kommt man diesem Ziel umso näher. [[top]]

Grüße

--
[image]
Läuft in Deutschland ...

Hab darauf ausführlich im Le Penseur geantwortet (oT)

helmut-1 @, Siebenbürgen, Montag, 05.02.2024, 12:47 vor 22 Tagen @ Plancius 1455 Views

Zur Schieflage Arbeitszeit zu Gegenleistung noch ein paar Zeilen vom Herr Lehrer ...

Der gestiefelte Kater @, Mittwoch, 07.02.2024, 21:05 vor 19 Tagen @ Plancius 800 Views

Derzeit arbeite ich u.a. als Lehrer an privaten deutschen Waldorfschulen auf Honorarbasis für allerhöchstens 25,- EUR / Zeitstunde. Manche dieser Schulen haben so Vorstellungen wie 22,- EUR / Zeitstunde, weil das seit Jahren in ihren Gehaltsordnungen so drin steht. Wir sprechen von Brutto. Die für Physik / Mathe / Computerkunde nötige Zugangsvoraussetzung dafür waren insgesamt 8 Jahre selbstfinanziertes, abgeschlossenes Studium (zwei Studiengänge), hinzu kommen Erfahrungen im IT-Geschäft.

Neulich war ich - ausnahmsweise - beim Freundlichen, also der freien KfZ-Werkstatt vor Ort (Simmering obenliegende Nockenwelle wegen Ölverlust). 100,- EUR / Std., Gesamtrechnung 1000,- EUR (nachher hatte er soviel Ölverlust wie vorher wegen schlampiger Arbeit). Der alte, deutsche KfZ-Meister verdient für seine Tätigkeit (Autos reparieren ist eine einfache Angelegenheit!!!) das Vierfache! Und ich war 10 Tage (!) für seine 10 Stunden (!) arbeiten.

Konsequenz: Nie wieder. Mach ich selber oder lass es im Osten machen. Besorg ich mir eben diese blöde Messuhr zum Einstellen des OT usw., alles kein Hexenwerk. Wenn ich dadurch weniger Zeit zum unterrichten habe, weil ich wochenlang unter meinen Autos hänge (ja, das ist de facto schon jetzt so), dann ist das ein interessantes gesellschaftliches Karma beim berühmten Lehrermangel. Denn ich gehe - auch deswegen - weit weniger unterrichten, als ich gebraucht wäre, obwohl mir mein Beruf Spaß macht.

Ich muss immer wieder feststellen, dass die Generation, die gedanklich und emotional noch in den 70ern bis 80ern lebt, hier und da, v.a. im Süden der BRD oder auch in der Schweiz, doch ein dickes Fettpolster hat (in jeder Hinsicht ...). Sie sitzen am Drücker und ich wundere mich jedes Mal über ihre diversen Vorstellungen bei den Vertragsverhandlungen, überall soll kein Geld da sein, aber woanders sehe ich es an mir vorbei fließen. Deswegen: Ich komme immer nur kurz und gehe schnell. In Germany ein Zelt aufschlagen bei dieser Schieflage Arbeitszeit zu Gegenleistung, no thanks, ne dekuji, no gracia ...

Absolut richtig

helmut-1 @, Siebenbürgen, Donnerstag, 08.02.2024, 08:09 vor 19 Tagen @ Der gestiefelte Kater 574 Views

In der heutigen Zeit, wo der Lehrer oftmals die Person ist, die das Fehlverhalten der Eltern bei der Erziehung korrigieren muss, ist die Lehrperson absolut unterbezahlt.

In einem anderen Kommentar hab ichs benannt: Mein jüngster Sohn, noch keine 30, aber sehr engagiert in seinem Beruf als Landschaftsgärtner mit allen technischen Kenntnissen (Beregnungsanlagen, Pumpen und Filter bei Swimming-Pools, alles einschl. Digitalkenntnissen für die Programmierungen) hat ein gutes Einkommen in seiner Firma. Nebenher arbeitet er schwarz und kassiert pro Stunde 50 € bar auf die Kralle. Dabei wird seine Warteliste immer länger.

Da seine Firma sehr daran interessiert ist, ihn zu halten, bekommt er auch jederzeit benötigte Werkzeuge und Geräte von seiner Firma geliehen (einschl. Bagger). Hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass er öfters dorthin geschickt wird, wo seine Kollegen nicht mehr zurechtkommen.

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