Sohn von der Schule geflogen - Ausgang des Rechtsstreits - Bezug auf meinen Thread vom Dezember

Ötzi @, Samstag, 21.03.2026, 15:27 vor 6 Stunden, 29 Minuten 1647 Views

bearbeitet von Ötzi, Samstag, 21.03.2026, 16:07

Hallo liebe Gelben,

mein Sohn war im Dezember von einem privaten kirchlichen Gymnasium geflogen, ein knappes halbes Jahr bevor er die Mittlere Reife erlangt hätte - aus Verhaltensgründen. Siehe meinen Thread vom Dezember:
https://www.dasgelbeforum.net/index.php?id=679261

Ursprünglich hatte ich hier gepostet, um auszuloten, ob es vielleicht irgendwelche Möglichkeiten gibt, das letzte halbe Jahr Schulpflicht irgendwie zu umgehen.

Wir beschlossen aber dann, gegen die Kündigung vor Gericht zu gehen. Ich möchte hier nun berichten, wie die Sache ausging.

Vorgeschobener Grund der Kündigung waren ein paar jeweils wenige Sekunden lange Videos mit belanglosem Inhalt, die mein Sohn ein knappes Jahr zuvor heimlich im Unterricht aufgenommen hatte. Zugegeben keine schöne Sache, aber meines Erachtens kein Grund, ihn kurz vor Schulabschluss von der Schule zu werfen, zumal seit der Tat nachweislich bereits 9 Monate vergangen waren. Die Verhältnismäßigkeit ist da nicht gewahrt. Diese Videos waren gefundenes Fressen für die Schulleitung, weil dadurch ein nachweisbarer Straftatbestand vorlag (Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Lehrkräfte und Schüler, die auf den Videos zu sehen waren). Eigentlich wurde jedoch deswegen gekündigt, weil einige Lehrkräfte mit dem gelegentlich bockigen Verhalten meines Sohns nicht zurecht kamen und weil sich eine Schülergruppe über ihn beschwert hat, die die Lieblinge der Klassleiterin sind. Die besagten Videos wurden der Schulleitung von derselben Schülergruppe zugespielt mit dem ausdrücklichen Ziel, ihn damit von der Schule zu werfen. Die betreffenden Schüler/innen waren auf den Videos nicht zu sehen.

Die Klage war nun ein zivilrechtliches Eilverfahren, mit dem eine einstweilige Verfügung beantragt wurde. Die Gerichte behandelten das Ganze jedoch meinem Eindruck nach eher wie ein beschleunigtes, aber schon recht umfassendes Hauptverfahren. Die Gegenseite bekam Gelegenheit zur Stellungnahme (soweit normal), zusätzlich wurde aber eine mündliche Verhandlung angesetzt. Das Verfahren vor dem Amtsgericht haben wir verloren, und sind in Berufung gegangen. Wieder Gelegenheit zur Stellungnahme für die Gegenseite plus anschließende mündliche Verhandlung vor der gesamten Berufungskammer des Landgerichts (3 Richterinnen). Diesmal ging es besser für uns aus und bereits vor der eigentlichen mündlichen Verhandlung konnten wir in der so genannten Güteverhandlung einen Vergleich mit dem Schulträger abschließen. Die Vorsitzende Richterin hatte deutlich durchblicken lassen, dass unsere Klage ansonsten höchstwahrscheinlich Erfolg hat, und dass die Schule dann einen noch größeren Reputationsverlust hat, wenn sie den vorgeschlagenen Vergleich nicht eingeht und wir dann eine einstweilige Verfügung bekommen - die mindestens ein halbes Jahr Bestand hätte bis zum Abschluß des Hauptverfahrens.
Der Vergleich beinhaltet nun, dass unser Sohn das Schuljahr noch an der Schule abschließen kann und anschließend die Schule verlässt. Zudem musste er in eine Parallelklasse wechseln, was aber auch Vorteile hat.

Soweit zum Ausgang des Verfahrens. Wir haben damit unser Mindestziel erreicht, dass unser Sohn hier nicht als alleiniger Verlierer "von Bord geht", allerdings erst nach drei Monaten Verfahrensdauer. Das Ganze hat mich unglaublich Nerven gekostet, und wenn meine Arterien verkalkt wären, würde ich diese Zeilen nicht mehr schreiben.

Unser Sohn hat ingestamt 31 Schultage verpasst und muss mehrere Klassenarbeiten nachschreiben, obwohl wir darum gebeten haben, diese einfach auszulassen. Zudem ist er bei der Klassenfahrt nicht dabei, muss morgens immer sein Handy abgeben und nach Schultagsende wieder abholen. Dazu Klassenwechsel und Wechsel der Französisch-Gruppe. Dazu dürfen einzelne Lehrer mir nicht mehr auf eMails antworten und ich muss alles Schulische über die Klassleiterin der neuen Klasse klären. Also ein Maximum an Schikane.

Dennoch sind wir mit dem Ausgang des Verfahrens insgesamt zufrieden. Wir haben die linke "Schuldiktatur", die an dieser Schule herrscht, gehörig ins Wanken gebracht. Zu Gute kam uns in dem Verfahren, dass mit unserem Sohn zu keinem Zeitpunkt vernünftig über die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben wurden, geredet wurde. Die Schulordnung sieht nämlich eigentlich eine formelle Anhörung vor. Diese wurde aber nicht durchgeführt, weil an der Schule Personen das Sagen haben, die der festen Meinung sind, dass brave Mädchen und Sonderlinge unter den Jungs grundsätzlich im Recht sind. Da erübrigt sich dann, die Gegenseite anzuhören, was aber doch zu den Grundfesten jeder Rechtsstaatlichkeit gehört.

Die Schulleitung hat sich vor allem durch das mehrmalige Hin- und her lächerlich gemacht.
Zunächst wurde unser Sohn im Dezember noch vor Abschluß des Schulhalbjahres vom Unterricht ausgeschlossen, und dies allen Eltern sogar per Briefpost mitgeteilt - zwar ohne Namensnenneng, aber für jeden offensichtlich, wer gemeint war. Dann im Januar die Kehrtwende, weil angesichts unserer Klage der Schulträger eingreifen musste. Er war also im Januar wieder im Unterricht. Dann im Februar wieder nicht mehr, weil das Schulhalbjahr zu Ende war, während das Gerichtsverfahren noch lief. Der Klasse wurde dann mitgeteilt, die Schule würde das Gerichtsverfahren zu 99% gewinnen. Dann nach Abschluss des Vergleichs die zweite Kehrtwende: der Klasse musste mitgeteilt werden, dass unser Sohn wieder an die Schule geht, wenn auch in eine Parallelklasse.
Das Ganze hat an der Schule mittlerweile hohe Wellen geschlagen, und mit der Zeit wurden immer mehr Personen in diesen "Strudel" mit hinein gezogen. Ich habe hier in der Darstellung einige Nebendinge wegglassen, die nicht so relevant sind. Ausgangspunkt des Ganzen ist eigentlich ein nicht ungewöhnlicher Klassenkonflikt, in dem vermutlich auch eine Eifersüchtelei eine Rolle gespielt hat.

Ich werde ab sofort die Sache möglichst wieder deeskalieren, aus mehreren Gründen. Zum einen, weil ich in Gesprächen festgestellt habe, dass hier kein wirklich demokratischer Geist herrscht, und die Mehrzahl der Leute letztlich alle zufrieden sind, wie die Dinge an der Schule laufen und kein Problem darin sehen in der Unfehlbarkeit und moralischen Überheblichkeit, die dort von der Schulleitung und einigen Lehrkräften an den Tag gelegt wird. Jeder ist da nur auf seinen eigenen guten Ruf bedacht. Zum anderen ist es natürlich auch so, dass vor allem mein Sohn, aber auch ich selbst diverse Fehler gemacht haben im Verlauf des Ganzen, und vielleicht an der ein oder anderen Stelle anders hätten agieren sollen. Dazu sind auf der Gegenseite auch Personen geschädigt, die mehr oder weniger unbeabsichtigt in den Strudel der Ereignisse geraten sind, oder die nur deswegen auf der anderen Seite stehen, weil sie falsch informiert worden sind. Die Schülergruppe, die meinen Sohn bezüglich der Videoaufnahmen verpetzt hat, ist innerhalb der Klassenstufe für alle Zeit als "Verpetzer" gebrandmarkt und sie werden es nicht leicht haben auf dem Weg zum Abitur.
Insofern wäre es ethisch auch falsch, wenn ich nun jede Gelegenheit nutzen würde, um nochmal einen drauf zu setzen. Wenn man vor Gericht einen Vergleich schließt, sollte man ihn dann auch leben, auch wenn das manchmal schwer fällt. Last but not least ist natürlich auch mein Sohn in den verbleibenden Wochen vom Wohlwollen der Lehrkräfte abhängig.

Die Sache ist für ihn psychisch nicht einfach - er lernt in diesen Monaten seit Dezember mehr für's Leben als andere in Jahren.

Damit will ich nun auch schließen - dass das System Privatschule gegenüber einer staatlichen Schule neben Vorteilen auch erhebliche Nachteile hat, brauche ich wohl nicht mehr auszuführen.

Grüße,

Ötzi

+1 ! oT

day-trader, Samstag, 21.03.2026, 15:47 vor 6 Stunden, 9 Minuten @ tar 557 Views

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Best Trade!!!

Zitat: Warum nicht z.B. aus der 10b in die 10c wechseln? Jetzt hat die Schule genau das akzeptieren müssen oT

SevenSamurai @, Samstag, 21.03.2026, 16:33 vor 5 Stunden, 23 Minuten @ Ötzi 619 Views

Wie schon damals angedeutet.

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"Wenn ihr euch fragt, wie es damals passieren konnte:
weil sie damals (...)."
Henryk Broder

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