Potenzialraub
Hallo Plancius
Und immer wieder frage ich mich: Warum regt sich nirgendwo Protest gegen diese Form der Barbarei, die sich seit Jahren in unserem Lande breitmacht?
Es gilt zu begreifen, dass die neolithische Revolution als Übergang von egalitären Stammesgemeinschaften hin zu abgrenzenden, hierarchischen, auf Abgabenzwang beruhenden, überwiegend patriarchalischen Zivilisationsgesellschaften die entscheidende Wende in der Menschheitsgeschichte markiert. Uwe Wesel zeigt, dass seit der Zerschlagung des gemeinschaftlichen natürlichen Miteinanders auf der Grundlage des Gewohnheitsrechtes der Mensch kein eigenbestimmtes Potenzial mehr in sich trägt, da sein Potenzial systematisch von einer zentralinstanziellen Ordnung geraubt und neu geordnet wird. Die abgabenpflichtigen Untertanen befinden sich gegenüber der Zentralmacht letztendlich in einer Ohnmachtsposition der absoluten Unterlegenheit. Georg Jellinek schlussfolgert, dass der Staat [… ] die mit ursprünglicher Herrschermacht ausgerüstete Verbandseinheit sesshafter Menschen [ist], Hannelore Eva Kreiskys - Schwiegertochter des ehemaligen österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky - kommt in ihrer Vorlesung Mafia, Staat und Männlichkeit über Zusammenhänge zwischen Staatsbildung/Staatszerfall und den Phänomenen wie Banditentum, Mafia, organisierter Gewalt und Bandenkriegen zu der Erkenntnis, dass der Krieg […] in der griechischen Antike als die Kunst[galt], sich durch Gewalt zusätzliche Existenzmittel zu verschaffen, während der Friede die Kunst war, das Errungene zu genießen und Wolfgang Sofskys zieht die Bilanz, dass die GEWALT […] selbst ein Erzeugnis der menschlichen KULTUR [ist].
Herrschaftsformen auf der Grundlage von Macht = Geld sind Passiva und unabhängig von den in ihnen aktiv handelnden Personen. In der hermetischen Deutung von Paul C. Martins debitistischer Machttheorie, in der zeitlichen Auf- und Ableitung der Potentiale / Potentialgrenzen auf ein alles zwischen Harmonie und Disharmonie umschlagendes Machtprinzip […] die Erkenntnis heranreift, ist @Ashitakas Frage [1], ob uns jeder Glaube an den verursachten und damit änderbaren Weltenlauf entrissen wird, mit ja zu beantworten.
Weiter ist zu beachten, dass viele Medien weltweit selbst ein entscheidender Teil der gegenwärtigen Herrschaftsapparate sind – symbolisiert in der Ausstattung mit ihrer Technik und ihren Häusern, die sich wie feudale Schlösser präsentieren. Sie geben Wahrnehmungsmuster, Denkschablonen und Lebensweisen vor, die uns tagtäglich eingehämmert werden und zu einer Neuschöpfung der Wirklichkeit führen. Was wir jetzt akzeptieren müssen, ist die fundamentale Einseitigkeit der Kommunikation im Geben und Nehmen, im Sprechen und Antworten. Der Graben zwischen der Technik des Sendens u/nd des Empfangens ist grundsätzlich in unserem Zeitalter der Simulation nicht überbrückbar! Für Jean Baudrillard ist das aus seiner Weltsicht des symbolischen Tausches – von Gabe und Gegengabe – identisch mit der Macht, die ja gemäß Paul C. Martin der menschlichen Natur widerspricht. Baudrillard formuliert in Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen (S. 91) [2]:
"Die Macht gehört demjenigen, der zu geben vermag und dem nicht zurückgegeben werden kann."
Im Gegensatz zu Hans Magnus Enzensberger mit seinem Baukasten für die Theorie der Medien und Bertold Brecht mit seiner Radiotheorie, die die Utopie eines emanzipatorischen Mediengebrauchs verfolgt, hält Baudrillard das Machtgefälle für nicht umkehrbar. Die Radiotheorie besagt nämlich, dass Sender und Empfänger vertauscht werden – die Empfänger eignen sich die Sender an und funktionieren sie um. Ganz gleich, wer sendet und was gesendet wird, immer stehen auf der einen Seite die Sender und auf der anderen Seite die Empfänger. Die massenmediale Kommunikation ist grundsätzlich Nicht-Kommunikation eine Rede ohne Antwort – die Rezipienten werden mit einem Sperrfeuer an Informationen zugeschüttet. Das Machtverhältnis ist in der technischen Struktur des Mediums selbst gegründet. Das hat ja schon der kanadische Medienphilosoph Marshall McLuhan mit seinem berühmten Satz: "The medium is the message." ausgesprochen, der im Sinne des Herrschaftsapparates umgeschrieben und umgedeutet werden kann zu: "Das Medium ist die Massage" für 80 % der Bevölkerung, die restlichen 20 % sind vernachlässigbar! Die Massenmedien sind grundsätzlich monologisch. Die Möglichkeiten der Teilnahme in Form von Leserbriefen, Telefon-Hotlines, Abstimmungen, Umfragen usw. ändern nichts – vergiss es, die Partizipation ist eine Simulation.
Gruß - Ostfriese
PS
[1] https://www.dasgelbeforum.net/index.php?id=635025 Alles zu seiner Zeit?! Ashitaka, Montag, 17.04.2023, 21:08 @ Ostfriese 3713 Views
[2] https://www.merve.de/index.php/book/show/97 Jean Baudrillard: Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen