Die abiotische Theorie ist wissenschaftlich interessant und sie hat einige reale Beobachtungen auf ihrer Seite. Der entscheidende Punkt ist jedoch: Die Frage ist nicht, ob abiotische Kohlenwasserstoffe existieren (das tun sie), sondern ob der überwiegende Teil der kommerziell nutzbaren Erdölvorkommen so entstanden ist. Dafür gibt es bislang keine überzeugenden Belege.
Schauen wir uns die einzelnen Argumente an.
1. Laborexperimente
Argument für die Theorie
Unter Mantelbedingungen lassen sich Methan und teilweise komplexere Kohlenwasserstoffe aus anorganischen Stoffen herstellen.
Damit ist gezeigt, dass Kohlenwasserstoffe prinzipiell ohne Leben entstehen können.
Gegenargument
Niemand bestreitet das.
Das Problem ist die Menge und Zusammensetzung. Rohöl besteht aus Tausenden verschiedener Moleküle, die erstaunlich gut zu biologischen Ausgangsstoffen passen.
Ein Laborversuch beweist lediglich die Möglichkeit, nicht dass dieser Prozess die großen Erdöllagerstätten erzeugt.
Bewertung: Starkes Argument dafür, dass abiotische Kohlenwasserstoffe existieren. Schwaches Argument dafür, dass Erdöl überwiegend abiotisch ist.
2. Titan und andere Himmelskörper
Argument
Titan besitzt riesige Methan- und Ethan-Seen ohne Leben.
Kohlenwasserstoffe entstehen also natürlich.
Gegenargument
Auf Titan gibt es fast ausschließlich einfache Kohlenwasserstoffe (Methan, Ethan).
Erdöl enthält viele schwere Moleküle und sogenannte Biomarker, die typisch für ehemalige Organismen sind.
Außerdem herrschen auf Titan völlig andere Temperaturen, Drücke und chemische Bedingungen.
Bewertung: Belegt abiotische Chemie, aber nicht die Entstehung von Erdöl auf der Erde.
3. Öl im kristallinen Grundgebirge
Das ist eines der stärksten Argumente der Befürworter.
Es gibt tatsächlich Öl in Granit oder Basalt.
Aber:
Fast immer stammt dieses Öl nach heutiger Interpretation aus sedimentären Gesteinen und ist später in Risse des Grundgebirges eingewandert.
Geologen finden häufig:
darunter oder daneben Muttergesteine
Wanderungswege
tektonische Brüche
Die Existenz von Öl im Granit bedeutet also nicht automatisch, dass es dort entstanden ist.
4. Wiederbefüllung von Ölfeldern
Ein interessantes Phänomen.
Es gibt tatsächlich Felder, deren Druck wieder ansteigt.
Die etablierte Erklärung lautet:
Öl fließt aus benachbarten Reservoirs nach.
Wasser verdrängt Öl.
Druck gleicht sich aus.
Man benötigt dafür keinen Mantel als Quelle.
5. Spurenelemente
Nickel und Vanadium kommen tatsächlich häufig im Erdöl vor.
Die abiotische Theorie sieht darin eine Mantelsignatur.
Die Gegenposition:
Nickel und Vanadium sind ebenfalls Bestandteile biologischer Moleküle.
Beispiele:
Chlorophyll enthält Magnesium.
Viele Enzyme enthalten Nickel.
Vanadium kommt in manchen Meeresorganismen in ungewöhnlich hohen Konzentrationen vor.
Diese Spurenelemente sind deshalb kein eindeutiger Herkunftsnachweis.
6. Helium-3
Das ist wahrscheinlich das stärkste geochemische Argument.
Helium-3 stammt überwiegend aus dem Erdmantel.
Es wird tatsächlich zusammen mit manchen Erdgasen gefunden.
Allerdings:
Das beweist lediglich, dass Mantelgase entlang derselben Störungen aufsteigen.
Es beweist nicht, dass auch das Öl aus dem Mantel stammt.
Die stärksten Gegenargumente gegen die abiotische Theorie
Diese Punkte gelten heute als besonders überzeugend.
Biomarker
Viele Erdöle enthalten Moleküle wie
Hopane
Sterane
Porphyrine
Diese sind chemisch eng mit Bestandteilen von Zellmembranen und Chlorophyll verwandt.
Sie gelten als fossile "Fingerabdrücke" ehemaliger Organismen.
Für ihre großflächige abiogene Entstehung gibt es bislang keine überzeugende Erklärung.
Isotopenverhältnisse
Biologisches Leben bevorzugt den leichteren Kohlenstoff (^12C).
Genau dieses charakteristische Verhältnis findet sich in fast allen Erdölen.
Mantelkohlenstoff besitzt meist eine andere Isotopensignatur.
Das spricht stark für einen biologischen Ursprung.
Zusammenhang mit Muttergesteinen
Fast jedes große Erdölfeld besitzt:
organisch reiches Muttergestein
thermische Reifung
Migration
Reservoir
Dieses Modell erklärt weltweit Millionen Bohrungen erstaunlich zuverlässig.
Eine abiotische Theorie müsste dieselben Beobachtungen mindestens ebenso gut erklären.
Vorhersagekraft
Die biogene Theorie wird seit Jahrzehnten erfolgreich verwendet, um neue Lagerstätten zu finden.
Ein wissenschaftliches Modell gewinnt an Stärke, wenn es zuverlässige Vorhersagen ermöglicht.
Gibt es überhaupt abiotisches Erdöl?
Wahrscheinlich ja – zumindest in kleinen Mengen.
Heute gehen viele Geochemiker davon aus, dass
Methan im Mantel entsteht,
einfache Kohlenwasserstoffe ebenfalls abiotisch gebildet werden können,
möglicherweise geringe Mengen komplexerer Kohlenwasserstoffe existieren.
Die eigentliche Kontroverse betrifft also nicht die Existenz abiotischer Kohlenwasserstoffe, sondern ihren Anteil an den wirtschaftlich bedeutenden Erdölvorkommen.
Fazit
Die von dir zitierte Zusammenstellung enthält überwiegend reale Beobachtungen. Die Schwäche liegt darin, dass diese Beobachtungen die Möglichkeit einer abiogenen Entstehung zeigen, aber nicht belegen, dass sie die dominierende Quelle der bekannten Erdölvorkommen ist.
Der heutige wissenschaftliche Konsens lautet daher:
Abiotische Kohlenwasserstoffe existieren sehr wahrscheinlich.
Der überwiegende Teil der weltweit geförderten Erdölvorkommen wird jedoch durch die biogene Entstehungstheorie wesentlich besser erklärt, insbesondere wegen der Biomarker, der Kohlenstoff-Isotopenverhältnisse und des engen Zusammenhangs mit organisch reichen Muttergesteinen. Diese drei Beweislinien zusammen gelten als besonders stark.