Das ist wahrscheinlich ein Wahrnehmungsproblem...
Denn komischerweise ist die "Jugend", Gen Z stets gegen Korruption etc. - nur bei der EU-Kommission findet die "Jugend", Gen Z das ganz dufte.
...die EU ist weit weg, die eigene Regierung sehr nah. Die EU-Kommission kann man nicht abwählen, die eigene Regierung schon. Wenn die eigenen Medien nicht ernst genommen werden (können), nimmt man dafür die Medien aus dem Ausland umso ernster (und die wettern fast alle gegen Orban). Wir wissen auch gar nicht, was er sich innenpolitisch so alles geleistet hat, zumindest ich nicht.
Offenbar ist Korruption dort systemisch, es ist das Recht der Jugend, zu versuchen, das abzuwählen. Wir alten Hasen lachen darüber, weil wir wissen, dass Wahlen i.d.R. nichts ändern. Aber das ist halt nur der Zynismus alter Säcke (zumindest in meinem Fall
).
Da darf eine von der Leyen bei dem Impf-Skandal ganz ungeniert sein usw. Der "Jugend", Gen Z ist es auf einmal egal.
Deshalb fand ich den Artikel gut, man muss verstehen, weshalb Orban abgewählt wurde. Uns steht eine Kritik daran eigentlich nicht zu, weil er eben ein ungarischer Politiker ist und man den Zustand eines Landes nur von innen beurteilen kann (was normalerweise schwierig genug ist).
Unser Verhängnis ist eben die EU, wegen der wir uns plötzlich über Wahlergebnisse in anderen Ländern echauffieren, weil mittlerweile alles zusammenklebt und unser Wohl und Wehe plötzlich von Wahlen in anderen Ländern abhängt (aber das ist nunmal leider der Status Quo, den es zu überwinden gilt, von daher mag ich mich der Empörung nicht anschließen, sie ist mir zu billig und irgendwie übergriffig gegenüber den ungarischen Wählern).
Ich zitiere mal:
"Denn auf der anderen Seite gab er sich vollkommen pro-europäisch, und das ist es auch, was seine junge Klientel hören wollte. Dieser Spagat zwischen dem Nationalcharakter – dem höchsten Hungarikum – und den Gesetzen des Globalismus wird der Grundkonflikt werden.
Magyar muß liefern und vermutlich schnell. Besonders die Jugend ist ungeduldig. Die Zweidrittelmehrheit gibt ihm alle Mittel in die Hand, auch verfassungsändernde. Zuerst dürften die Medien, die Justiz und die Wahlformalitäten auf Reset gestellt werden.
Nun muß Magyar die Energiefrage lösen. Wo will er sein bezahlbares Öl und Gas herbekommen, wenn nicht aus Rußland? Was soll mit dem riesigen russischen Atommeiler Paks werden, dessen Ausbau – Paks 2 – eigentlich schon beschlossene Sache war, wie will er die unverschämt hohe Inflation bekämpfen, die Staatsverschuldung bremsen? Wie will er den durch die Wahl offen zutage tretenden Generationenkonflikt lösen? Wie die schier unlösbare demographische Frage?
Übernommene Lasten – aber man hört wenig Konkretes und die paar Euro-Milliarden werden strukturell nichts ändern. Hat er überhaupt die Leute dazu, um auch die zweite, dritte und vierte Riege anforderungsgemäß zu besetzen? Wo sind die fähigen Minister, Staatssekretäre, Verfassungsrechtler, Wirtschaftsexperten? Viele seiner Leute sind entweder Ex-Fidesz-Technokraten, liberale Aktivisten oder weitgehend unbekannt. Sind beim Personal die Skandale und das Abgleiten in die Selbstbereicherung nicht schon programmiert …?"
Ich schätze das ganz ähnlich ein, bei uns ist es doch genauso. Man kann nur hoffen, dass die Ungarn bodenständiger sind, immerhin tragen sie nicht den moralischen Ballast und das deutsche Schuldkulttrauma mit sich herum.
Jede rechte Regierung könnte m.E. auch eine Auslenkung des politischen Pendels in die Gegenrichtung, ganz gut vermeiden, denn die Bevölkerungsmehrheiten sind normalerweise konservativ, sie müsste lediglich einer Volksgesetzgebung (Entscheide und Begehren) etablieren, was die Debatten insgesamt höchstwahrscheinlich versachlichen und entpersonalisieren würde.
Leider sind gerade Rechte und Konservative aber selten zu diesem Schritt bereit und berauschen sich lieber an idealisierten Machtgestalten... so lange, bis es halt (mal wieder) zu spät ist. Zwangsbeglückung ist auch auf rechter Seite leider kein unbekanntes Konzept.