Interview mit Gottfried Helnwein: Wie Künstler reden, die nicht am Gängelband des Staates hängen

Phoenix5, Mittwoch, 05.06.2019, 18:48 vor 431 Tagen 3293 Views

Wer Helnweins Kunst schätzt, wird nach diesem Interview auch seinen Scharfsinn zu schätzen wissen. Nicht, dass er wirklich an den Kern der Problematik gelangen würde, aber der Unterschied zum Geschwätz der Staatskünstler ist frappierend:

https://derstandard.at/2000104348470/Gottfried-Helnwein-Trump-ist-ein-Antikriegspraesident

Daraus:

"Die Dominanz der USA basiert ja nicht nur auf ihrer militärischen Übermacht, sondern vor allem auf der propagandistischen Überlegenheit ihres weltweiten Nachrichtenmonopols. Von daher kommt auch diese sogenannte Political Correctness. Sie ist ein raffinierter propagandistischer Trick, der alles aushebelt und ersetzt: Ethik, Moral, Rechtsstaatlichkeit."

Beste Grüße
Phoenix5

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Ein Buch für Keinen - Der Kapitalismus nach Paul C. Martin

Phantastisch, dieser Bewunderer des Donald-Duck-Zeichners Carl Barks

Tempranillo @, Mittwoch, 05.06.2019, 19:11 vor 431 Tagen @ Phoenix5 2073 Views

Hallo Phoenix5,

vielen Dank für den Link zu Gottfried Helnweins famosem Interview, in dem ich viele meiner Ansichten wiederfinde.

Zum Beispiel:

Helnwein: Der kulturelle Höhepunkt der Menschheit hat nach meinem Verständnis in Europa stattgefunden, und zwar in der Zeitspanne von der Gotik bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Es war eine Explosion an Kreativität wie niemals zuvor irgendwo auf der Welt: in der Baukunst, der Musik, der Malerei, der Literatur und der Philosophie. Es ist das große Wunder der Menschheitsgeschichte. Für mich ist das aber auch mit Wehmut verbunden, weil es gerade zugrunde geht. Wir treten in ein völlig neues Zeitalter ein.

Das Ende der europäischen Kreativität hat in meinen Augen etwas mit der Heraufkunft und Globaldominanz der Anglobestialität zu tun.

Helnwein: Shakespeares "Macbeth" ist zeitlos, eine brillante Analyse von Korruption und Macht und heute genauso aktuell wie vor 500 Jahren. In der Inszenierung von Kresnik 1988 haben wir auf die Parallelen zur damaligen Barschel-Affäre hingewiesen. Auch da haben im Kampf um Einfluss und Macht geheimdienstähnliche Methoden eine Rolle gespielt, so wie heute 2019 in Ibiza.

Alle Teile der Kulturgeschichte Europas sind in dem Sinne zeitlos, als sie turmhoch aus dem Fäkalsumpf Angloamerikas herausragen.

Helnwein: Niemals. Im Gegenteil. Ich glaube, dass es manchmal die Aufgabe des Künstler sein kann, auch die Dinge anzusprechen und sichtbar zu machen, die die Menschen lieber vergessen und verdrängen würden. Ich sehe mich in der Tradition zu Künstlern wie Francisco de Goya mit seinen "Desastres de la Guerra", der wahrscheinlich auch an die kathartische Kraft der Kunst geglaubt hat.

Natürlich, volle Zustimmung! Aber nicht, um sich wie eine Drecksau in Stumpfsinn und amerikanischen Gewaltdarstellungen zu suhlen.

Helnwein: Die faschistoide Ästhetik hat tatsächlich Spuren in der späteren Rockmusik hinterlassen.

Vorläufer der faschistoiden Ästhetik finden sich bei Wagner (Meistersinger, Götterdämmerung) und Verdi (Aida, Triumphszene).

Helnwein: In den USA haben wir heute praktisch eine Diktatur der Konzerne, deren Macht und Einfluss dank der neuen Technologien bis in den hintersten Winkel des Planeten reicht. Nun hat diese Elite der Milliardäre und Monopolisten wie Bezos, Gates, Zuckerberg und Buffett auch noch die Demokratische Partei beschlagnahmt und sich selbst zur neuen Linken, oder Liberals, wie sie hier heißen, ernannt. Das könnte erklären, warum die gute alte Kapitalismuskritik durch Political Correctness ersetzt wurde.

Meine Rede seit vielen Jahren: Demokratie = Geldherrschaft oder Herrschaft des organisierten Verbrechens.

Helnwein: Sahra Wagenknecht war, soweit ich weiß, die einzige Linke, die es gewagt hat, diese Thematik anzusprechen, worauf ihr natürlich alles um die Ohren flog. Dabei ist die Massenmigration ja nur der zweite Teil des Problems. Der erste Teil, der eigentliche Grund für diese Völkerwanderung, wird aus der Debatte völlig herausgehalten: die gnadenlose Vernichtungs- und Plünderungspolitik des angloamerikanischen Imperiums und von dessen Verbündeten, deren Sanktionen und Massenbombardements große Teile des Mittleren Ostens und anderer Teile der sogenannten Dritten Welt unbewohnbar gemacht haben.

Kommentar überflüssig. Außer vielleicht, daß Helnwein die Völkermordpolitik des angloamerikanischen Imperiums erwähnen hätte können. Aber das ist vielleicht zu viel verlangt, und wir wollen die Kirche doch im Dorf lassen.

Tempranillo

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*Die Demokratie bildet die spanische Wand, hinter der sie ihre Ausbeutungsmethode verbergen, und in ihr finden sie das beste Verteidigungsmittel gegen eine etwaige Empörung des Volkes*, (Francis Delaisi).

Europas explodierende Kreativität

Tempranillo @, Mittwoch, 05.06.2019, 20:30 vor 431 Tagen @ Tempranillo 1924 Views

Helnwein: Der kulturelle Höhepunkt der Menschheit hat nach meinem
Verständnis in Europa stattgefunden, und zwar in der Zeitspanne von der
Gotik bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Es war eine Explosion an
Kreativität wie niemals zuvor irgendwo auf der Welt: in der Baukunst, der
Musik, der Malerei, der Literatur und der Philosophie. Es ist das große
Wunder der Menschheitsgeschichte. Für mich ist das aber auch mit Wehmut
verbunden, weil es gerade zugrunde geht. Wir treten in ein völlig neues
Zeitalter ein.

Für diesen Absatz hätte Helnwein einen Orden verdient!

Ein Beispiel für Europas explodierende Kreativität, die den Vorzug hat, niemandes Fassungsvermögen über Gebühr zu beanspruchen, worin ich ein Merkmal der tiefen und selbstverständlichen Humanität des alten Kontinents sehe:

https://www.youtube.com/watch?v=aRue8CY5tYg

Die Kreativität Mozarts zeigt sich nicht allein daran, daß es irgendwie nur gut klingt und einen inspirierten Eindruck macht, ganz so einfach liegen die Dinge nicht.

Im ersten Satz kommt vor dem triumphalen Einsatz des Solisten ein unerwarteter, fast improvisatorischer Einschub, bevor der Geiger loslegen muß und die drunterliegende Orchestereinleitung strahlend ergänzt und erweitert.

Die Sache hat also, wie fast immer bei Mozart, einen doppelten Boden, der so raffiniert und in den Zusammenhang integriert ist, daß man ihn kaum bemerkt. Indirekt vielleicht, indem das Ganze trotz der vielen unterschiedlichen Gedanken geschlossen wirkt.

Frank-Peter Zimmermann spielt vorzüglich. Ich nehme an, sein Instrument ist eine etwa 300 Jahre alte Stradivari, die Lady Inchiquin, deren Preis sich bei 5,8 Millionen Euro bewegen dürfte. Nicht schlecht für die Arbeit eines Cremoneser Handwerkers.

Tempranillo

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*Die Demokratie bildet die spanische Wand, hinter der sie ihre Ausbeutungsmethode verbergen, und in ihr finden sie das beste Verteidigungsmittel gegen eine etwaige Empörung des Volkes*, (Francis Delaisi).

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